Lukas R., der Robin Hood der schikanierten Landjugend
Von . Aktualisiert am 06.02.2009 50 Kommentare
Hau rein, Lukas! Reimann an einem Polit-Anlass.
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Ein verschneiter Januarabend in Wil. Im vergilbten Schulungsraum der alten Militärkaserne «Zum Turm» stellen ein paar junge Männer Festbänke auf, einige im Anzug, die übrigen in Pulli und Jeans. Sie packen belegte Brote aus und füllen Becher mit Orangensaft. Die Junge SVP St. Gallen gibt einen Empfang. Und da geht er auch schon lässig durch den Saal, erteilt hier und dort kollegial ein paar Anweisungen: ein Blondschopf mit blauen Kugelaugen. Sein Oberkörper ist seinen schwarzen, schicken Turnschuhen immer einen Schritt voraus. Und ein Lächeln hat er, als kenne er das Paradies.
Lukas Reimann hat mit seinen Anhängern gegen den Willen seiner eigenen Parteispitze, gegen alle anderen wichtigen Parteien, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und gegen den Bundesrat «die wichtigste Abstimmung der nächsten Jahre» zustande gebracht. Die «wichtigste Abstimmung der nächsten Jahre» – so hat Bundesrätin Doris Leuthard das Referendum über die Weiterführung der Personenfreizügigkeit mit der EU genannt. Das Treffen im «Turm» in seiner St. Galler Heimat ist vor allem sein Abend.
Nicht nur der Präsident der Jungen SVP St. Gallen Jeffrey Bleiker ist begeistert von ihm. Fast alle hier haben mitgeholfen, haben Reimann bei den Wahlen im Oktober 2007 zum jüngsten Nationalrat des Landes gemacht. Für Junge, Alte, für alle hier ist er ein Held. Toni Brunner und Christoph Blocher hätten bei der Weiterführung der Personenfreizügigkeit lieber den Kopf in den Sand gesteckt. Toni Brunner und Christoph Blocher hatten Bedenken. Sie fürchteten sich vor der möglichen Niederlage bei einer Volksabstimmung. Sie fürchteten sich vor dem Wirtschaftsflügel der eigenen Partei. Reimann hingegen gab sein Mut recht. Und Brunner trägt ihm den Affront nicht nach. Reimann sei ein Juwel, sagt der SVP-Chef.
Er sei ein junger, politisch denkender Mensch mit ausgeprägtem Instinkt für die richtigen Themen. Ein geborener Taktiker, der voll und ganz die SVP-Politik verkörpere. Reimann, sagt Brunner, gehe nach einem ungewöhnlichen Motto vor. Er wage viel und gewinne viel.
Gerade beschwört er das Bild einer unkontrollierbaren Masseneinwanderung herauf. Er hält einen zerknüllten Zettel in der Hand und malt seinen Zuhörern den Teufel an die Wand: ein islamisiertes Europa. «Islamismus als Schweizer Recht? Kann es etwas Schlimmeres geben?»
Dann warnt er vor biometrischen Pässen. Weltweit lokalisierbar seien diese, die Daten auf ihnen würden sich «verselbstständigen».
Raunen im Publikum.
Bärtige Bauern, Jungs mit frechen Frisuren, Männer mit steifen Krawatten. Sie alle nicken, klatschen. Dann legt das Örgelitrio «Moni, Kurt und Willi» los, und die Jungen freuen sich mit den Alten auf den möglich scheinenden Sieg.
Reimann: ein durchaus gebildeter, scheinbar weltoffener, sehr charmanter junger Mann mit spitzbübischem Lächeln. Einer, der lieber eine Jazzband gehabt hätte als ein Örgelitrio. Er polemisiert gegen die Veränderungen, vor denen sonst eher Auns und «Schweizerzeit» warnen. Und natürlich haben genau die ihn längst in ihren Vorstand und ihren Verwaltungsrat geholt. Für «Schweizerzeit»-Chef Ulrich Schlüer widerlegt Reimann «geradezu schlagend das Vorurteil, dass in der SVP nur die Alten und Dummen sind». Im St. Galler Kantonsrat empfand man ihn als «wirklich umgänglich». Als höflich und offen. Im Kantonsrat dachten viele zuerst sogar, er sei «einer dieser vernünftigen SVPler», die eine liberalere Linie als die Zürcher verfolgen. Doch dann fiel Reimann mit «saloppen Formulierungen» auf. Versuchte, die etwas einfacher geschnitzten Leute abzuholen. Griff unverhohlen zum verbalen Zweihänder.
Reimann weiss, wen er womit bedienen muss. Kritiker sagen, er mache an Podiumsdiskussionen auch Statements, bei denen klar ist, dass er es eigentlich besser weiss. Seine Kritiker vermuten, dass er das einfach deshalb tut, weil diese Statements einschlagen. Und weil seine Gegner sie nur durch komplexe, für das Publikum viel zu langatmige Argumentationen widerlegen könnten.
Im persönlichen Gespräch hingegen gibt Reimann sich durchaus differenziert. Drei Tage nach dem Empfang stoppt er mit seinem alten Rover beim Bahnhof Wil und steigt aus, um Zigaretten zu kaufen. Er ist in Eile. Hier in der Unterführung, sagt er, hätten früher junge Albaner die Wiler Bürger belästigt. In seinem Mund steckt jetzt eine «Lord Extra», doch Reimann redet so schnell, plötzlich fällt sie ihm heraus. Wo er jetzt hingeht, hat er kein Heimspiel.
Der Jungpolitiker ist unterwegs in einer aussichtslosen Mission. Er hat sein Kostüm dem Anlass angepasst. Schwarzer Anzug, Krawatte, glänzende Schuhe, er besucht die Delegierten der FDP Appenzell-Ausserrhoden. Es gibt einen traditionellen Redneraustausch zwischen den beiden Parteien, die Delegierten sollen an dieser Versammlung ihre Abstimmungsparole fassen, und Reimann tritt als Vertreter der Nein-Parole gegen einen FDP-Redner an. «Ich habe zwar keine Chance», sagt er. «Aber eine übermächtige Gegnerschaft schreckt mich nicht ab.»
Sie ermuntere ihn sogar, meint Toni Brunner, der ihn viele Jahre beobachtet hat. Reimann fährt Richtung Teufen, links und rechts der Autobahn liegen Dörfer wie Zuzwil, Uzwil oder Flawil. Hier vor allem wohnt seine Klientel, nicht in Wil, der Stadt. Doch von dort aus baute er mit sechzehn die Junge SVP St. Gallen auf. Er schwänzte die Kanti, suchte Mitglieder übers Internet. Und von dort aus gründete er zur Zeit der Bilateralen I die Jugendorganisation Young4FUN, eine Art junge Auns.
Danke, Onkel Max
Wie kann man so jung schon so rechts sein? «Mir ging es um die Freiheit, die Unabhängigkeit. Das passt doch zum Jungsein.» Reimann wuchs behütet in einer kleinen Gemeinde im Aargauer Jura auf, seine Mutter war diplomierte Kranken- und Psychiatrieschwester, sein Vater ETH-Ingenieur, heute ist Kurt Reimann Generalsekretär der Universität Zürich. In Lukas’ Jugend immer in der Nähe: Onkel Max, der SVP-Ständerat Maximilian Reimann. Er war sein politischer Wegbereiter, auf ihn wurde er immer wieder angesprochen. Immer wieder musste er sich wegen ihm positionieren, informieren, sich eine Meinung bilden. Selbstbestimmung des Individuums, freie Gesellschaft, freie Märkte, die Utopie eines Staates, der ohne Regierung auskommt – diese Themen bewegten ihn mit vierzehn. «Ich las die libertären Klassiker: Ayn Rand, Hayek, die Österreichische Schule. Damals stand ich noch den Jungfreisinnigen nahe, dann merkte ich, die SVP ist noch liberaler. Am besten aber fand ich die deutsche Möllemann-FDP.»
Reimann tritt aufs Gas, er ist in Eile, muss noch seine Rede vorbereiten. Plötzlich hat er in der schwarzen Nacht die Abzweigung verpasst. Macht nichts. «Im Zweifelsfall immer rechts halten», ruft er lachend. Da hängt ein Rabenplakat am Strassenrand. Grosse, hässliche Vögel, die boshaft auf die kleine rote Schweiz einhacken, sie sollen für das SVP-Nein zur Personenfreizügigkeit werben. Erinnern ihn diese hackenden Raben statt an gefrässige Rumänen nicht eher an Schweizer Rosinenpicker?
«Das Plakat funktioniert», antwortet Reimann. «Und ich denke, Rosinen picken ist durchaus mehrheitsfähig, oder?» Aber ist Rosinenpicken auch anständig? «Ist Politik anständig? Machiavelli hat gesagt: Politik ist Krieg mit humanen Mitteln.»
Teufen, Restaurant Alter Zoll, das heute eine Pizzeria ist. Reimann packt die Mappe aus, fängt an, seine Rede zu skizzieren. «Ich bin ein Chaot», sagt er fröhlich. «Dieses E-Mail von Hans Fehr kann ich jetzt nicht mehr lesen. Aber hier ist ein sehr hilfreiches Argumentarium von Luzi Stamm.» Auns-Vizepräsident Luzi Stamm steht Reimann im Nationalrat politisch am Nächsten, in der Rechtskommission sitzt er auch neben ihm. Stamm nennt Reimann den perfekten SVP-Repräsentanten für eine junge, breite Bevölkerung, die keine weitere Annäherung an die Europäische Union will.
Die FDP-Delegierten im Parkhotel Linden wollen etwas anderes. Eine Kalberei wäre das, sagt einer der Redner. Ein Referendum, bei dem der Stimmbürger für dumm verkauft werden soll. Reimann schaut teilnahmslos zum Vorredner hoch. Sein müder Blick geht durch die Reihen, er sieht jetzt tatsächlich ein bisschen aus wie ein Kalb. Oder ein Lamm. «Weisst du», hat er einmal gesagt, «ich kämpfe lieber gegen die Grossen. Denn gegen die kann man nur gewinnen. Auch wenn man verliert – allein der Versuch wird einem hoch angerechnet.»
Kürzlich kämpfte Reimann an einer weiteren Front gegen grosse Gegner. An einer Protestkundgebung auf dem Berner Waisenhausplatz stand er auf einer kleinen Bühne und schaute in die Gesichter von dreihundert Aramäern. Die Aramäer sind eine christlich-orthodoxe Minderheit, die sich in der Türkei gegen die drohende Enteignung ihres wichtigsten Klosters durch den Staat wehrt. Als Erstes lobte Lukas Reimann die gelungene Integration der Schweizer Exil-Aramäer: «Si mached das tipptopp.»
Dann beschwor er die Menschenrechte. Die Religionsfreiheit. Dann forderte er eine Intervention des Bundesrates. Er rief: «Keine Toleranz gegenüber der Intoleranz!» In der Schweiz kämpft Reimann an vorderster Front gegen die Interessen religiöser Minderheiten. Gegen Minarette auf Moscheen. Doch das ist für ihn kein Widerspruch. «Wenn wir die menschenrechtswidrigen und reaktionären Grundinhalte des Islam nicht anprangern, könnte uns bald dasselbe passieren wie den Aramäern. Und wir können es uns auch leisten, auf die Türkei Druck auszuüben. Oder wollen die etwa nicht in die EU?»
Sexy für Nachwuchs
Auch an dem Abend in Teufen treibt ihn seine Selbstsicherheit an, sein starker Glaube an die eigene Sicht auf die Welt. Im Saal ungläubiges Staunen, Kopfschütteln, Abwinken. Die Schweiz soll den EU-Staaten gegenüber «am längeren Hebel sitzen»? Sie soll noch bessere Verträge aushandeln können? Kurz darauf bei der Abstimmung sind natürlich alle im Saal gegen ihn. Verunsichert ihn das nicht? «Ich weiss, dass ich recht habe. Ich habe die Verträge gelesen. Wir Schweizer, wir sind jemand. Die anderen wollen auch etwas von uns.»
Nach der Niederlage geht er noch etwas trinken mit zwei Parteifreunden. Die Junge SVP St. Gallen hat während Reimanns Nationalrats-Wahlkampf 2007 einen enormen Zuwachs erlebt. Wie schon während der zehn Jahre von Reimanns politischer Arbeit davor. Dabei war Toni Brunner am Anfang gar nicht erfreut, als der sechzehnjährige Reimann 1998 eine SVP-Jungpartei gründen wollte. Doch dann sah Brunner ein, dass man eine Win-win-Lösung schaffen kann. Weitgehende Freiheit bei der politischen Arbeit, aber keine eigenen Untersektionen, und alle Mitglieder der Jungen sind automatisch auch in der Mutterpartei. Zudem treten sie bei Wahlen auf den Listen der Mutterpartei an. Das war ein Erfolgsrezept. Heute sitzen viele sehr junge Vertreter der SVP in den Gemeindeparlamenten. Und Parteichef Brunner jubelt: «Wir sind sexy für den Nachwuchs!»
Das SVP-Programm komme bei den Jungen auf dem Land eben gut an. «In den Städten geht man eher in die Kanti und kommt links raus. Hier auf dem Land aber machen viele eine Lehre, müssen früh arbeiten, Steuern zahlen», sagt Brunner. Für sie kämpfe die SVP gegen Bevormundung, gegen staatliche Reglementierung. Und dann hat Reimann sie auch bei einem anderen Problem abgeholt, er erinnert sich: «Viele erzählten mir, gleichaltrige Ausländer hätten sie im Ausgang belästigt.»
Ist Reimann der Robin Hood der schikanierten Landjugend? Er hat mit dem Thema Ausländergewalt Stimmung gemacht, hört man von jungen politischen Gegnern aus der Region. Er bediene sich populistischer Methoden. Und er ist einer der professionellsten Wahlkämpfer der Schweiz. Reimann selbst sagt, er lese amerikanische Bücher über Kampagnenführung und Politmarketing. Dann adaptiere er sie auf die Schweiz. «Wenn ich an ein Podium fahre, nehme ich zum Beispiel oft ein paar Leute mit, die mich im Publikum unterstützen.» Reimann setzt auch auf Guerilla-Aktionen, bei denen man mit wenig finanziellen Mitteln viel Aufmerksamkeit erregt. Natürlich nutzt er Facebook, Youtube – und die Kombination: Guerilla-Aktionen im Internet. Einmal druckte er Kleinplakate, auf denen Hitler zu sehen war. «Ich wollte vor einem Erstarken des Rechtsextremismus wegen der hohen Zuwanderung warnen.» Durch den medialen Skandal verbreitete sich die Botschaft fast von allein.
«Ich mache gerne Kampagnen. Ich finde es faszinierend. Aber das soll nicht so klingen, als ob es mir nur darum geht, wie ich möglichst effektiv viele Leute von meiner Meinung überzeugen kann. Vor allem geht es mir um die Sache. Um die richtige Richtung, um eine gute Zukunft für unser Land.»
Hat er nie Zweifel an seiner Sicht? Er schüttelt den Kopf. Was, wenn sich einmal herausstellen sollte, dass er im Unrecht war? Er schweigt. Dann: «Das wäre schlimm.»
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Erstellt: 06.02.2009, 11:22 Uhr
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50 Kommentare
ich verspüre immer einen brechreiz, wenn ich die rechten "partei-diktat-befolger" über unabhängigkeit und freiheit reden höre. zugute halten muss man herrn reimann, dass er sich gegen das anfängliche ja-diktat der mutterpartei zur wehr setzte. aufgrund des erfolges der jung-svp hat ja dann die mutterpartei ihren kurs gewechselt und die nein-parole ausgerufen. partei-politik-taktik Antworten
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