Mehr Attacken gegen Juden in der Schweiz

Beschimpfungen, Todesdrohungen, tätliche Angriffe: Letztes Jahr gab es deutlich mehr und aggressivere antisemitische Vorfälle als 2013. Was sind die Gründe – und wer sind die Täter?

Bild: Keystone

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«Wir werden euch immer verfolgen – gestern, heute, morgen. Es grüsst Amon Göht und Julius Streicher. Schöne Grüsse aus Bergen Belsen und Auschwitz.» Das stand in einem Brief, den letzten November eine jüdische Familie in Zürich erhielt. Ende Juli 2014 klebte an einer Bushaltestelle in Zürich-Altstetten ein Zettel mit dem Spruch: «Hinter jedem Krieg steckt der Jude!» Und der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) erhielt im Sommer folgende Zuschrift: «Einmal mehr mordet der Judenstaat im Gazastreifen unschuldige Palästinenser. Am besten wäre, wenn die Juden die Schweiz verlassen würden, um in ihrem Land ebenfalls Krieg zu führen.»

66 solcher Vorfälle ereigneten sich letztes Jahr in der Deutschschweiz – fast dreimal mehr als 2013. Besonders während und kurz nach dem Gazakrieg im Sommer 2014 intensivierten sich hierzulande die schriftlichen und verbalen Anfeindungen gegen Juden. Zweimal kam es sogar zu physischen Übergriffen. Das geht aus dem neuen Antisemitismusbericht des SIG und der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) hervor. Die dokumentierten Vorfälle sind aber nur die Spitze des Eisbergs. Immer häufiger – und immer aggressiver – werde auch im Internet, insbesondere in den sozialen Medien, gegen Juden gehetzt, sagt SIG-Vizepräsidentin Sabine Simkhovitch-Dreyfus.

Doch im Bericht könne dieser Hass unmöglich systematisch abgebildet werden. «Wie soll man 100 Likes auf Facebook für einen judenfeindlichen Spruch zählen?» Gegen die enthemmten Hassredner im Internet müsse konsequenter vorgegangen werden, fordert sie. Schliesslich werde teilweise offen zu Gewalt gegen Juden aufgerufen oder würden gar Todesdrohungen ausgesprochen.

Zunehmend junge Muslime

Gegen 30 Anzeigen wegen Verstosses gegen die Rassismusstrafnorm haben allein die beiden für den Antisemitismusbericht verantwortlichen Organisationen letztes Jahr eingereicht. In zahlreichen Fällen wurden bereits grösstenteils unbedingte Geldstrafen von bis zu 5000 Franken gesprochen. Simkhovitch-Dreyfus hofft, dass die Strafen abschreckende Wirkung haben. Die Täter stammen längst nicht nur aus der Neonaziszene, sondern auch aus der Mitte der Gesellschaft. Gemäss einer kürzlich präsentierten Studie des Forschungsinstituts GFS Bern hat jeder Zehnte in der Schweiz antisemitische Einstellungen. Nur ein Bruchteil dieser Personen äussert die rassistischen Vorbehalte auch öffentlich. Die Zahl verdeutlicht aber, wie verbreitet das Phänomen ist. «Latentes antisemitisches Gedankengut drängt oft erst unter dem Einfluss eines äusseren Ereignisses an die Oberfläche. Das war letztes Jahr während des Gazakriegs der Fall», so Simkhovitch-Dreyfus.

Mit Besorgnis registrieren die beiden Organisationen, dass zunehmend junge Muslime judenfeindliche Äusserungen machten. «Ein grosser Teil der antisemitischen Posts auf Facebook stammen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund», sagt GRA-Geschäftsführerin Leila Feit. Sie betont, dass daraus nicht auf eine generelle Einstellung innerhalb der muslimischen Gemeinschaft geschlossen werden dürfe. Zudem seien Vorurteile und Hass gegenüber Juden auch unter Schweizern verbreitet.

Dennoch ist der Entwicklung im aktuellen Bericht ein Schwerpunkt gewidmet. Dazu schreibt der in Deutschland wohnhafte Psychologe Ahmad Mansour: «Der Antisemitismus ist im Alltag muslimischer Jugendlicher sehr präsent: auf Schulhöfen, auf Facebook, auf Satellitensendern und in Foren. Das Wort ‹Jude› ist bei ihnen ein Schimpfwort geworden.»

Gründe seien die Erziehung und die Propaganda radikaler Gruppierungen. Prävention müsse auf verschiedenen Ebenen ansetzen, so der arabische Israeli, der mit muslimischen Jugendlichen arbeitet. In der Schule müsse über den Nahostkonflikt diskutiert werden. Und die muslimische Gemeinschaft müsse das Problem erkennen und thematisieren.

«Eine emotionale Reaktion»

Hisham Maizar, Präsident der Föderation islamischer Dachorganisationen, räumt zwar ein, dass sich unter muslimischen Jugendlichen während der Gefechte im Gazastreifen judenfeindliche Äusserungen in den sozialen Medien gehäuft hätten. Er wehrt sich aber gegen die Darstellung, dass es sich dabei um eine grundsätzliche Tendenz handle: «Das waren emotionale, auf die Kriegssituation beschränkte Reaktionen. Es wäre gefährlich, deswegen von einem neuen Phänomen zu sprechen und Muslime zu Feindbildern zu machen.» Maizar verweist stattdessen auf die gemeinsame Erklärung der Juden und Muslime in der Schweiz. Im September riefen die Dachverbände gemeinsam gegen Gewalt und zum Frieden auf. «Das zeigt: Die beiden Religionen sind in einem konstruktiven Dialog.»

Die GFS-Studie kam zum Schluss, dass Antisemitismus in der muslimischen – wie auch in der katholischen und konfessionslosen – Bevölkerung überdurchschnittlich verbreitet sei. Allerdings sind die Werte in den letzten zwei Jahren rückläufig (2014: 13 Prozent, 2012: 18 Prozent, 2010: 9 Prozent). Auch Daniel Rickenbacher, der an der Universität Zürich über Antisemitismus forscht, sagt:« Wie überall in Europa ist das Phänomen auch unter Schweizer Muslimen verbreitet. Hierzulande wird der Antisemitismus von mehrere islamistischen Organisationen bewirtschaftet.» Bei der zweiten Generation muslimischer Einwanderer, deren Eltern oft wenig religiös sind, rücke die ethnische Identität in den Hintergrund, die muslimische werde dagegen wichtiger. Da die jungen Erwachsenen häufig wenig über ihre Religion wüssten, orientierten sie sich am verbreiteten Antisemitismus und stilisierten diesen zum wesentlichen Merkmal, so Rickenbacher.

Schule als Schlüssel

Feit findet es darum wichtig, dass Gelegenheiten für persönliche Begegnungen zwischen Juden und Muslimen geschaffen werden. So leisteten etwa Dialogveranstaltung einen Beitrag, um junge Angehörige beider Minderheiten ins Gespräch zu bringen. Ihre Stiftung unterstütze zudem Reisen nach Auschwitz finanziell, die Sekundar- und Gymnasialschülern die Geschichte veranschaulichen sollen. Gerade die Schule sei ein Schlüssel, wenn es um die Förderung des gegenseitigen Verständnisses und den Abbau von Vorurteilen gehe. «Bei diesen Bemühungen gibt es aber durchaus noch Luft nach oben.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 18.03.2015, 19:29 Uhr)

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