Komplementärmediziner wollen nicht länger warten
Von Daniel Friedli, Bern. Aktualisiert am 10.04.2009
Couchepin als Vorbild
Obwohl er als Politiker die Komplementärmedizin in die zweite Reihe verbannt hat, nimmt Pascal Couchepin als Privatmann ihre Dienste gerne in Anspruch. Er pflegte früher Wadenkrämpfe mit Arnika zu behandeln und kauft sich auch heute noch ab und zu in der Apotheke komplementärmedizinische Mittel. Dabei legt er aber Wert darauf, dass er für die Rechnung selber aufkommt und sie nicht seiner Zusatzversicherung überlasst. Genau so, wie er auch seine grundversicherten Behandlungen nicht der Öffentlichkeit aufbürde. «Auch das zahle ich aus der eigenen Tasche», sagt Couchepin dem TA. Schliesslich müsse ein Bundesrat immer auch ein wenig Vorbild sein.
Gesundheitsminister Pascal Couchepin machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Zwar hat er den Stimmberechtigten am Donnerstag pflichtgemäss empfohlen, am 17. Mai die Abstimmungsvorlage «Zukunft mit Komplementärmedizin» anzunehmen. Ausführlicher als auf ihre Vorteile ging Couchepin jedoch auf ihre Schwächen ein, wegen denen er im Parlament noch für ein Nein geworben hatte: Der Verfassungsartikel räume der Alternativmedizin rechtlich einen höheren Stellenwert ein als der Schulmedizin und verursache zusätzliche Kosten. Was die geforderte Berücksichtigung der Komplementärmedizin zusätzlich kostet, kann zwar auch Couchepin nicht genau voraussagen. Er geht aber davon aus, dass es gut und gerne 80 bis 100 Millionen Franken pro Jahr sein könnten.
Vor allem aber machte der Gesundheitsminister klar, dass er es nicht als seine Aufgabe ansieht, im Falle eines Ja aktiv zu werden. Es werde am Parlament liegen, den Volksentscheid zu interpretieren und zu entscheiden, wie es danach weiter gehen soll.
Initianten lancieren neue Gesuche
Couchepins Skepsis kennen freilich auch die Initianten – und haben darum bereits gehandelt. Schon vor dem Abstimmungstermin sind die vier Fachgesellschaften für Homöopathie, Anthroposophie, Phytotherapie und Traditionelle Chinesische Medizin in den letzten Wochen beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) vorstellig geworden. Sie haben dort eine so genannte Voranmeldung deponiert und damit signalisiert, dass sie bald wieder offiziell die Aufnahme ihrer Behandlungsmethoden in die obligatorische Grundversicherung verlangen werden.
Und zumindest gewisse Fachgesellschaften sind entschlossen, dies auch dann zu tun, wenn sie an der Urne verlieren sollten. «Wir möchten das offizielle Gesuch noch in diesem Jahr einreichen, unabhängig vom Resultat der Abstimmung», sagt Hausarzt und Homöopath Bruno Ferroni. Und der Präsident des Vereins Homöopathischer Ärztinnen und Ärzte, Clemens Dietrich, bestätigt: Man werde dieses Gesuch «auf jeden Fall» einreichen.
Damit stellt sich die Frage, ob es überhaupt noch eine Abstimmung braucht, wenn die Befürworter eine ihrer Hauptforderungen ohnehin durchsetzen wollen. Ja, sagt Dietrich. Denn man fordere damit nur, was eigentlich nach heutigem Gesetz schon gelten müsste. Zudem sei die Kostendeckung der ärztlichen Komplementärmedizin nur eines der Anliegen. Das Volk entscheide generell über die Berücksichtigung der Komplementärmedizin, und nicht darüber, ob diese heute schon die Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit erfülle. «Das ist letztlich eine Sachfrage und keine politische Frage», sagt Dietrich.
Couchepin verlangt Beweise
Entscheiden wird die Frage in letzter Instanz nichtsdestotrotz der Gesundheitsminister. Und dieser machte erneut deutlich, dass er an seiner harten Linie festhalten will. Ohne stichfeste Beweise für die Wirksamkeit der einzelnen Methoden werde er die Komplementärmedizin nicht in die Grundversicherung aufnehmen, sagte Couchepin – es sei denn, das Parlament ändere dazu das Gesetz. Aber auch von dieser Option hält er nicht viel: «Persönlich bin ich nach wie vor überzeugt, dass die Komplementärmedizin in die Zusatzversicherung gehört.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.04.2009, 19:24 Uhr
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