«Man hat Polanski ganz bewusst in eine Falle gelockt»

Daniel Vischer, Grüner Nationalrat und Strafverteidiger, findet die Verhaftung Roman Polanskis unerhört. Er kritisiert, dass die Schweizer Behörden Polanski nicht gewarnt haben.

«Das Argument der Rechtsgleichheit zieht nicht»: Daniel Vischer, Rechtsanwalt und Nationalrat der Grünen.

«Das Argument der Rechtsgleichheit zieht nicht»: Daniel Vischer, Rechtsanwalt und Nationalrat der Grünen.

Herr Vischer, was halten Sie von der Verhaftung Roman Polanskis durch die Schweizer Justiz?
Gar nichts. Ich finde es unerhört, dass die Schweiz einen Filmemacher festnimmt, der von einem Filmfestival eingeladen wird, das mit öffentlichen Geldern unterstützt wird. Man hätte Polanski mindestens vorgängig darüber informieren müssen, dass ihm eine Festnahme droht, wenn er in die Schweiz kommt. Doch stattdessen hat man Polanski ganz bewusst in eine Falle gelockt.

Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf betont, dass Polanski aufgrund seiner Bekanntheit nicht auf eine andere Behandlung hoffen konnte.
Das Argument der Rechtsgleichheit zieht nicht. Polanski wurde ja seine Berühmtheit gerade zum Verhängnis. Denn sonst hätten die Behörden nicht gewusst, dass er in die Schweiz kommt. Einen unbekannten Amerikaner, dem die selben, Jahrzehnte zurückliegenden Delikte vorgeworfen werden, hätte die Schweiz aller Wahrscheinlichkeit nach laufen lassen.

Die Schweiz ist vertraglich verpflichtet, internationalen Haftbefehlen aus den USA nachzukommen.
Es gibt hunderte solcher Begehren. Die Schweiz hätte den Amerikanern darum problemlos zu verstehen geben können, dass eine Festnahme nun ein wenig merkwürdig aussieht, nachdem man zuvor nie einen Zugriff ins Auge gefasst hat. Auch die Vergangenheit zeigt, dass es anders ginge: Ich mag mich erinnern, dass auch Franz Beckenbauer wegen Steuerproblemen eine Zeit lang nicht in die Schweiz kommen durfte. Damals hatte man Beckenbauer aber vorgewarnt.

Weshalb, glauben Sie, erfolgte der Zugriff gerade jetzt?
Ich gehe stark davon aus, dass die Schweiz aus Liebesdienerei gehandelt hat. Polanski machte regelmässig in der Schweiz Ferien in Gstaad. Da kann Bundesrätin Widmer-Schlumpf doch nicht im Ernst erzählen, es sei nicht möglich gewesen, ihn früher zu verhaften. Polanski hat sich ja nicht in der Schweiz versteckt. Sogar in den Medien konnte man nachlesen, wenn Polanski gerade in der Schweiz Ferien machte. Und auch die Gemeinde Gstaad hatte sicherlich auch davon Kenntnis, wenn Polanski sich im Ort aufhielt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)

Erstellt: 28.09.2009, 16:05 Uhr

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