Longchamps lange Herrschaft

Vor 25 Jahren begann der Aufstieg von Claude Longchamp zum bekanntesten Politologen der Schweiz. Dann folgten die Krisen. Jetzt wird er pensioniert.

Longchamp verweigerte die Krawatte und kam zur Fliege. Foto: Fabian Unternährer (13 Photo)

Longchamp verweigerte die Krawatte und kam zur Fliege. Foto: Fabian Unternährer (13 Photo)

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Manche Themen spricht man bei Claude Longchamp besser nicht an. Oder erst gegen Ende des Gesprächs. Seine frühere Mitgliedschaft bei der SP oder die Fälle, in denen Abstimmungsresultate nicht mit Umfragewerten übereingestimmt haben. Am Telefon würde er vielleicht wütend das Gespräch beenden. Doch wir sind nicht am Telefon, sondern im Innenhof des Generationenhauses beim Bahnhof Bern. Ein Altersheim und eine Kita sind darin untergebracht sowie das Restaurant Toi et moi, in dem Longchamp kürzlich seinen 60. Geburtstag gefeiert hat.

Die Wut über die nicht genehmen Fragen verfliegt schnell. Nach wenigen Sekunden wendet er sich dem nächsten Thema zu, der nächsten Anekdote. Claude Longchamp lässt sich diesen Monat frühpensionieren, der 21. Mai ist sein 77. und letzter Abstimmungssonntag am Fernsehen. Und es lohnt sich, beim Rückblick auf seine Karriere das grosse Ganze zu sehen, nicht die schmerzhaften Niederlagen ins Zentrum zu rücken. Diese sind darum interessant, weil sie etwas über den Menschen Longchamp und das Funktionieren der Medien und der Öffentlichkeit aussagen.

Die RS als «Zwangsanstalt»

Das grosse Ganze beginnt im Kanton Waadt, der Vater ist Westschweizer, die Mutter Aargauerin, zu Hause spricht man Deutsch und Französisch. Die Familie zieht nach Freiburg, dann in den Aargau. Longchamp beginnt sein Studium in Zürich und zieht später für die Dissertation nach Bern. Ja, die vielen Umzüge seien der Grund, weshalb man seinen Dialekt nicht zuordnen könne, sagt er.

Mit den meisten ­Widersachern hat er sich versöhnt. Doch mit Blocher kommt er ­immer noch nicht aus.

In Zürich interessierten ihn die Jugendunruhen Anfang der Achtzigerjahre, er hätte sich gern engagiert. Doch die Bewegung sei ihm zu dogmatisch ­gewesen. Ähnlich erging es ihm in der SP, weshalb er zehn Jahre später wieder austrat, nachdem ihn die Partei als Generalsekretär designiert hatte. «Ich bin nicht geeignet für so Zeugs.»

Wenn Longchamp aus seinem Leben erzählt, wird klar, was er mit «so Zeugs» meint. Dogmen, Regeln, Zwänge. Die ­Rekrutenschule sei sein Lebenstrauma gewesen, «eine Zwangsanstalt». Zum Mann mit Fliege wurde er, weil er sich weigerte, die vom Fernsehen verlangte Krawatte anzuziehen. Seine Akademikerlaufbahn brach er vor Abschluss der Disseration ab, weil er merkte, dass er ohne das universitäre Korsett besser funktioniert. Er stieg bei der Schweizerischen Gesellschaft für praktische Sozialforschung (GFS) ein, sammelte Geld und Aufträge, stellte zusätzliche Leute ein. Bald darauf begann seine Karriere bei der SRG. TV-Premiere hatte er anlässlich des hauchdünnen EWR-Neins von 1992, nachdem er sich mit aller Kraft für den Beitritt engagiert hatte. Mit dieser schicksalhaften Abstimmung, die den Aufstieg der SVP begründete, begann auch Longchamps kometenhafte Karriere. Justizminister Arnold Koller engagierte ihn als Coach, dessen Nachfolgerin Ruth Metzler führte das Enga­gement fort. Etwas, das er heute nicht mehr machen würde, sagt Longchamp. Bundesräten sagen, wie sie ihre Vorlagen durch die Volksabstimmung bringen und dann die Resultate kommentieren.

Der Auftrag endete ohnehin, als Christoph Blocher 2003 Justizminister wurde. Mit Blocher komme er immer noch nicht aus, sagt Longchamp. Mit den meisten Widersachern habe er sich versöhnt. Doch der EWR-Abstimmungskampf habe offenbar tiefe Spuren hinterlassen. Longchamp versteht sich als Pro-Europäer. Die Schweiz müsse beitrittsfähig werden, um den EU-Beitritt dann gar nicht mehr nötig zu haben, so lautet seine paradoxe Logik. Doch was heisst beitrittsfähig? Schwer zu sagen, meint Longchamp. Eine Frage der Kultur, als Westschweizer habe er sie im Blut. Schliesslich antwortet er: «Nicht für alle Probleme die EU verantwortlich machen. Anerkennen, dass die Schweiz europaweit in vielem Pionierin war. Mit dem Calvinismus, den Volksabstimmungen, der Einführung des Zivilgesetzbuches. Stolz sein auf diese Rolle.»

Longchamp war zwei Jahrzehnte lang alleiniger Herrscher der angewandten Politforschung. Hatte Hunderte von Auftraggebern, hielt Vorträge im ganzen Land, lehrte an drei Universitäten und fünf Fachhochschulen. Doch dann, irgendwann um die Jahrtausendwende, kam die Konkurrenz. Andere, Jüngere, einstige Schüler von Longchamp drängten auf den Markt.

Dann folgten die Krisen. Die Minarettinitiative, bei der das Volks-Ja im ­Widerspruch stand zum Nein, das aus der GFS-Umfrage hervorgegangen war. Die mediale Kritik war vernichtend, Longchamp fiel monatelang aus, hielt sich mit Medikamenten ruhig.

Fünf Jahre später wiederholte sich die Krise, nach der Masseneinwanderungsinitiative. «Stimmfaule Jugend» lautete die Schlagzeile, die auf einem Befund der von Longchamp mitverantworteten Vox-Analyse basierte. Es meldeten sich Kantone mit anderen Angaben über die Stimmbeteiligung der Jungen. Falsifiziert wurden die Vox-Resultate nicht. Das konnten sie auch gar nicht, weil es keine schweizweiten Erhebungen dazu gibt. Doch die Zweifel waren da. Longchamp, als Monopolist verschrien, verlor lukrative Aufträge, musste 2 von 20 Mitarbeitern entlassen. Seine Firma verlor an Wert und Ruf.

Ohne Flugzeug nach China

Manche bringen seine Frühpensionierung damit in Verbindung. Das stimme nicht, sagt er. Er habe sich schon lange entschieden, mit 60 aufzuhören, weil der Job sehr arbeitsintensiv sei. Ein Sturz aus dem Fenster der Universität, bei dem er sich mit 36 Jahren komplizierte Beinbrüche zuzog und nach dem er monatelang im Rollstuhl sass, beeinträchtigt ihn bis heute. Die Türen der Universität waren zu, er sprang aus dem Fenster. Nicht sehr tief. Dumm gelaufen.

Nun geht Longchamp auf Reisen, Richtung Südpol, via Russland, China, Australien. Die genaue Route steht nicht fest, nur so viel: Er will ohne Flugzeug ans Ziel gelangen. Seine Partnerin wird das Flugzeug nehmen müssen. Die Kommunikationsfachfrau wird noch nicht pensioniert, kann sich nicht die ganzen neun Monate Auszeit nehmen, welche die Reise voraussichtlich in Anspruch nimmt. Sie wird ihm nach drei Monaten hinterherfliegen.

In China werde er im Oktober dem Kongress der Kommunistischen Partei beiwohnen und darüber berichten, erzählt Longchamp. Für wen? «Für Twitter», sagt er lachend.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2017, 20:28 Uhr

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