Alkoholexzesse bis zum Umfallen
Von Maurice Thiriet. Aktualisiert am 13.03.2010
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«Die schlimmsten Fälle kommen nie aus eigenem Antrieb»
Die schwersten Trinker sind zwischen 30 und 40 Jahre alt und oft auch verwahrlost und ohne Arbeit, sagt Monika Haberkem, Leiterin der medizinischen Notfallstation des Inselspitals Bern.
Frau Haberkern, wie wird der durchschnittliche Alkoholvergiftete bei Ihnen eingeliefert?
Leute, bei denen wir eine Alkoholvergiftung diagnostizieren und wir den Blutalkoholwert messen, kommen praktisch nie aus eigenem Antrieb. Sie werden fast alle eingeliefert – entweder von Begleitpersonen, von der Ambulanz oder der Polizei.
Wie hoch sind da die Promillewerte?
Das hängt vom Gewicht und Geschlecht der Person und der Alkoholgewöhnung ab.
Welches war der höchste gemessene Blutalkoholwert?
Das waren 4,4 Promille.
Das ist eindrücklich. Was für Menschen kriegen solche Werte hin?
Typischerweise 30- bis 40-jährige alkoholkranke Männer, die am fraglichen Abend noch massiver über die Stränge schlagen als sonst. Das heisst, sie trinken zwei Flaschen Whisky statt der üblichen halben Flasche Whisky plus Bier. Häufig haben sie ihre Stelle bereits verloren und sind verwahrlost.
Wie definiert sich eigentlich medizinisch eine Alkoholvergiftung?
In diese Studie wurden Patienten aufgenommen mit der Hauptdiagnose einer Alkoholvergiftung. Die Diagnose wurde gestellt aufgrund von klinischen Zeichen, Angaben von Alkoholeinnahme vor der Hospitalisierung und Messung des Alkoholspiegels. Die klinischen Zeichen der Alkoholvergiftung sind unter anderem Gangunfähigkeit, psychische Enthemmung bis zu Aggression und schliesslich Bewusstlosigkeit. Diese Symptome sind nicht streng abhängig von der Promillezahl, da sich beim Alkohol eine starke Toleranzentwicklung zeigt. Es gibt alkoholgewohnte Patienten, die mit 2 Promille noch sehr wenig klinische Symptome zeigen. Hingegen wird eine junge Frau, die nicht alkoholgewohnt ist, bereits mit 2 Promille bewusstlos.
Sie haben relativ wenig Partydrogen festgestellt. Kommen die aus der Mode?
Das kann ich nicht sicher beurteilen. Es ist nicht einfach, etwa K.-o.-Tropfen wie GHB klinisch nachzuweisen. Es gibt allerdings klare Anzeichen für Mischkonsum dieser Partydrogen mit Alkohol.
Welche?
Leute, die komatös eingeliefert werden, aber einen relativ tiefen Blutalkoholwert haben, haben häufig eine Mischvergiftung. Diese müssen wir teilweise beatmen und auf die Intensivstation verlegen. Die Wirkzeit von GHB ist kurz, daher sind diese Patienten nach ein bis zwei Stunden wieder hellwach.
Im Schnitt werden in der Schweiz täglich sechs Jugendliche zwischen 10 und 23 Jahren im Spital stationär wegen einer Alkoholvergiftung oder einer -abhängigkeit behandelt. Tendenz steigend. Ein ähnlicher Trend ist nun auch bei den Erwachsenen zu beobachten. Eine Studie des Inselspitals Bern zeigt erstmals, dass ambulante Einrichtungen mit einer zunehmenden Zahl von Komatrinkern konfrontiert sind. Und zwar altersunabhängig: Von 2000 bis 2007 ist der Anteil an alkoholvergifteten Patienten auf der medizinischen Notfallstation des Inselspitals von 1,4 auf 3,3 Prozent gestiegen. Absolut hat sich die Fallzahl im fraglichen Zeitraum von 134 (2000) auf 373 (2007) nahezu verdreifacht. Der durchschnittliche Blutalkoholwert betrug 2,25 Promille.
Zwar steigt auch bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 16 und 25 Jahren die Zahl der Einlieferungen wegen Alkoholvergiftung stark an. Waren im Jahr 2000 mit 29 Fällen noch 2,6 Prozent aller Patienten dieser Altersklasse von Alkohol vergiftet, waren es 2007 mit 74 Fällen schon 6,5 Prozent. Bei 23 Prozent dieser Jungen stellten die Ärzte einen Beikonsum anderer Rauschmittel fest – am häufigsten Cannabis, gefolgt von Kokain.
Viel mehr Zweiteinweisungen
Doch, so besorgniserregend die starke Zunahme von Alkoholvergiftungen bei den Jungen ist, kann diese Altersgruppe mit ihren niedrigen Fallzahlen nicht für den starken Gesamtanstieg der Alkoholvergiftungen verantwortlich sein. Zwar schlüsselt die Studie, abgesehen von den Jugendlichen, nicht auf, in welcher Altersgruppe die Zahl der Alkoholvergiftungen wie stark ansteigt. Aber die Tatsache, dass die Zahl der Zweiteinweisungen insgesamt steigt, weist darauf hin, dass vor allem Patienten zwischen 25 und 55 Jahren für den starken Anstieg verantwortlich sind. Diese haben weit mehr Zweiteinweisungen zu verzeichnen als die Jugendlichen (siehe Grafiken rechts).
Hans-Peter Kohler, bis 2006 Leiter der medizinischen Notfallstation des Inselspitals und heute Klinikdirektor der Berner Spitäler Tiefenau und Ziegler, wundert nicht, dass es vermehrt erwachsene Komatrinker gibt. «Wenn ein solches Trinkverhalten mit 16 Jahren eingeübt und von niemandem unterbunden wird, dann setzt sich das auch im Erwachsenenalter fort», sagt Kohler.
Eine Veränderung der Konsummuster
Die Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) geht ebenfalls davon aus, dass sich das Komatrinken universal etabliert. Während der Alkoholkonsum insgesamt rückläufig sei, nehme die Zahl der Alkoholvergiftungen jährlich zu. «Das lässt insgesamt auf eine Veränderung der Konsummuster schliessen», sagt SFA-Sprecherin Monique Helfer.
Klinikdirektor Kohler stellt beim Trinkernachwuchs noch kein Problembewusstsein fest: «Ein 16-Jähriger, dem ich nach dem Aufwachen sagte, dass er 3,5 Promille gehabt habe, schaute mich nur an und fragte, ob er jetzt nach Hause dürfe.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.03.2010, 12:43 Uhr
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