Land ohne Führung
Von Peter Hartmeier. Aktualisiert am 24.02.2009 77 Kommentare
Peter Hartmeier, Chefredaktor des Tages-Anzeigers.
Natürlich freuen wir uns, wenn ein Bundesrat Zeit findet, dem Kunstmaler Hans Erni zum 100. Geburtstag zu gratulieren. Und selbstverständlich finden wir den Asien-Trip unserer Wirtschaftsministerin inspirierend. Gebannt beobachten wir den Streit von Bundesrat Pascal Couchepin mit den Ärzten. Wir verstehen, dass unsere Bundesräte ihre Tage irgendwie ausfüllen müssen - bestünde da nicht noch ein anderes Problem. Ein kleiner Zwist mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Mit gewinnmaximierenden Bankmanagern, die angeblich Untaten begangen haben. Mit einer Grossbank, die durch ihre Schräglage unsere Volkswirtschaft gefährdet. Mit Bankkunden, die das Vertrauen in den Schweizer Rechtsstaat verlieren. Mit unbescholtenen Schweizer Bürgerinnen und Bürgern, die plötzlich verdächtigt werden, Profiteure eines Schurkenstaates zu sein.
Die Eidgenossenschaft durchlebt eine der härtesten Krisen der letzten 50 Jahre. Und wieder wird das Land nicht regiert. Weder übernimmt der Bundespräsident die Führung, noch agiert die Aussenministerin. Und in der Diplomatie fehlen offensichtlich Köpfe: In seinen besten Zeiten wäre jetzt ein Franz Blankart eingesprungen oder ein Thomas Borer. Bis vor zehn Jahren bestanden enge Beziehungen zu Deutschland, das oft die Interessen der Schweiz in der EU vertrat. Heute agieren in Berlin mangels eidgenössischen Lobbyings fast nur noch Gegner unseres Landes. In Washington sollen diese Woche einige Schweizer Parlamentarier für die Interessen des Finanzplatzes weibeln. Sie werden böse Überraschungen erleben, weil ein Krisenmanagement nicht aus dem Stegreif organisiert werden kann.
Am schlimmsten ist die fehlende Glaubwürdigkeit und Akzeptanz: Manager, deren Horizont nur aus Zahlen besteht, verstecken sich tatsächlich besser in der Anonymität; Politiker, die unser Land international in die politische Isolation trieben, schweigen richtigerweise. Die Bildung einer Taskforce ist eine gute Idee, mit der auch die unselige Trennung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug beendet werden kann. Dafür braucht es aber eigenständige Persönlichkeiten, die gegen innen Unpopuläres sagen und gegen aussen als mutige Interessenvertreter überzeugen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.02.2009, 10:07 Uhr
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Bravo Peter Hartmeier - Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Wir haben keine "Kapitäne" mehr in der Regierung - sondern nur noch "Einzelkämpfer" (die Damen engeschlossen). Leider wird nur noch "reagier2 Statt "agiert". Auch fehlen die von Ihnen genannten "Diplomaten" - welche tatsächlich etwas bewirken könnten. Wo ist z.B. "Thomas Borer" - als ehemaliger Chef der Taskforce? Antworten
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