Luftwaffenchef: Nur die Schweiz ist nicht ständig in Alarmbereitschaft
Interview: Matthias Chapman. Aktualisiert am 26.08.2010 70 Kommentare
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Markus Gygax hat Karriere beim Militär gemacht. 1970 absolvierte er die Rekrutenschule. Im 2008 übernahm er die Führung der Luftwaffe ad interim. Seit Februar 2009 ist er fest eingesetzt. In zwei Jahren erreicht Gygax das Pensionsalter. (Bild: Keystone )
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Herr Gygax, wie fällt Ihre Beurteilung aus Sicht der Luftwaffe zum gestrigen Verschiebungsentscheid bezüglich Tiger-Teilersatz aus?
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Der Bundesrat hat klar deklariert, dass er die Notwendigkeit für einen neuen Flieger sieht und auch einen will. Darum hat er auch das VBS beauftragt, sich des Themas anzunehmen. Dies vorerst die Finanzierung, später die Umsetzung betreffend.
Gibt es bei Ihnen gar keine Enttäuschung?
Klar, wir hätten die Flieger auch früher genommen. Aber es war ja nicht ein Nullentscheid des Bundesrates, sondern eine Verschiebung. Ich bin zuversichtlich, dass wir den Tiger F-5 auf diesem Weg rechtzeitig ersetzen können.
Wenn die neuen Flieger spätestens 2020 kommen, sind Sie nicht mehr Luftwaffenchef. Gibt es da Wehmut?
Ich wäre auch 2015 nicht mehr dabei gewesen, ich erreiche in zwei Jahren das Pensionsalter. Aber ich habe bei der Luftwaffe seit meiner Rekrutenschule 1970 genug erlebt. Ich bin all unsere verschiedenen Flugzeugtypen in der Luftwaffe geflogen.
Sind Ihre jungen Piloten, die den neuen Flieger 2015 hätten fliegen können, enttäuscht vom Verschiebungsentscheid?
Ich habe davon nichts gespürt. Wir haben mit dem F/A-18 einen so guten Flieger, der Schritt zur nächsten Generation ist auch nicht mehr so gross.
Wie lange können Sie denn den Tiger noch einsetzen?
Ich gehe davon aus, dass ich von der bestehenden Tiger-Flotte – das sind 54 von ursprünglich rund 100 – die Hälfte noch bis Ende dieses Jahrzehnts einsetzen kann.
Was können denn die Tiger F-5 nicht, was heute eigentlich erforderlich wäre?
Sie haben keine Bewaffnung, die sie in Wolken sowie bei Nachtflügen einsetzen könnten. Nachträglich mit solchen Waffen bestücken, macht keinen Sinn, weil der Flieger nicht über die nötige Elektronik verfügt, die dafür notwendig ist. Deshalb kann ich den Tiger nur noch bei Tag und ausserhalb von Wolken einsetzen. Im Luftpolizeidienst geht das aber und sein Einsatz hilft mir, die F/A-18-Flotte zu entlasten. Das verlängert die Lebensdauer unserer neusten Fliegergeneration.
Im Zusammenhang mit der Verschiebung wurde von Know-how-Verlust bei der Luftwaffe gesprochen. Ist das schwerwiegend?
Sollte der Entscheid für einen neuen Flieger in den nächsten fünf Jahren fallen, erachte ich das für nicht schwerwiegend. Das Knowhow, das wir uns jetzt schon bei den Evaluierungen erarbeiten konnten, lässt sich auch dann noch einsetzen. Zudem verfügen wir mit dem F/A-18 über einen der modernsten Flieger in Europa. Wir können uns mit anderen Nationen in Europa bestens messen.
Sie haben noch 33 F/A-18 sowie bis Ende dieses Jahrzehnts noch knapp 30 Tiger. Was können Sie damit noch machen und was nicht?
Diese Flotte reicht für Luftüberwachung und Intervention in Friedenszeiten. Nennen wir unsere Aufgaben in drei Teilen: Erstens, der Luftpolizeidienst in Friedenszeiten. Dafür reichen mir die 33 F/A-18, die Tiger brauche ich nur zur Entlastung. Zweitens, Einsätze in international angespannter Lage wie zum Beispiel der erste Irakkrieg. Damals verlangte die Landesregierung von uns, dass wir den Luftraum intensiv überwachen, um unerwünschte Überflüge zu verhindern. Für solche Szenarien brauche ich 40–50 Kampfjets. Drittens der Konfliktfall, also mit Feuergefechten. Dafür bräuchte ich eine Flotte von 60–70 Fliegern. Und nun zurück zur Frage: Angenommen ich bin rund um die Uhr mit je zwei Maschinen in der Luft, dann würde mir die derzeitige Flotte für zwei bis drei Wochen reichen. Spätestens dann nimmt unsere Flugaktivität ab, weil die Flieger wieder gewartet werden müssen.
Nehmen wir den Fall erster Irakkrieg. Wie sah das damals aus?
Wir waren während diesen zwei bis drei Wochen konstant in der Luft. Aus Neutralitätsgründen sollten unerwünschte Überflüge verhindert werden. Die Schweiz hätte ja für bestimmte Länder eine Abkürzung bedeutet. Dabei variierten wir die Einsätze. Manchmal waren nur zwei Maschinen in der Luft, manchmal vier. Es ging um die Beobachtung des Luftraums. Als wir sahen, dass gewisse Verschiebungen nur in der Nacht stattfanden, konnten wir uns darauf einstellen und die Flugintensität reduzieren.
Bald findet in der Schweiz der Frankophonie-Gipfel statt. Im Januar wieder das WEF. Können Sie den Schutz für internationale Konferenzen weiter garantieren?
Weil planbar, sind solche Ereignisse für uns gut zu bewältigen. Dafür reichen eigentlich die 33 Maschinen der F/A-18-Flotte. Während die neuen Flieger den Davos-nahen Raum überwachen, setzen wir Tiger im Westen des Landes ein. Während des WEF sind wir konstant in der Luft. Zwischen Mitternacht und morgens 6 Uhr gibt es eine kleine Pause. Die Leute am WEF sind dann nicht in einem Konferenzraum konzentriert, sondern an verschiedenen Orten untergebracht. Die Gefahr eines grösseren Anschlags ist kleiner. In dieser Zeit sind wir am Boden aber in Alarmbereitschaft. So können wir die Flotte entlasten. Den Konferenzschutz dieser Art können wir so bis Ende des Jahrzehnts gewährleisten.
Die Schweizer Luftwaffe ist nicht konstant in Alarmbereitschaft, sondern nur während der «Bürozeiten», wie Bundesrat Ueli Maurer es einmal ausdrückte. Warum?
Der politische Auftrag ist nicht so. Wir könnten das zwar, würden das aber nicht lange durchhalten. Dazu fehlen und die nötige Anzahl Piloten sowie weitere Kapazitäten bei der bodengestützten Überwachung des Luftraums. Es gab diesbezüglich aber eine Motion, die das forderte. Der Bundesrat hat dies begrüsst und wird uns beauftragen, eine solche «Quick reaction alert» zu ermöglichen. Das dauert aber rund fünf Jahre. Im Übrigen haben die meisten europäischen Staaten eine solche Rund-um-die-Uhr-Alarmbereitschaft. Bewaffnete Kampflugzeuge am Boden, die sofort starten können.
Sollte also in der Nacht ein Flugzeug unerlaubt in unseren Luftraum eindringen und auf ein AKW zusteuern, dann könnte man dieses nicht abfangen?
Nein, das ist nicht möglich. Das war ja aber auch im Fall 9/11 nicht möglich. Selbst die stärkste Luftwaffe der Welt war hier machtlos. Um solche Fälle zu verhindern, brauchen Sie einen Tipp. Sprich gute Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten.
Eine Armee hat man auch zur Abschreckung. Und dazu gehört die Luftwaffe. Wie schätzen Sie die Signalwirkung durch den Verschiebungsentscheid gegenüber dem Ausland ein?
Unser Land wird von aussen mit einem starken Wehrwillen identifiziert. So gesehen dürfte dieser Entscheid im Ausland schon ein Stirnrunzeln auslösen. Das ist natürlich nicht ein sehr gutes Zeichen.
Wie steht die Schweizer Luftwaffe im internationalen Vergleich da?
Der technologische Stand des F/A-18 und die Ausbildung unserer Piloten ist so gut, dass wir uns bestens mit den anderen Nationen messen können. Unsere Luftwaffe steht im internationalen Vergleich sehr gut da.
Sie sagen, Sie messen sich regelmässigen mit anderen Luftwaffen. Sehen Sie einen Unterschied zwischen Ihren Piloten und denen von kriegserprobten Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Italien?
Bei den von Ihnen erwähnten Nationen merkt man das nicht. Diese Luftwaffen sind ja nicht in richtige Kriegshandlungen mit einem richtigen Gegner involviert. Anders sieht das aus bei Israel. Diese Piloten haben eine riesige Erfahrung in sogenannten «Hot Missions», wo es um Leben und Tod geht. Dazu sind sie von Ausrüstung, Ausbildung und politischer Unterstützung her gesehen absolut top.
Fliegen Sie selber noch?
Ich fliege noch den PC-7, das ist eine Propellermaschine. Gelegentlich fliege ich auf dem Rücksitz der F/A-18 mit, um einen Einblick in die Arbeit meiner Leute zu erhalten.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 26.08.2010, 16:58 Uhr
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70 Kommentare
Ist ja kein neues Problem, aber was können wir machen, nachdem Alt-BR Schmid dies so vernachlässigt hat. Das Problem war ja schon bei der F/A-18 Beschaffung bekannt. Wir werden wohl längerfristig den Laden dichtmachen können, den eine F-35 oder Eurofighterbeschaffung ist die einzige Lösung für die nächsten 30 Jahre, aber ist und konzeptionel zu teuer. Antworten
@A.Köppel @M.Ebner: vielen Dank! Dann machen es die FLer aber cleverer als die CH! Die profitieren enorm von ihren 'Banktresoren mit Schwarzgeldern aus aller Welt' u lassen sich hofieren. Das hat der Fürst wunderbar eingefädelt. Wo sind in CH die mutigen und cleveren BR, die das für uns CHler einfädeln? FL erstickt ja fast in Goldbarren und lassen uns rundum bluten?! @gigi gallen:Genau so ist's!! Antworten
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