Massenbesäufnisse sind vollkommen legal

In Lausanne und Genf rufen Jugendliche zum Besäufnis in öffentlichen Parks auf. Die Behörden müssen mitspielen oder wöchentlich Tausende von Trinkern durch die Stadt jagen.

Behörden müssen mitspielen: Saufgelage wie hier im spanischen Granada sind legal.

Behörden müssen mitspielen: Saufgelage wie hier im spanischen Granada sind legal. Bild: Keystone

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Die Behörden von Genf und Lausanne sind nicht zu beneiden: Mitte Juli hat das Phänomen des «Botéllon» – des spontanen öffentlichen Massenbesäufnisses nach spanischem Vorbild – die beiden Städte erreicht. 1300 Jugendliche haben sich am 18. Juli im Genfer Parc des Bastions zum gemeinsamen Trinken verabredet. Über die Online-Plattform Facebook hatte der Student Javier Martinez dazu aufgerufen, sich mit mitgebrachten Alkoholika gemeinsam zu vergnügen, wie die welsche Tageszeitung «24 Heures» berichtet.

Auf Martinez zweiten Aufruf zum Trinken im Park für den 8. August reagierte die Polizei. Sie sperrte den Parc des Bastions ab – zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Ordnung. Denn die jungen Spontantrinker hatten bei ihrer ersten Zusammenkunft ein Bild der Verwüstung hinterlassen.

Das nächste Gelage ist angekündigt

Für den 22. August hat Martinez nun bereits zum nächsten Gelage in Genf aufgerufen. Garantiert er, dass er das Abfallproblem in den Griff kriegt, sind den Behörden die Hände gebunden. «Wir können die Anlässe nicht einfach verbieten. Sich mit Kollegen zum Trinken zu treffen, ist nicht illegal», sagt Sami Kanaan, Direktor des Genfer Departements für Soziales, Jugend und Sport. Zwar könnte man ein Treffen beispielsweise wegen einer Lärmklage auflösen. Das sei aber auch nicht sinnvoll, sagt Kanaan. Denn dies führe «zu einem endlosen Katz-und-Maus-Spiel zwischen Polizei und Feiernden». So verschiebe sich das Trinkgelage einfach auf einen anderen öffentlichen Platz.

Mit den Trinkern zusammenarbeiten

Genf muss also wohl oder übel mit den jungen Trinkern zusammenarbeiten. Denn ganz ohne Kontrolle geht es nicht, wie die erste Party im Parc des Bastions gezeigt hat. Am Mittwoch musste Facebooker Martinez bei den Behörden vorsprechen. Kanaan will, dass die Trinkgelage künftig mit Begleitmassnahmen durchgeführt werden. Ein Abfall- und ein Sicherheitskonzept sei das Mindeste, findet er. «Dazu brauchen wir eine Ansprechperson, die sich auch verantwortlich fühlt.» An der gestrigen Sitzung erzielten die Parteien allerdings keine Einigung. Ein weiteres Treffen findet nächste Woche statt.

2000 lassen sich volllaufen

Auch in Lausanne steht für den 23. August ein «Botéllon» an. Die Verantwortlichen der Stadt werden am kommenden Mittwoch entscheiden, wie man dem Phänomen begegnen will. Sie könnten sich bei den Basel-Landschaftlichen Behörden Rat holen. Diese kennen sich mit Massenbesäufnissen nämlich seit Jahren bestens aus. Dort finden diese jeweils am 1. Mai statt – in Form des Harassenlaufs von Reinach in die Basler Grün 80. Dieses Jahr liessen sich rund 2000 junge Erwachsene volllaufen.

Verschiedentlich wurde gefordert, dieses kollektive Besäufnis mit sportlichem Anstrich zu verbieten. Doch auch in Baselland sind den Behörden die Hände gebunden. «Es wird kein geltendes Recht verletzt. Auch Jugendliche dürfen sich betrinken, wo sie wollen», sagt Stephan Mathis, Generalsekretär der Justiz-, Polizei- und Militärdirektion in Liestal. Eine Bewilligungspflicht und damit einen Veranstalter, den man in die Pflicht nehmen kann, gebe es ebenfalls nicht.

Friedliche Saufgelage

Der Kanton Basel-Landschaft und die involvierten Gemeinden Reinach und Münchenstein gehen die Sache pragmatisch an. Sie stellen entlang der Strecke, während derer Bewältigung ein Harass Bier getrunken werden muss, Abfallbehälter auf. Darüber hinaus verteilen sie am Start Handzettel mit Informationen zu verantwortlichem Alkoholkonsum und der Abfallproblematik. «Diese Begleitmassnahmen haben ihre Wirkung nicht verfehlt», sagt Mathis. Einzig in diesem Jahr ist es im Nachgang zum Harassenlauf zu einer Schlägerei gekommen. Ansonsten sind die Gelage immer friedlich verlaufen.

Wegweisungsartikel nützen nichts

Unter solchen Umständen besteht für die Polizei auch keine rechtliche Handhabe, solche Trinkgelage gleich zu Beginn aufzulösen. Selbst ein Wegweisungsartikel, wie es ihn zum Beispiel in Bern oder St. Gallen gibt, nützt nichts. Dieser darf nur angewandt werden, wenn jemand wiederholt die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdet. Jemanden bei einer Party mit über 1000 Teilnehmern als Wiederholungstäter zu identifizieren, ist aber nicht ganz einfach.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2008, 23:45 Uhr

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