«Le Temps» muss sich neu erfinden

Die Westschweizer Zeitung baut Stellen ab und richtet sich neu aus. Die Qualität soll darunter nicht leiden, sagt der Chefredaktor. Daran gibt es Zweifel.

Journalistisches Prestigeprojekt in Nöten: «Le Temps»-Archiv in Genf.

Journalistisches Prestigeprojekt in Nöten: «Le Temps»-Archiv in Genf. Bild: Keystone

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Valérie Boagno, Direktorin von «Le Temps», informierte die Redaktion diese Woche darüber, dass sich die wirtschaftliche Situation der Zeitung verschlechtert habe. Der Grund: «Die Werbeeinnahmen sind eingebrochen.» Aus diesem Grund sei man gezwungen, Personal zu entlassen. Wie viele Personen und welche Bereiche des Unternehmens betroffen sind, ist unklar. Verlässliche Quellen sprechen unabhängig voneinander von 18 Personen, die der Stellenabbau tangieren werde. Man versuche, nicht einfach Stellen zu streichen, sondern Pensen zu reduzieren, damit möglichst viele Journalisten weiterarbeiten könnten. Aktuell beschäftigt «Le Temps» 144 Journalistinnen und Journalisten, wobei die grosse Zahl über den tatsächlichen Stellenplan hinwegtäuscht, da eine grosse Anzahl Angestellter mit Teilzeitverträgen oder auf Honorarbasis ans Verlagshaus gebunden sind.

Die Folgen der Finanzkrise

Die Unternehmensleitung hat bislang darauf verzichtet, die Öffentlichkeit in einem Editorial über die Ursachen der angespannten Wirtschaftslage und die Abbaupläne zu informieren. «Le Temps» dürfte insbesondere der Einbruch bei den von Finanzdienstleistern geschalteten Inseraten zu schaffen machen. Auch über Pläne, in welche Richtung sie das Blatt neu auszurichten gedenkt, ist bislang nichts bekannt geworden. Es heisst, «Le Temps» überlege sich, seine Sportredaktion aufzulösen, das einmal wöchentlich erscheinende Ausgehmagazin «sortir.ch» einzustellen, mehr Inhalte ins Internet zu verlagern und nur noch an einzelnen Tagen pro Woche eine Printausgabe herauszugeben.

Chefredaktor Pierre Veya sagt dazu: «Wir werden uns auf unsere Stärken fokussieren, unser Angebot quantitativ reduzieren, um die hohe Qualität zu behalten.» Und er versichert, dass die Zeitung weiterhin an sechs Tagen pro Woche erscheinen wird. Veya vergleicht die publizistische Zukunft «seiner» Zeitung mit einem Restaurant, das seine Karte reduziert und seine Stärken ausbaut. Danach stehe zwar weniger drauf, aber an der Qualität des Angebots ändere sich nichts.

Dominique Diserens, Zentralsekretärin des Medienverbands Impressum, ist skeptisch, ob das gelingen wird. Mit Verweis darauf, dass die Zeitung 2006 und 2009 bereits Stellen abgebaut hat, sagt sie: «Wenn ‹Le Temps› heute spart, wird sich das auf ihre Qualität auswirken.»

«Le Monde» als Vorbild

Die 1998 aus einer Fusion der Zeitungen «Nouveau Quotidien» und «Journal de Genève et Gazette de Lausanne» hervorgegangene «Le Temps» gilt seit ihrer Gründung als publizistisches Prestigeprojekt. 2004 kam die Zeitung das erste Mal in die schwarzen Zahlen. Auch 2011 resultierte ein positiver Jahresabschluss. Wie andere Schweizer Zeitungen verzichtet auch «Le Temps» auf die Veröffentlichung ihres Jahresergebnisses. Bekannt ist: Die Zeitung erreicht täglich rund 120'000 Leser; die verkaufte Auflage beträgt 42'000 Exemplare.

Die Redaktoren der ersten Stunde hatten den Anspruch, die Pariser «Le Monde» für die Westschweiz zu produzieren. Dieser Ehrgeiz ist der Redaktion nicht abhandengekommen. «Le Monde» glaubte an das Westschweizer Blatt und investierte im Gegenzug in «Le Temps». Aktuell besitzt sie 2,1 Prozent der Aktien. Das Sagen haben aber der Tamedia-Konzern, der auch den «Tages-Anzeiger» herausgibt, und Ringier. Tamedia (TAMN 126.2 -0.79%) hält über seine Westschweizer Tochter Edipresse 46,2 Prozent der «Le Temps»-Aktien. Ringier hat seine Beteiligung in den letzten Jahren auf 50 Prozent ausgebaut.

Uneinigkeit über Rendite

Ringier-Sprecher Edi Estermann dementiert Informationen, wonach Ringier und Tamedia von «Le Temps» eine Umsatzrendite von mindestens 15 Prozent verlangten. «Der Verwaltungsrat hat eine Umsatzrendite von 8 Prozent als Ziel definiert», schreibt Estermann auf Anfrage. Zudem heisst es aus dem Umfeld von «Le Temps», zu hohe Druckkosten seien mitverantwortlich für die gegenwärtige Situation.

Die Zeitung wird wie die Konkurrenzblätter «24 heures» und «Tribune de Genève» im Druckzentrum Bussigny produziert, das der Tamedia gehört, profitiert aber anders als die Konkurrenz nicht von einem Rabatt. Der Vertrag zwischen «Le Temps» und der Druckerei in Bussigny wurde 2003 im Einvernehmen zwischen den Partnern Ringier und Edipresse abgeschlossen und gilt bis 2015. Ringier-Sprecher Estermann sagt: «Ringier hat versucht, diese Bedingungen neu zu verhandeln, bislang erfolglos.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.11.2012, 06:46 Uhr)

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