Schweiz

Maurer wirbt für radikale Abtreibungsgegner

Von Markus Brotschi, Bern. Aktualisiert am 24.10.2009

Bundesrat Ueli Maurer wirbt für die Organisation Pro Life, die für ein totales Abtreibungsverbot kämpft. Politiker bezeichnen Maurers Grusswort als «völlig daneben» und «problematisch».

Grussbotschaften zu Festanlässen gehören zum Pflichtprogramm von Bundesräten. Die magistralen Worte werden zu Veranstaltungen wie dem eidgenössische Hornusserfest verfasst, dem Jubiläum des gemeinnützigen Frauenvereins oder dem Schweizerische Bankiertag. Eher ungewöhnlich ist es, dass sich Bundesräte für eine Organisation verwenden, die eine radikale Minderheitsposition vertritt wie Pro Life. Der Verein kämpft gegen Abtreibungen und fordert eine Krankenversicherung, die keine Kosten von Schwangerschaftsabbrüchen trägt. Heute müssten alle Versicherten die «Tötung von ungeborenen Kindern» mitbezahlen, kritisiert Pro Life.

Zudem lösten Abtreibungen hohe Folgekosten durch Nachbehandlungen der Mütter aus. Pro Life lehnt nicht nur die in der Schweiz geltende Fristenlösung ab, sondern auch Abtreibungen nach Vergewaltigungen, wie Geschäftsführer Gerd Weisensee sagt. Schweizer Ärzte in Südafrika hätten festgestellt, dass die Abtreibung nach einer Vergewaltigung bei Frauen nicht selten einen so schweren zweiten Schock auslöse, dass sie sich umbrächten. Abtreibungen seien keine Lösung. Diese werden auf der Pro-Life-Website als «Krieg gegen ungeborene, unschuldige Kinder» bezeichnet.

«Für eine gesunde Gesellschaft»

Auf der Homepage würdigen sechs Männer in Grussbotschaften die Organisation. Lobendes zum 20-Jahr-Jubiläum äussert auch Verteidigungsminister Ueli Maurer: «Pro Life hat sich intakten Familien sowie dem ungeborenen Leben verschrieben; steht trotzig gegen den Zeitgeist. Und leistet damit einen wertvollen Beitrag zu einer gesunden Gesellschaft.» Maurer war früher einmal Ko-Präsident von Pro Life. Später setzte er sich als SVP-Präsident für das Referendum gegen die Fristenlösung ein. Das Volk stimmte dem Recht auf Abtreibung in den ersten 12 Wochen der Schwangerschaft am 2. Juni 2002 jedoch mit 72 Prozent zu. Der Fristenlösung ging ein jahrzehntelanger Kampf von Frauenorganisationen voraus, die sich für die liberale Lösung stark machten.

«Völlig daneben»

Nationalrätin Jacqueline Fehr (SP, ZH) gehörte zu jenen, die im Parlament die heutige Regelung voranbrachten. Sie hält Maurers Plädoyer für Pro Life für «problematisch». «Ein Bundesrat muss zwar die Möglichkeit haben, politisches Profil zu zeigen», sagt Fehr. «Doch mit der Forderung nach einem Abtreibungsverbot bei Vergewaltigungen ritzt die Organisation an Verfassungsgrundsätzen.» Die Aargauer FDP-Ständerätin Christine Egerszegi findet Maurers Grussworte «völlig daneben». Sie verweist darauf, dass das Volk am 2. Juni 2002 nicht nur die Fristenlösung angenommen, sondern gleichzeitig mit 82 Prozent Nein eine Initiative für ein totales Abtreibungsverbot verworfen hat. Wer das Amt des Bundesrates annehme, könne nicht Organisationen unterstützen, die gegen derart klare Volksentscheide kämpften, sagt Egerszegi.

Maurer findet sein Engagement dagegen unproblematisch. «Als sechsfacher Familienvater kennt Bundesrat Ueli Maurer den Wert der Familie und insbesondere die Lage von Grossfamilien», lässt er über Departementssprecher Martin Bühler ausrichten. Mit dem Grusswort an Pro Life habe Maurer den Mitgliedern seine Gedanken zur heutigen Situation der Familien übermittelt. «Es gibt für ihn keinen Grund, diese Organisation zu ächten», so Bühler. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.10.2009, 11:16 Uhr

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