Schweiz

Männer in der rechten Ecke

Von Walter Hollstein. Aktualisiert am 03.02.2011 92 Kommentare

Warum wählen junge Männer immer öfter rechts? Weil sie unter einer Orientierungskrise leiden.

Schrieb das Buch «Was vom Manne übrig blieb»: Walter Hollstein.

Schrieb das Buch «Was vom Manne übrig blieb»: Walter Hollstein.
Bild: Keystone

Die Wahlforschung hat jüngst festgestellt: Innert 12 Jahren sind 20 Prozent der jungen Männer in der Schweiz politisch nach rechts «gewandert». Während sich 1995 16 Prozent als rechts bezeichnet haben, waren es 2007 schon 36 Prozent.

Das ist keineswegs erstaunlich. Kritische Beobachter weisen schon seit mehr als 20 Jahren darauf hin, dass es bei jungen Männern eine zunehmende Orientierungskrise gibt. Das hat Gründe. Cheryl Benard und Edit Schlaffer – beides Feministinnen – verdeutlichen diese Krise am Beispiel kleiner Buben. Diesen werde aufgrund des veränderten Zeitgeists «ihre Vielseitigkeit und Sensibilität genommen», zudem würden sie «durch Spott, Zwang und Abwertung» systematisch «begrenzt und verhärtet». Die beiden Sozialwissenschaftlerinnen bemängeln, dass (anders als bei den Mädchen) in der Erziehung und in der Lebenswelt von Jungen «neue Ziele, neue Wertvorstellungen und neue charakterliche Richtlinien» nicht wirklich vorkommen würden.

Die Schwierigkeit, neue Rollenbilder zu finden

Buben sind seit mehreren Jahrzehnten die im negativen Sinne «auffälligen» Schüler; sie stellen zwei Drittel der Absolventen von Sonderschulen; Verhaltensstörungen sind bei Buben signifikant häufiger als bei Mädchen, und ihre Suizidzahlen übertreffen jene der Mädchen um das Acht- bis Zehnfache. Seit einigen Jahren liegt auch der durchschnittliche Bildungserfolg der Jungen im deutschsprachigen Raum erheblich unter jenem der Mädchen. Problemschüler, Schüler ohne Schulabschluss, Schulversager, Schulwiederholer und Schulschwänzer sind fast ausschliesslich männlich.

Alle diese Symptome lassen sich letztlich auf die eine Ursache zurückführen, dass es für Jungen in den vergangenen Jahren immer mühsamer geworden ist, einen sinnvollen Weg zum Mannsein zu finden. «Unsere Söhne haben Probleme», schreibt der renommierte Psychologe William Pollack, «und diese Probleme sind gravierender, als wir denken.» Sie können sich nicht mehr an allgemeingültigen Bildern von Männlichkeit orientieren, wie das früher der Fall war. Stattdessen müssen sie sich allein zurechtfinden. Die Folge ist – wie eine repräsentative Untersuchung von 20-jährigen Männern kürzlich festgestellt hat – eine grosse Angst vor der Zukunft. «Die Männer leiden in ihrer subjektiven Befindlichkeit und fühlen sich in der Defensive.»

Historische Fehlleistung

Die linken Parteien haben seit langem nur ein Ohr für frauenpolitische Anliegen; die bestehende Männerkrise nehmen sie nicht zur Kenntnis. Der frühere SP-Präsident Hans-Jürg Fehr hat die Männer gar aufgefordert, Feministen zu werden. Anders die konservativen Parteien: Sie bieten ein klares Männerbild an, eine klare Arbeitsteilung der Geschlechter und eine klare Perspektive für Männer. Das ist zwar alles rückwärtsgewandt, aber eben klar – und damit verlockend.

Die historische Fehlleistung der bisherigen Gleichstellungspolitik besteht darin, dass sie Männer grundsätzlich nur als Sündenböcke erkennt, nicht aber als Ansprechpartner. Dazu passt, dass das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann den Kampf gegen die Gewalt an Frauen als wichtigen Tätigkeitsbereich bezeichnet; dass 85 Prozent der Opfer von Gewalt Buben und Männer sind, wird erst gar nicht zur Kenntnis genommen.

Männerdiskriminierung thematisieren

Der Begriff der Diskriminierung wird durchgängig in allen Lebensbereichen und ausschliesslich auf Mädchen und Frauen bezogen; nichts von der frühen Sterblichkeit der Männer, der wachsenden Arbeitslosigkeit, den Problemen beim Sorge- und Scheidungsrecht. Angesichts solcher Parteilichkeit braucht es nicht viel Fantasie, um vorauszusagen, dass junge Männer noch stärker nach rechts rücken werden. Das probate Gegenmittel wäre, dass Männer von der Politik überhaupt erst einmal angemessen wahrgenommen werden. Auch Männer wollen ernst genommen werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2011, 11:21 Uhr

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92 Kommentare

Darja Rauber

03.02.2011, 12:35 Uhr
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85% der Opfer von Gewalt sind männlich, ja - aber sie sind eben zu 99% auch Opfer männlicher Gewalt, womit sich der Kreis wieder schliesst. Die Emanzipation in allen Belangen war notwendig. Die Krise der Männer nun den Frauen anzulasten, ist zynisch. Oder hätten wir besser geschwiegen, nur um die "Herren der Schöpfung" nicht zu verunsichern?? Antworten


Martin . Walser

03.02.2011, 12:59 Uhr
Melden

. . . Ähm, sorry, aber könnte das Wählen nicht auch etwas mit Politik zu tun haben und diese oder jene Entscheidung nicht bloss aus einer Orientierungskrise heraus entsteht? Oder will man mir suggerieren: Wenn du Mann nicht in der Krise stecken willst, dann wähle links??? Antworten



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