Schweiz

Lohnt es sich, bürgerlich zu werden?

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 25.04.2010

Warum nicht die Seiten wechseln und bürgerlich werden? Nicht zuletzt, weil es langsam passen würde.

Bild: Widmer

Es gibt den klugen Satz von George Bernhard Shaw: «Wer mit 20 kein Revolutionär ist, hat kein Herz, wer es mit 40 noch ist, hat keinen Verstand.» Nur Dummköpfe denken nie an Verrat. Denn am Ende jedes wirklichen Denkens steht der mögliche Verrat der eigenen Position. Zeige mir jemanden, der auf seine Gradlinigkeit stolz ist. Und ich zeige dir jemanden, der auf seine Dummheit stolz ist.

So stellt sich unter Kollegen um die 40, die in ihrer Jugend alle Punk hörten, bei etwas Alkohol öfters die Frage: Warum nicht die Seiten wechseln und bürgerlich werden? Nicht zuletzt, weil es langsam passen würde: zum Wachstum von Familie, Einkommen und zur undefinierten Zone um die Hüften.

Ex-Rebellen waren Amateure

Es ist eine Frage der Würde, so zu denken, wie man ist. Und das Leben lässt wenig unverändert. Gerade die Punk-Generation hat die Geschichte hart getroffen: Denn die wahre Anarchie kam nicht durch Flüche und Frechheiten, sondern durch die verachteten angepassten Schwiegersöhne: Juristen, Ökonomen und Banker. Die Rebellen der 80er-Jahre haben nichts erreicht als ein Stück Musikgeschichte. Die Streber von der HSG aber haben das Weltfinanzsystem an den Rand des Abgrunds gebracht. Und sind damit auch noch straflos davongekommen.

Die Ex-Rebellen müssen sehen, dass sie Amateure waren. Längst haben sie vom Lager der Schockierer ins Lager der Schockierten gewechselt. Eine ganze Generation gleicht dem bösen Wort von Robert Neumann über Erich Kästner: «Halb ein Bürgerschreck, halb ein erschrockener Bürger.»

Der Traum von Solidarität

Rebellion bedeutet heute: der Traum von Solidität. Das Rüpeltum hat längst die Seite gewechselt – nach rechts, in die Partei der gradlinigen SVP. Und Chaos, Staatsfeindschaft und Erregung öffentlichen Ärgernisses – das ist längst der Job der Grossbanken.

Die oppositionelle Haltung dagegen wäre Freundlichkeit, Mass, Sich-nicht-betrügen-Lassen. Die Konsequenz daraus sind bürgerliche Werte. Denn Freundlichkeit im Alltag bedeutet: Manieren. Der Pfusch in Politik, Wirtschaft und Medien lässt solide Arbeit plötzlich in rebellischem Glanz erstrahlen.

Seitenwechsel der Rüpel

Es ist Zeit, das Bürgertum ernst zu nehmen. Immerhin hat es im 19. Jahrhundert in wenigen Jahren ein ganzes Land aus dem Boden gestampft: ein Polit-, Schul- und Wirtschaftssystem, Rathäuser, Universitäten, Eisenbahnen, Fabriken, Theater  einst war auch die Schweiz strahlend jung.

Und sie hat gut gearbeitet. Während die heutigen Banken behaupten, nur mit genial bezahlten Köpfen funktionieren zu können, läuft die Schweiz auch mit mittelmässigem Personal erstaunlich rund. So clever ist sie konstruiert.

Ist das Bürgertum noch bürgerlich?

Nur: Ist das Bürgertum noch bürgerlich? Also vorausschauend, solide, der Freiheit verpflichtet? Einen Eindruck erhält man heute bei der Delegiertenversammlung der FDP. Diese berät über zwei Dinge: öffentlich über die Weissgeld-Strategie. Und im Hinterzimmer über die Nachfolge von Bundesrat Merz.

Alle Prognosen für die Versammlung sind finster: Bei der Weissgeld-Strategie ist FDP-Präsident Fulvio Pelli gerade zum zweiten Mal gekippt. Zuerst vom Betonverteidiger der Privatbanken zu einer Anti-Steuerhinterziehungs-Strategie. Und jetzt wieder zurück: Das eben noch für vergangen erklärte Bankgeheimnis soll plötzlich in die Verfassung. Am Ende des Zickzackkurses steht also das Festhalten an einem veralteten Geschäftsmodell: keine Vorwärtsstrategie, sondern eine Position, die das Land weitere Jahre in Abwehrschlachten verheddert.

Bei der Merz-Nachfolge gilt die St. Galler Regierungsrätin Karin Keller-Sutter als klare Favoritin. Eine Frau, die Karriere mit einer einzigen Sache gemacht hat: Vorschriften gegen unpopuläre Gruppen, von Asylbewerbern bis Fussballfans. Sie steht für alles – nur nicht für Freundlichkeit, Gelassenheit, Freiheit.

Fett, aber impotent

Überhaupt ist es auffällig, dass die sichtbaren Exponenten der FDP lauter Quereinsteiger sind: vom Industriellen-Berater Merz zur Marketingfrau Fiala, vom TV-Macho Leutenegger zum Restenhändler Ineichen. Entsprechend rau sind die Manieren. Der Grund für den rasanten Aufstieg dieser Aufsteiger in der FDP ist: ein Vakuum. Längst gibt es das solide Bürgertum, das einst die Schweiz regierte, nur noch in der Erinnerung – eine ganze Generation bürgerlicher Honoratioren und Talente verschwand nach 1989 mit dem Aufstieg der Finanzindustrie: in den Skandalen um Swiss Re, Swissair und UBS.

Das Bürgertum verschwindet auch physisch. Am Zürichberg und in den Villengemeinden am See werden die alten Bürgerfamilien zu fantastischen Preisen aus ihren Festungen herausgekauft: von der neuen Kaste von abenteuerlustigen Finanzmanagern und alten Reichen, die entkräftet von den Abenteuern ihres Beutezugs nur noch die Steuern ihres Landes umgehen.

Mit 20 Rebell, mit 40 Bürger?

Ein letztes Mal wird hier ohne Zukunft Kasse gemacht – mit dem Verkauf setzt das Schweizer Bürgertum auf dieselbe Strategie wie die Banken mit dem Bankgeheimnis, über das der Bankier Hans J. Bär einmal gesagt hat: Es mache seine Branche «fett, aber impotent». Was bleibt, ist das gefüllte Konto, eine Villa in weniger vornehmer Gegend und eine videoüberwachte Mauer zum Schutz.

Mit 20 Rebell, mit 40 Bürger? Das Gespräch über Verrat endet jedes Mal mit einem Seufzer: Es ist zu spät. Wie kann man bürgerlich werden, wenn das Bürgertum selbst verschwunden ist? Es hat die Macht, die Ideen und – am unverzeihlichsten – den Stil verloren. Kein Mensch von Verstand kann sich ihm anschliessen wollen. Es bleibt nur zu sagen, was man schon mit 20 gesagt hat. Nur diesmal traurig: «F...!»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2010, 16:42 Uhr

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