Maurers Departement übt Druck auf SRF-Journalisten aus

Nach einem kritischen Olympiabericht meldete sich Bundesrat Maurers Departement bei Radio SRF: Man «verlange» die sofortige Korrektur der «Fehlleistung».

«Als gebührenfinanzierter Sender ist Radio SRF tendenziell häufiger politischen Beeinflussungsversuchen ausgesetzt»: Hauptsitz von Radio und Fernsehen SRF in Zürich.

«Als gebührenfinanzierter Sender ist Radio SRF tendenziell häufiger politischen Beeinflussungsversuchen ausgesetzt»: Hauptsitz von Radio und Fernsehen SRF in Zürich. Bild: Keystone

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Der deutsche Sportjournalist Jens Weinreich ist ein profilierter und gelegentlich polemisch argumentierender Kritiker von Grossanlässen à la Olympia. Am 13. Februar wurde er in der Sendung «Echo der Zeit» von Radio SRF zur bevorstehenden Abstimmung in Graubünden interviewt. Weinreich äusserte in angriffigem Tonfall Zweifel an den Budgetversprechungen der Olympiapromotoren. Er unterstellte, dass teilweise bewusst «Lügen» zur Kostenwahrheit verbreitet würden – und nahm Sportminister Ueli Maurer (SVP) dabei nicht aus. Auf konkrete Aussagen Maurers angesprochen, antwortete Weinreich, das sei typisch für die «Unehrlichkeit der Politiker».

Die Reaktion von Maurers Departement VBS liess nicht lange auf sich warten. Man sei «schockiert» über die «Einseitigkeit und Unausgewogenheit» des Beitrags», schrieb Maurers Kommunikationschef Peter Minder an die SRF-Redaktion. Er kritisierte auch die «schnoddrigen und teilweise unwidersprochenen tendenziösen Aussagen von Jens Weinreich». Und weiter: «Wir verlangen, dass SRF diese Fehlleistung in einer der nächsten Sendungen umgehend korrigiert und einen ausgewiesenen neutralen Fachmann zu Wort kommen lässt.»

Ein «Einschüchterungsversuch»

Als gebührenfinanzierter Sender ist Radio SRF tendenziell häufiger politischen Beeinflussungsversuchen ausgesetzt als private Medien. Dass aber das Departement eines Bundesrates in einem derartigen Befehlston interveniere, sei aussergewöhnlich, sagt ein Kenner der Radioszene. Auch der frühere Presseratspräsident Peter Studer findet die gebieterische Wortwahl «daneben» und sieht hier einen «Einschüchterungsversuch» gegenüber den Journalisten. Als Chefredaktor des Schweizer Fernsehens hatte Studer in den 90er-Jahren ähnliche Situationen erlebt. «Gerade das Militärdepartement hat schon damals gelegentlich Druck ausgeübt, etwa vor der Volksabstimmung über die F/A-18-Kampfflugzeuge.»

Studer betont aber auch, dass das Radio- und Fernsehgesetz von den betroffenen Sendern eine gewisse Ausgewogenheit vor Abstimmungen verlange. «Lässt die Redaktion einen pointierten Kritiker einer Vorlage allein zu Wort kommen, sollte sie direkt ankündigen, dass in einer Folgesendung die Befürworter eine Plattform erhalten.» Radio SRF hat dieser Forderung zumindest insofern entsprochen, als es am Tag nach der Weinreich-Sendung ein Interview mit Swiss-Olympic-Präsident Jörg Schild führte. Dieses Gespräch sei von vornherein geplant gewesen, erklärt die SRF-Medienstelle auf Anfrage. Daher habe sich nach der Rüge des VBS «jede weitere Diskussion erübrigt».

«Journalistische Fehlleistung»

Peter Minder wiederum hält daran fest, dass es sich bei dem kritisierten Beitrag um eine «journalistische Fehlleistung» gehandelt habe. Die redaktionelle Freiheit werde vom VBS «absolut respektiert», betont der Sprecher. Wenn aber Weinreich im Zusammenhang mit dem Bundesbeitrag für die Winterspiele von «Lügen» rede, «ist eine Intervention Recht und Pflicht zugleich».

Einmal mehr bestätigt sehen sich in jedem Fall die Olympiagegner: «Die Befürworter haben auf verschiedene Medien einen unglaublichen Druck ausgeübt», sagt die Bündner SP-Nationalrätin Silva Semadeni. Dass nun Ueli Maurers Departement Radio SRF auf diese Weise Anweisungen erteile, sei inakzeptabel. Ob ein politisches Nachspiel folgt, hängt gemäss Semadeni wesentlich vom Abstimmungsergebnis ab: «Wir hoffen auf ein Nein. Dann vergessen wir alles.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.03.2013, 10:27 Uhr)

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Minder erteilt SRF Hausverbot
Die Berichterstattung von Radio SRF hat auch Thomas Minder, den «Vater» der Abzocker-Initiative, in Rage versetzt. Minders Mitarbeiter Claudio Kuster bestätigt auf Anfrage, dass das Initiativkomitee die Mitarbeiter der Redaktion am Sonntag, 3. März, von seiner Abstimmungsfeier in Schaffhausen ausschliessen will.

Die Initianten fühlen sich gemäss Kuster durch die Abzocker-Berichterstattung des Radiosenders in schwerster Weise benachteiligt. «Die ‹Samstagsrundschau› vom 23. Februar brachte das Fass endgültig zum Überlaufen.» Studiogast war an diesem Tag Dominique Biedermann, Direktor der Ethos-Stiftung – «und damit der glaubwürdigste von all unseren Gegnern», wie Kuster sagt. Dem Wunsch nach einer gleichwertigen Plattform für die Initiativbefürworter habe Radio SRF nicht entsprochen. «Darum haben wir beschlossen, ihnen am Abstimmungssonntag keine Auskunft zu erteilen. Wenn die Abstimmung erst mal vorbei ist, wollen wir vom Radio nichts mehr – dann wollen die etwas von uns.

Lis Borner, Chefredaktorin von Radio SRF, kommentiert den Streit auf Anfrage wie folgt: «Es gibt momentan Differenzen zwischen Herrn Thomas Minder und Radio SRF. Wir suchen aber weiterhin das Gespräch.» (fre)

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