«Lehrer können Leistungen nicht vorurteilsfrei benoten»
Von Antonio Cortesi. Aktualisiert am 23.10.2009
Markus Neuenschwander: Der 43-Jährige ist Professor für Pädagogische Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz. Er leitet die Studie «Familie – Schule – Beruf».
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Der Einfluss der Eltern auf die schulischen Leistungen der Kinder ist enorm. Was sind die Gründe für diesen erstaunlichen Befund?
Es gibt zunächst genetische Gründe. Eltern vererben Intelligenz und Aspekte der Persönlichkeit, die Grundlagen für Leistungen sind.
Das sind jedoch naturgegebene Faktoren.
Darüber hinaus spielt die Bildungseinstellung der Eltern eine zentrale Rolle. Von grosser Relevanz ist dabei die Erwartung, dass die Kinder in der Schule hohe, aber realistische Leistungen erbringen. Weiter ist entscheidend, wie die Eltern auf Erfolg oder Misserfolg ihrer Kinder reagieren. Und generell ist der Erziehungsstil wichtig. Besonders günstig wirkt sich ein autoritatives Verhalten aus: Die Eltern bringen den Kindern viel Wärme und Respekt entgegen, strukturieren den Alltag aber auch klar und stellen Forderungen. Schliesslich ist ein kognitiv stimulierendes Umfeld wichtig.
Wie relevant ist gesamthaft die vererbte Intelligenz?
Das lässt sich nicht genau beziffern. Denn intelligente Kinder provozieren ein Elternverhalten, durch welches sie stärker gefördert werden. Intelligenz bleibt aber sicher ein wichtiger Faktor für Schulleistungen.
Kann man umgekehrt den Schluss ziehen, dass ein minderbegabtes Kind mit ehrgeizigen Eltern trotzdem gute Noten erzielt?
Generell lässt sich sagen: Ein Kind mit tiefer Intelligenz, aber sehr guter Elternförderung bringt deutlich bessere Schulleistungen als ein Kind, das von den Eltern nicht gefördert wird.
Der wichtigen Rolle der Eltern steht der überraschend geringe Einfluss der Lehrer auf die Schülerleistungen gegenüber. Was machen die Lehrer falsch?
Es geht nicht um richtig oder falsch. Die tiefe Einflussquote zeigt primär, dass sich die Lehrerinnen und Lehrer im Unterricht generell kaum unterschiedlich wirksam verhalten. In anderen Worten: Das Unterrichtsniveau ist generell gut, und der Unterschied zwischen guten und schlechten Lehrpersonen fällt im Hinblick auf Schülerleistungen nicht so stark ins Gewicht, wie dies bei den Eltern der Fall ist.
Also ist es eine Illusion zu glauben, ein Lehrer könne einen begabten Schüler besonders fördern – und zwar unabhängig von seiner Herkunft.
Das stimmt nur bedingt. Der Einfluss des Lehrers ist ja vorhanden. Er ist einfach weniger stark als jener der Eltern. Es spielt nach wie vor eine Rolle, wie eine Lehrkraft unterrichtet. Wir haben in unserer Studie festgestellt: Wenn Lehrpersonen einzelne sozial benachteiligte Kinder besonders intensiv fördern, zeigt dies durchaus Wirkung auf deren Leistungen. Ich möchte betonen: Die Lehrkräfte in der Schweiz machen generell einen guten, wichtigen und unersetzbaren Job.
Wirklich? Gemäss Ihrer Studie beeinflussen die Eltern sogar die Notengebung der Lehrer.
Das ist in der Tat auch für mich neu und überraschend. Der Befund ist aber klar nachweisbar, wenn auch nicht so stark.
Also müssen Eltern nur Druck machen, und dann erhält ihr Kind für objektiv gleiche Leistungen die besseren Noten als Schüler mit weniger ambitionierten Eltern.
Offenbar. Man weiss allerdings schon längst, dass Leistungsbeurteilungen nie objektiv sind. Auch Lehrkräfte sind immer durch Vor-Einstellungen gefährdet, gleiche Leistungen unterschiedlich zu belohnen. Das ist aber nicht ein spezifisches Problem der Lehrer. Menschen lassen sich generell bei Bewertungen von Erwartungen beeinflussen. Bei den Lehrern ist dieses Problem aber bei der Leistungsbeurteilung bedeutsam.
Und ein Beleg dafür, dass die meisten Lehrer parteiisch sind?
Nein, das ist kein Beleg für die Parteilichkeit, sondern dafür, dass Lehrer Schülerleistungen nicht vorurteilsfrei beurteilen können.
Mit der Konsequenz, dass Chancengleichheit gar nicht möglich ist.
Es kommt darauf an, was Chancengleichheit heisst. Man kann aber sicher nicht sagen, dass Kinder unabhängig von ihrer Herkunft gleiche Chancen haben. Die familiäre Herkunft beeinflusst bei gleichen Leistungen die Übertrittschancen nachweisbar.
Sollten in der staatlichen Volksschule aber nicht alle Kinder gleiche Chancen haben – gemäss ihren Talenten und nicht aufgrund der Erwartung ehrgeiziger Eltern?
Persönlich teile ich diese Meinung. Letztlich ist das aber eine Wertefrage, welche die politischen Parteien unterschiedlich beantworten. Je nach Standpunkt kann man ja auch eine Elitebildung fordern.
Was müsste man an der Schule ändern, damit die Bildungschancen gerechter verteilt sind?
Man müsste einerseits Kinder, die von den Eltern wenig unterstützt werden, im Unterricht mit Zusatzmassnahmen fördern. Andererseits müsste der Übertritt in die Sekundarstufe anders gestaltet werden. Da gibt es nämlich aufgrund der Erwartungen seitens der Eltern ebenfalls verzerrende Effekte. Im Grunde müssten die kompetentesten Kinder auch die anforderungsreichsten Anschlussschulen besuchen können.
Dem ist aber nicht so, wie Ihre Studie zeigt: Der Selektionsentscheid ist stark vom Engagement der Eltern beeinflusst.
Das ist nicht nur schlecht. Dass die Eltern bei dieser wichtigen Weichenstellung involviert sind, ist richtig. Eltern engagieren sich für ihre Schule stärker, wenn sie bei wichtigen Entscheidungen mitreden können – was den Kindern zugute kommt und die Akzeptanz der Schule erhöht. Die Frage ist aber, wer letztlich den Entscheid darüber trifft, ob ein Kind beispielsweise in die Sek A oder in die Sek B kommt. Dazu gibt es in der Schweiz keine einheitliche Praxis. Mich überzeugt am ehesten folgendes Modell: Der Lehrer macht einen Vorschlag und strebt eine Einigung mit den Eltern an – und im Konfliktfall entscheidet die Schulpflege.
Damit ist das Problem nicht gelöst, dass Kinder aus bildungsfernem Milieu im Nachteil sind. Müsste man deren Eltern gezielt in entsprechende Kurse schicken?
Das wäre die logische Folge. Die Frage ist bloss, wie man die richtigen Eltern erreicht. Unsere Studie zeigt nämlich: Verstärkte Zusammenarbeit mit den Eltern verstärkt die Ungleichheit. Denn vom Angebot profitieren gerade bildungsnahe Eltern am stärksten. Also bräuchte es spezielle Kurse zum Beispiel für Migranteneltern. Sie müssten so ausgeschrieben und gestaltet werden, dass sie auch genutzt werden.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.10.2009, 08:19 Uhr
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