Schweiz

Alternativmedizin: Die Suche nach den Quacksalbern

Von Antonio Cortesi. Aktualisiert am 04.05.2009 49 Kommentare

In der Komplementärmedizin herrscht ein Wildwuchs von Therapeuten und Methoden. Ein Gütesiegel soll künftig Scharlatane ausgrenzen. Ist das überhaupt möglich?

Wissen Sie, was Ayurveda ist? Wurden Sie schon mal mit der Feldenkrais- oder der Polarity-Methode therapiert. Und ist Ihnen Reiki ein Begriff?

Ayurveda ist eine umfassende Gesundheitslehre aus Indien, in welcher der Mensch als Spiegelbild des Universums gesehen wird. Feldenkrais ist ein von einem gleichnamigen Judolehrer entwickeltes Heilverfahren, das auch bei Nervenleiden wirksam sein soll. Polarity ist ebenfalls eine Körpertherapie-Methode, die beispielsweise bei Migräne hilft. Und Reiki bedient sich feinstofflicher Energie, die von Gott geführt wird: Bei der Behandlung hält der Therapeut seine Hände über bestimmte Körperregionen des Patienten und mindert damit beispielsweise die Nebenwirkungen von Medikamenten.

Fliessende Grenzen zwischen Heilung und Hokuspokus

Komplementärmedizin ist ein Dschungel, in dem sich schweizweit 20'000 Therapeuten mit 200 Methoden tummeln. Und die Grenzen zwischen seriösem Heilverfahren und Hokuspokus sind fliessend. Die Folge: Der Konsument weiss oft nicht, ob er es mit einem qualifizierten Therapeuten oder mit einem Scharlatan zu tun hat. In den Kantonen Freiburg, Genf, Luzern, Neuenburg, Waadt und Wallis kann heute jeder Alternativtherapeut ohne jegliches Diplom eine Praxis eröffnen.

Ja zur Komplementärmedizin bringt Regelung

Mit diesem Wildwuchs soll bald Schluss sein. Stimmt das Volk am 17. Mai dem Verfassungsartikel über die Komplementärmedizin zu, sollen die Ausbildungen für nichtärztliche Therapeuten gesamtschweizerisch geregelt und eidgenössische Diplome geschaffen werden. Dies ist jedenfalls eine der Hauptforderungen des breit abgestützten Ja-Komitees.

Im Abstimmungskampf war das bisher kaum ein Thema. Das erstaunt wenig. Denn im Unterschied zu den fünf ärztlichen Methoden, die wieder in die Grundversicherung der Krankenkassen aufgenommen werden sollen, gibt es im Dschungel der nichtärztlichen Methoden kaum wissenschaftliche Erkenntnisse über deren Wirksamkeit. Nach welchen Kriterien sollen aber Quacksalber aussortiert werden? Und welche der 200 Methoden sollen mit einem nationalen Gütesiegel geadelt werden?

Gutzwiller erwartet «Glaubenskrieg»

Für Gesundheitspolitiker Felix Gutzwiller, einen der wenigen prominenten Gegner der Vorlage, ist klar: «An dieser heiklen Frage will sich vor dem 17. Mai niemand die Finger verbrennen.» Denn nach einem Ja an der Urne werde es unter den verschiedenen Schulen zu einem «unendlichen Methodenstreit» und einem «Glaubenskrieg» kommen. Das aus einem einfachen Grund: Therapeuten, die eine staatliche Anerkennung erhielten, erhofften sich, dereinst auch über die Grundversicherung abrechnen zu können. «Das würde zu einer gewaltigen Ausdehnung der Kassenleistungen führen», warnt Gutzwiller.

Die Ausserrhoder FDP-Nationalrätin Marianne Kleiner, vehemente Befürworterin der Komplementärmedizin, widerspricht ihrem Parteikollegen. Einen Glaubenskrieg werde es nicht geben, weil für die eidgenössische Anerkennung primär nicht die Therapiemethode, sondern ein medizinisches Basiswissen entscheidend sei. Dazu zählten profunde Kenntnisse der menschlichen Anatomie, der Pathologie und der Prävention. «Folglich werden Scharlatane keine Chance haben, einen geschützten Titel zu erhalten.» Zudem habe das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT), das für die Registrierung eidgenössisch anerkannter Berufe zuständig ist, bereits viel Vorarbeit geleistet.

In der Tat hatte das BBT bereits 2003 damit begonnen, einheitliche Bildungsstandards für Komplementärtherapeuten zu erarbeiten. In dieser «Koordinationskommission» wirkten Mitglieder der Berufsverbände, der Kantone, der Swissmedic und des Bundesamts für Gesundheit mit. Doch 2006 stoppte der Bundesrat das Projekt – auf Drängen von Gesundheitsminister Pascal Couchepin.

Zwei verschiedene Fachtitel

Seither trieben die Berufsverbände das Projekt selber weiter. Laut Christian Vogel, Präsident der Naturärzte-Vereinigung, soll es künftig die zwei folgenden neuen Fachtitel geben:

Heilpraktiker: Die Ausbildung umfasst total 1800 Stunden und erfolgt im Modulsystem. Eine Spezialisierung ist in vier Methoden möglich: Ayurveda, Homöopathie, traditionelle chinesische Medizin (TCM) und traditionelle europäische Naturheilkinde (TEN). Der Heilpraktiker behandelt auch akute Fälle.

Komplementär-Therapeut: Die Ausbildung ist weniger umfassend als beim Heilpraktiker. Dafür werden mehr Methoden anerkannt. Laut Christian Vogel werden es maximal 30 sein. Esoterische Disziplinen (Handauflegen, Geistheilen) sollen nicht dabei sein.

Das Ziel eidgenössischer Diplome ist letztlich ein besserer Patientenschutz. Das anerkennt auch Schulmediziner Gutzwiller. Seiner Ansicht nach würde es aber genügen, wenn die Branche im Sinne der Selbstregulierung eigene Qualitätslabel und Zertifikate schaffen würde. Zudem sei die Patientensicherheit bereits durch das Konsumentenschutzgesetz gewährleistet.

Kassen halten sich an Qualitätslabels

Wenig ändern würde sich für die Krankenkassen. Viele nichtärztlichen Therapeuten können schon heute über die Zusatzversicherung der Patienten abrechnen. Bei der CSS sind es beispielsweise rund 10'000, und die Kasse anerkennt gegen 100 Behandlungsmethoden. Sie stützt sich dabei auf das Erfahrungsmedizinische Register. Dieses wird von einer Privatfirma geführt, die sich auf die Vergabe von Qualitätslabels im Bereich der Komplementärtherapie spezialisiert hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.05.2009, 22:15 Uhr

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49 Kommentare

Chris Sabour

05.05.2009, 18:04 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Wie erkennt man Quacksalber in der Alternativmedizin? Man ruft dem Erfahrungsmedizinischen Register EMR an und erfährt, welche Ausbildung (Art, Umfang, Akzeptanz, Praxisnachweis) der Therapeut hat. Wie erkennt man Quacksalber in der Schulmedizin? Keine Chance, dies zu erfahren... Antworten


Kurt Gsell

05.05.2009, 09:10 Uhr
Melden

Es gibt Patienten / Patientinnen die rennen von einem Arzt zum nächsten, nehmen die Medikamente dann nur unregelmässig, halten sich nicht an die Verordnungen und suchen dann, auf Rat einer "Freundin" einen "Heilpraktiker" auf. Diese Kosten fallen z u s ä t z l i c h an. Was soll da billiger werden? N e i n am 17.5. Antworten



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