Kontrolliert die Swisscom Schülerdaten?

Die Swisscom hat ihr Webfilter-System an Schulen geändert. Damit gefährde sie sensible Schülerdaten, meint ein Experte.

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Mit dem Projekt «Schulen ans Netz» ist das digitale Klassenzimmer Wirklichkeit geworden. Seit 2007 stellt Swisscom den Schulen einen kostenlosen Internetzugang zur Verfügung, dies im Sinne einer «gesellschaftlichen Verantwortung», die es wahrzunehmen gelte, so die Swisscom. Schliesslich sei ICT (Informations- und Kommunikationstechnologien) heute «eine zentrale Kulturkompetenz», die es zu fördern gelte. Zu dieser Kompetenz gehört aber auch die Frage nach der Datensicherheit. Und just auf diesem sensiblen Gebiet wurden am Mittwochabend Vorwürfe gegen die Swisscom laut anlässlich einer Tagung der Bildungsdirektion des Kantons Zürich zum Thema «Meine Daten gehören mir».

Neues Filtersystem

«Swisscom hört Schulen ab», lautet der Titel eines Blogbeitrags, den der Social-Media-Experte Philippe Wampfler noch am selben Abend online stellte. Er war auf der Tagung als Referent aufgetreten. Im Zentrum seiner Vorwürfe steht ein neues Content-Filter-System der Swisscom. Ihr Digitalpaket für Schulen beinhaltet nämlich, dass die Software Suchanfragen von Schülern prüfen und unerwünschte Inhalte herausfiltern kann. Damit soll vermieden werden, dass Schüler nach pornografischen oder gewaltverherrlichenden Inhalten suchen können oder mit solchen konfrontiert werden.

Bis vor kurzem war das problemlos möglich, weil die Swisscom unmittelbar auf die aus den Schulen angeforderten Inhalte zugreifen konnte. Doch seit kurzem versendet die Suchmaschine Google ihre Anfragen nicht mehr über das HTTP-, sondern übers sicherere HTTPS-Protokoll, womit sie für Dritte somit nicht mehr ohne weiteres einsehbar sind. Dies erhöht die Sicherheit und den Persönlichkeitsschutz des Anwenders.

Wollen Schulen und Swisscom die Inhalte trotzdem filtern, müssen sie diese Verschlüsselung aufbrechen, die Daten prüfen, filtern, sie erneut verschlüsseln und erst dann auf die Schulcomputer senden. Diese Dienstleistung hat die Swisscom an die externe Firma ZScaler ausgelagert.

«Keine Kontrolle der E-Mails»

Dieses Vorgehen erachtet der Social-Media-Experte Wampfler als problematisch. «Es wird nicht nur der Datenverkehr der Schülerinnen und Schüler abgehört, sondern alles, auch die Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern oder andere sensible Daten der Bildungsinstitutionen, die über diesen Internet-Zugang ausgetauscht werden.» Beim Problem handle es sich um einen klassischen Zielkonflikt: Wenn die Schule die Internet-Aktivitäten ihrer Schüler kontrollieren wolle, müsse sie in Kauf nehmen, dass auch ihre eigenen Daten von Externen eingesehen werden können. Ebenfalls heikel sei die Tatsache, dass ein ausländischer Dienstleister, der nicht dem schweizerischen Recht untersteht, auf diese Daten Zugriff habe. «Die Schule müsste mit dem Datenschutz vorbildlich umgehen», so Wampfler. «Aber es fehlt das Problembewusstsein.»

Die Swisscom bestätigt die Umstellung des Filtersystems, weist aber die anderen Vorwürfe zurück. Laut Sprecherin Annina Merk seien vom neuen Filtersystem nur Google-Abfragen betroffen, nicht aber der private E-Mail-Verkehr. «Bei Google-Abfragen wird die Verschlüsselung aufgebrochen, die Abfrage nach den Filterkriterien überprüft und wieder neu verschlüsselt. Das Ganze geschieht automatisiert, und die Informationen werden nicht gespeichert. Wichtig: Die Daten verlassen die Schweiz zu keinem Zeitpunkt.» Auch die Tatsache, dass das Filtern an einen externen Dienstleister übertragen wurde, sei unproblematisch, so Merk. «ZScaler ist lediglich der Lieferant unserer Lösung, die ausschliesslich auf unseren eigenen Servern läuft.» Das neue Filtersystem sei während der Herbstferien implementiert und den Verantwortlichen kommuniziert worden. Neue Verträge habe die Swisscom deswegen mit den Schulen nicht abgeschlossen.

Verständnis der Gefahren fehlt

Es gehe hierbei um ein grundsätzliches Thema, sagt Ronny Standtke von Imedias, der Beratungsstelle für digitale Medien in Schule und Unterricht, welche die Schulen beim Einsatz von ICT unterstützt. «Die Schulen sollten solche Fragen pädagogisch lösen, etwa durch Nutzungsbedingungen, auf welche die Schüler sich verpflichten müssen. Man kann das nicht einfach an die Technik delegieren.» Die Schulen verfügten heutzutage dank Swisscom zwar flächendeckend über Internet- und Kommunikationstechnologien. Doch einerseits mangle es beim Lehrpersonal oft an didaktischen Visionen, wie diese auch im Unterricht eingesetzt werden könnten. Und andererseits fehle ein grundsätzliches Verständnis für die Möglichkeiten, aber auch die Gefahren allen voran die Datenlecks, die im digitalen Schulzimmer lauern. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 25.10.2013, 07:24 Uhr)

«Gesellschaftliche Verantwortung»: Swisscom-Projekt «Schulen ans Internet». Screenshot swisscom.ch.

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