Konstant ansteigende Demutswerte
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 30.03.2011 16 Kommentare
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Eine neue Ehrfurcht herrscht in der Politik. Man nennt sie Pietät. Sie gebietet Respekt, Demut und Frömmigkeit, vor allem den Toten gegenüber. Noch intensiver als die Pietät wird zurzeit nur der Vorwurf ihres Gegenteils verbreitet, in Form eines Adjektivs und im Tonfall gedämpfter Empörung: pietätlos. Pietätlose haben keinen Respekt, keine Demut und keine Frömmigkeit, vor allem nicht den Toten gegenüber.
Kaum waren in Japan die ersten Schäden in den Reaktoren von Fukushima bestätigt worden, wollte die Berner SP das baugleiche AKW Mühleberg abstellen lassen. Das galt umgehend als pietätlos. Dafür sagte Energieministerin Doris Leuthard der «Tagesschau» zwei Tage nach dem Erdbeben, «bei uns ist das absolut unter Kontrolle». Tags darauf kündigte sie an, die Rahmenbewilligung für neue Atomkraftwerke auszusetzen und die bestehenden genau zu untersuchen. Statt «Schweizer Atomkraftwerke sind sicher» hiess es: «Sicherheit geht vor». Schon zu diesem Zeitpunkt war die Pietät der einen stark und die Pietätlosigkeit der anderen bedenklich angestiegen. So fand es Gabriela Winkler, freisinnige Kantonsrätin in Zürich, «schlicht pietätlos», aus der Froschperspektive eines Binnenlandes vorschnell Schlüsse zu ziehen.
Hin und Her
Einen Tag später warf der Berner FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen den AKW-Gegnern in der Schweiz vor, «die Katastrophe in Japan politisch eiskalt auszunützen»; das sei «pietätlos». Aus St. Gallen sekundierte ihn seine Parteikollegin, die Ständerätin Erika Forster: Es sei «pietätlos», sagte sie, die Vorfälle «wahltaktisch auszuschlachten». Ein paar Tage später gab die Freisinnige Partei bekannt, sie sei bereit, über eine Zukunft ohne Atomstrom zu diskutieren. Noch im Herbst hatte ihr Präsident Fulvio Pelli die AKW in der Schweiz als Notwendigkeit bezeichnet. Auch SVP-Präsident Toni Brunner vermisste Respekt, Ehrfurcht und Demut bei seinen Gegnern. Schon kurz nach dem Tsunami in Japan fand er es «eher pietätlos», mit der Angst der Bevölkerung zu spielen. Anfang Woche wiederum fand er es «pietätlos», wie die Grünen aus der Katastrophe politisches Kapital schlügen. Die SVP, hatte Christoph Blocher zwischendurch gesagt, hänge «nicht an der Kernenergie als solcher». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.03.2011, 21:38 Uhr
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16 Kommentare
Was es bedeutet, wenn ein Atomkraftwerk "in die Luft geht", wissen wir nicht erst seit Fukushima, sondern seit Tschernobil, also seit April 1986. Wer nun angesichts von Fukushima die Ausstiegsbefürworter als "pietätlos" beschimpft, bestätigt damit, dass er nichts gelernt hat bzw. nicht lernfähig ist. Solche Politiker im Herbst U.S.A. - unbedingt sofort abwählen. Antworten
Wunderbar zugespitzer Artikel, danke!
Das Wort muss nun neu definiert werden: "Pietät" meint somit: Forderungen dürfen nur dann gestellt werden, wenn sie niemanden interessieren (z.B. nur vor einer Katastrophe, nicht während und nicht danach); oder auch: das Gegenteil behaupten, von dem was man macht; zrückkrebsen.
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