Makellos und spurlos: Ingrid Deltenre
Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 06.06.2009
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Schellenberg war ein alter Mann, sie mit 42 eine junge Frau. Der Journalist Schellenberg trug verbeulte Anzüge, die nach Pfeifenrauch und Sitzungen rochen. Deltenres Kleider und ihre blonde Helmfrisur wirkten wie eine heitere Rüstung, erprobt in Hunderten Marketingmeetings. Er war sportlich wie ein altes Ledersofa - sie spielte leidenschaftlich Tennis.
Und während er Polemik liebte und Sätze brummte wie: «Zehn Jahre Fernsehdirektor ist wie zehn Jahre Sibirien ohne Hose», sagte sie freundliche Nichtsätze wie: «Ich freue mich auf die neue berufliche Herausforderung.»
Damals, als sie - eine Rechtevermarkterin ohne alle Erfahrung im aktiven Fernsehbusiness - an die Spitze des Schweizer Fernsehens gewählt wurde, hiess es: Nach dem bärbeissigen Autokraten Schellenberg will der Generalsekretär Walpen nun eine schwache Figur.
Sie wurde keine schwache Figur
Wurde Sie eine schwache Figur? Kaum. Wo Peter Schellenberg herrschte wie ein cholerischer Fürst, übernahm sie ihre Macht mit klinischer Präzision. Schon nach kurzer Zeit waren all die alten Gefolgsmänner Schellenbergs aus zahlreichen Verwaltungsgremien entfernt und durch jüngere Technokraten ersetzt.
Fernsehkenner loben ihre Gradlinigkeit: «Wenn sie einmal einen Entschluss fasste, blieb sie dabei. Sie ist nicht wankelmütig.» Und kritisieren mit denselben Sätzen ihren harten Kopf.
Für die Chefin Deltenre galt Loyalität als wichtigste Eigenschaft ihrer Kader - ihre zweite Garde bestand aus eher schwachen Köpfen. Dabei führte sie nicht ohne Charme: Bei Amtsantritt verteilte sie als erfahrene Marketingfrau Kuchen an alle Mitarbeiter, im Sommer Glace.
Ein mittleres Trommelfeuer der Presse
Durch diese gelegentlichen Gesten, durch Härte und durch Unsichtbarkeit schaffte sie es, das byzantinische Labyrinth des Fernsehens erstaunlich schnell in den Griff zu bekommen.
Das war umso schwieriger, als dass von Anfang an ein mittleres Trommelfeuer aus der Presse auf sie niederging. Zum einen wegen ihres Lebenspartners. Deltenre ist mit Sacha Wigdorovits zusammen, dem reizbarsten PR-Mann der Schweiz mit dem Temperament eines Spaghetti-Western-Helden und genauso viele Feinden.
Hier warf man Deltenre Begünstigung von dessen Kunden vor: ein Vorwurf, der nur aus Gerüchten bestand.
Die Verlage kritisieren die Kommerzialität
Zweitens teilte sie das Los aller Fernsehdirektoren. Da die SRG de facto ein staatliches Monopol hat, schossen so gut wie alle Verlage auf sie und ihr Fernsehprogramm - und warfen SF kommerzielle Sendungen, den Ausbau im Internet und Erfolge an der Werbefront vor.
Deltenres Antwort war eine Rüstung aus Unfehlbarkeit. Ihre Interviews sind eine Qual. Lauter technokratische, positiv gestimmte Sätze, die man beim Abtippen schon in der Hälfte vergessen hat - beim Lesen auch. Die Ausnahmen bildeten nur die epischen Kämpfe mit einigen Medienjournalisten und den beiden alten Männern Schellenberg und Roger Schawinski. Diesen gab sie ihr Testosteron ohne Verdünnung zurück. Auf deren «inkompetent!» folgte ihr: «Das ist der Neid!»
Ihr Programm
Wofür die Verleger sie kritisierten, waren gerade ihre Erfolge: Deltenre führte das SF konsequent ins Internet, sie kopierte zahlreiche Sendungen des Privatfernsehens und hielt die Quote oben.
Sie kaufte «Deal or no Deal», «5 gegen 5», «MusicStar», und bis auf Letzteres, das am Ende abschmierte, war sie erfolgreich.
Ins Journalistische mischte sie sich nicht gross ein. Sie förderte das neue Wirtschaftsmagazin «Eco», sonst bestanden die wesentlichen Neuerungen aus neuen Innendekors für «Tagesschau» & Co. Hier war Ueli Haldimann der Chef, unter dem ungestört weiter seriöser Journalismus gemacht wurde. Nur dass die guten alten Sendungen wie «10 vor 10», «Arena» und «Rundschau» wie ihr Chef Haldimann fünf Jahre älter und damit unausweichlich ein wenig weniger wild, ein wenig grauer, aber merklich besser angezogen wurden.
Die Flops
Ein paar (von Deltenres Gegnern) gross gefeierte Flops gab es: das Abserbeln von «MusicStar», die ungeschickte Lancierung der Nachfolge der populären Formate «Lüthi und Blanc», «MTW» oder «Quer». Doch Flops sind im teuren TV-Geschäft unvermeidbar. (Abgesehen davon, dass das Publikum nur gewinnen kann: Entweder ist das TV-Programm gut, oder man gewinnt einen freien Abend.)
Deltenre ging, nur Wochen nachdem der von Walpen neu geplante Spitzenjob einer gemeinsamen Radio- und Fernsehchefin nach einem Veto aus Bern für sie praktisch unerreichbar wurde.
«Ich bin stolz...»
In ihrem Abschiedsmail an die Mitarbeiter verabschiedete sich Deltenre mit Sätzen wie «Das Informationsangebot hat mehr . . .», «Ich bin stolz auf unser umfassendes . . .», «Es ist uns gelungen . . .», «Am meisten freut mich . . .», «Dank eines professionellen Marketings . . .». Kurz: Sie verabschiedete sich mit einer selbst geschriebenen fehlerfreien Erfolgsbilanz.
Ihr neuer Job als Chefin des internationalen Fernsehvermittlers EBU ist laut einem Branchen-Insider «einfach Schokolade: viele Flugreisen, keine Öffentlichkeit und verdammt gut bezahlt».
Und ihr Erbe? Am ehesten sieht man das an den Personen, die jemand hinterlässt. Als Schellenberg ging, war das Fernsehen voll von ihm ähnlichen Chefs, die Pfeife rauchten, und durch die endlos langen Gänge mit einem schlurfenden Anstaltsgang gingen - wie Langzeitpatienten.
Deltenres Star bleibt
Von Deltenre bleibt uns wohl eher ihr Star: der Dauermoderator Sven Epiney - ihr mit 600'000 Franken bestbezahlter Mann. Epiney äussert zwar lauter gesichtslose, saubere Sätze, die unerinnerbar sind. Aber er ist pünktlich, diszipliniert, skandal- und fehlerfrei: ein Vollprofi. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.06.2009, 17:15 Uhr
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