Kritiker warnen vor Schweinegrippe-Massenimpfung
Von Daniel Foppa. Aktualisiert am 03.08.2009
Das Ziel ist äusserst ambitiös: «Wir sollten eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent anstreben», sagt Hans Binz, Vizepräsident der eidgenössischen Impfkommission. Nur so könne die hoch ansteckende Schweinegrippe in Schach gehalten werden. Binz verweist auf Personen, die sich selber kaum schützen können und deshalb Solidarität benötigen. «Bei Patienten mit immununterdrückenden Medikamenten wirkt eine Impfung kaum. Sie sind darauf angewiesen, nicht von anderen angesteckt zu werden», sagt der Arzt.
Am 12. August wird die Impfkommission zusammen mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) das Vorgehen bei der freiwilligen Massenimpfung festlegen. «Wir gehen davon aus, dass zu Beginn zu wenig Impfstoff vorliegt», sagt Binz. Deshalb sind Regeln nötig, wer zuerst geimpft wird. Laut ihm dürften dies Risikopersonen wie Kinder, Schwangere und chronisch Kranke sein – aber auch Spitalangestellte, Feuerwehrleute und Polizisten. Verfügbar ist der Impfstoff voraussichtlich erst ab Oktober.
«Beispiellose Hysterie»
Gar nichts von solchen Massenimpfungen hält die Impfkritikerin Anita Petek-Dimmer. «Wir erleben eine beispiellose Hysterie», sagt die Exponentin der Vereinigung Aegis («Aktives eigenes gesundes Immun-System»), die in Vorträgen und Publikationen vor jeglicher Impfung warnt. Laut Petek-Dimmer wenden sich immer mehr Menschen ratsuchend an Aegis. «Unterdessen telefonieren uns 50 bis 60 Personen pro Tag», sagt die gelernte Sozialpädagogin. Sie alle erhalten denselben Rat: sich auf keinen Fall impfen lassen. Petek-Dimmer warnt vor schlimmen Nebenwirkungen bis hin zu Lähmungen. Sie verweist auf eine misslungene Impfaktion in den USA: 1976 erkrankten 13 Soldaten an einem neuen H1N1-Virus, einer von ihnen starb. Darauf wurden über 40 Millionen Menschen mit einem in aller Eile hergestellten Impfstoff geimpft. Die Folgen waren gehäufte Berichte über Impfkomplikationen. Zu einer Pandemie kam es hingegen nicht.
Von einer «massiven Angstkampagne» spricht auch der homöopathische Arzt Peter Mattmann. «Der Effekt ist verheerend: Die Leute sind verunsichert und damit erst recht grippeanfälllig», sagt der Impfkritiker. Die Schweinegrippe sei in ihrer bisherigen Ausprägung vergleichbar mit einer saisonalen Grippe. «Dagegen muss man sich nicht impfen lassen», sagt Mattmann. Wie bei einer herkömmlichen Grippeimpfung sei weder der Nutzen noch die Unbedenklichkeit der Massnahme erwiesen. Komme hinzu, dass der neue Impfstoff sehr schnell produziert und beschleunigt zugelassen werde. «Es fehlt die Zeit, Nebenwirkungen umfassend abzuklären», sagt der Arzt. Er empfiehlt gegen die Schweinegrippe vor allem Hygienemassnahmen und warnt: «Die Gefahr besteht, dass sich die Leute wegen des Impfstoffs in falscher Sicherheit wähnen und die Vorsichtsmassnahmen vernachlässigen.»
Keine Zwangsimpfungen
Kein Verständnis für die Impfgegner hat Hans Binz von der Impfkommission: «Wer von einer Impfung abrät, handelt verantwortungslos.» Laut ihm ist das Risiko einer Nebenwirkung um ein Tausendfaches geringer als die Gefahr, ernsthaft an der Schweinegrippe zu erkranken. «Die Bedenken der Impfgegner sind wissenschaftlich nicht fundiert», sagt Binz. Um möglichst viele Menschen von der Notwendigkeit der Impfung zu überzeugen, will die Kommission «an die Vernunft appellieren». Nicht vorstellbar seien Zwangsimpfungen.
Ob die nahezu vollständige Durchimpfung der Bevölkerung erreicht wird, ist allerdings fraglich. Laut einer BAG-Umfrage waren Ende Juni nur 27 Prozent der Befragten bereit, sich impfen zu lassen, sobald ein wirksamer Impfstoff vorliegt und von den Behörden empfohlen wird. Für den Fall, dass viele Personen schwer erkranken, wären immerhin 41 Prozent zu einer Impfung bereit. Gegen eine saisonale Grippe lassen sich im Schnitt 15 Prozent der Bevölkerung impfen. «Diese Zahlen steigen rasant, wenn es wegen der Schweinegrippe auch hierzulande zu Todesfällen kommt», sagt dazu Binz.
Risiken müssen kommuniziert werden
Simonetta Sommaruga, Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz, fordert die Behörden derweil zur transparenten Information auf: «Die Impfkommission darf keinen Druck aufsetzen. Sie muss die Bedenken der Bevölkerung ernst nehmen.» So müssten die Risiken der Impfung klar benannt werden. «Um die Leute in die Arme der Impfgegner zu treiben, gibt es kein besseres Mittel, als ihnen Antworten schuldig zu bleiben», sagt Sommaruga.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.08.2009, 21:30 Uhr
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