Lautsprecher auf dem Minarett
Von Thomas Knellwolf. Aktualisiert am 15.10.2009
«Provisorisch»?: Lautsprecher am Minarett im deutschen Rheinfelden. (Bild: Arne Bensiek / «Badische Zeitung»)
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600 Meter nördlich des Rheins ruft freitags der Muezzin aus 21 Metern über Boden zum Gebet. In der Ortschaft, die auf schweizerischer Flussseite gleich heisst wie auf der deutschen – nämlich Rheinfelden – , steht seit einigen Jahren eine Moschee. Und wöchentlich ertönt seit mehr als einem halben Jahrzehnt der Gebetsruf vom Minarett, ohne dass es deswegen zu gröberen Problemen gekommen wäre im Schwabenland. Auch aus der Schweiz, wo nirgendwo ein öffentlicher Gebetsruf zu hören ist, fahren viele Gläubige zum Beten in die Rheinfelder Alperenler-Moschee.
Doch nun, sieben Wochen vor der Abstimmung über die Anti-Minarett-Initiative südlich des Rheins, gibt es Ärger. Ein Vorstandsmitglied der türkisch-muslimischen Gemeinde Rheinfelden hat drei Lautsprecher auf dem Minarett angebracht. Der Mann tat dies eigenmächtig und provisorisch, wie ein Sprecher der Religionsgemeinschaft betont. Die Begründung für die Elektronikbastelei: Der Gebetsruf solle neu auch ab Band erfolgen, weil das Besteigen des Minaretts mühsam sei.
Schlüer: «Eskalation logisch»
«Ich fühle mich veräppelt», sagt nun der Baubürgermeister der Stadt gegenüber der «Badischen Zeitung». Er hatte sich nach der Jahrtausendwende in der Auseinandersetzung um den Minarettbau für die Anliegen der Muslime stark gemacht. Damals ist vereinbart worden, dass zwar zum freitäglichen Mittagsgebet gerufen werden darf, aber nur mündlich und unverstärkt.
Auch Werner Ross, der Vorsitzende des Christlich-Islamischen Vereins Hochrhein, ist «enttäuscht und verärgert»: «Die Sache mit dem Lautsprecher gibt Leuten Auftrieb und Argumente, die gegen Muslime Stimmung machen wollen.» In der Tat bereitet der eigenmächtige Verstärkerinstallateur den schweizerischen Anti-Minarett-Initianten Freude. Durch die Vorkommnisse am Nordufer des Rheins sehen sich die Befürworter des Volksbegehrens in ihren Befürchtungen bestätigt. «Eine solche Eskalation ist nichts als logisch», findet SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer. «Ein Minarett dient dem Zweck, dem Muezzin eine Plattform zu verschaffen», sagt der geistige Vater der Initiative, über die am 29. November abgestimmt wird.
«Die Minarett-Gegner verbreiten Horrorszenarien», sagt Hisham Maizar, Präsident der Föderation Islamischer Dachverbände in der Schweiz, zu Schlüers Befürchtungen. Die Minarettgegner, so diagnostiziert der Thurgauer Arzt Maizar, suggerierten, dass Minarette wie Pilze aus dem Boden schiessen werden, dass Gebetsrufe im ganzen Land erschallen werden und dass alle muslimischen Frauen in der Schweiz nur mehr mit Burka herumlaufen werden.
«Niemals in der Schweiz»
Die Realität sehe anders aus und werde auch anders bleiben, sagt Maizar. Heute riefen in der Schweiz Muezzine nur im Innern der Moschee zum Gebet auf – und das in Zimmerlautstärke. «Es wird niemals ein Muezzin vom Minarett rufen», beteuert Maizar, «niemals werden Lautsprecher an Moscheen installiert.» Im Baugesuch für das umstrittene Minarett in Wangen wurde der öffentliche Gebetsruf ausgeschlossen. Anti-Minarett-Verfechter Schlüer entgegnet, das Beispiel der Moschee in Rheinfelden verdeutliche nur, was der Schweiz noch bevorstehe: das Fortschreiten der Islamisierung.
Inzwischen hat die türkisch-muslimische Gemeinde in Rheinfelden hoch und heilig versprochen, die drei 30-Watt-Lautsprecher wieder zu demontieren. Gleichzeitig hat sie ein Baugesuch für eine dauerhafte Verstärkeranlage angekündigt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.10.2009, 08:26 Uhr
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