Mehr Freizeit, höhere Arbeitsleistung

Sechs Wochen Ferien würden zu höherer Arbeitsbelastung und reduzierter Wirtschaftsleistung führen, sagt der Bundesrat. Arbeits- und Organisationspsychologen sehen dies anders.

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«Mehr Ferien heisst mehr Stress am Arbeitsplatz» – die Rechnung des Gegenkomitees zur Initiative «6 Wochen Ferien für alle» scheint im ersten Moment einleuchtend. Auch Simonetta Sommaruga hat sich im Namen des Bundesrates der Argumentation angeschlossen: Erhielten Arbeitnehmer in der Schweiz künftig eine bis zwei zusätzliche Ferienwochen pro Jahr, so hätte dies eine höhere Belastung während der Arbeitszeit zur Folge – vorausgesetzt, man wolle keine Verringerung der Löhne in Kauf nehmen, sagte Sommaruga am Dienstag den Medien.

Das gesetzlich vorgeschriebene Ferienminimum beträgt in der Schweiz aktuell vier Wochen. Tatsächlich beziehen Angestellte je nach Alter und Branche bis zu sechs Wochen Ferien. Eine von der Gewerkschaft Travailsuisse lancierte und von SP und Grünen unterstützte Volksinitiative verlangt nun, diesen Anspruch in der Bundesverfassung auf alle Arbeitnehmer auszudehnen. Im europäischen Vergleich würde die Schweiz damit vom Schlusslicht in die oberen Ränge der Ferienstatistik aufsteigen (siehe Grafik).

Aussagen zweier Arbeitspsychologen legen nahe, dass die Forderung von Travailsuisse plausibel, und dass im Gegenzug die Sichtweise der Initiativgegner verkürzt ist. Denn: Zusätzliche Ferien tragen zu einer besseren Erholung der Arbeitnehmer bei. In der verbleibenden Arbeitszeit erhöht sich dadurch die Produktivität – die Konzentrationsfähigkeit nimmt zu, das Konfliktpotenzial wird kleiner, und die anstehende Arbeit kann mit geringerem Zeitaufwand erledigt werden.

Jeder Dritte ist Burnout-gefährdet

Simone Grebner, Expertin für Arbeit und Gesundheit an der Fachhochschule Nordwestschweiz, hat die psychische Belastung der Schweizer Erwerbsbevölkerung im Rahmen der vom Seco finanzierten «Stress-Studie 2010» ermittelt. Laut der Studie lag der Anteil der Erwerbspersonen, die sich als dauerhaft gestresst bezeichneten, 2010 bei 34 Prozent – und damit 7 Prozentpunkte höher als noch zehn Jahre zuvor. Auch der Zeitdruck bei der Arbeit ist gemäss der Studie in den letzten fünf Jahren angestiegen.

Unter dieser Zunahme habe die Erholungsfähigkeit gelitten, erklärt die Psychologin: «Wer dauernd unter Zeitdruck steht, kann seine Batterien in der Freizeit nicht mehr richtig aufladen.» Durch erhöhte Arbeitsbelastung würden grössere Mengen von Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Der Herzschlag verschnellere sich, die Muskelanspannung steige an, was häufig Beschwerden wie Nacken- und Rückenschmerzen zur Folge hätte.

Pausen als Produktivitätsbooster

Laut Norbert Semmer, der an der Uni Bern als Arbeits- und Organisationspsychologe lehrt, ist der Zusammenhang zwischen Stress und verringerter Leistungsfähigkeit durch die Forschung gut belegt. Zur Abhilfe können sich bereits kleine Arbeitspausen – Semmer spricht von fünf Minuten pro Stunde – positiv auf Konzentrationsfähigkeit und Präzision auswirken. Auch die «Spill-over-Effekte» einer stressfreien Arbeit auf das Privatleben sind belegt: Wer an der Arbeit einer geringeren Belastung ausgesetzt ist, verursacht weniger Verkehrsunfälle kann mit Beziehungsproblemen besser umgehen.

Ähnliche Auswirkungen hätten auch Ferienabsenzen – allerdings, so Semmer, verpuffe der unmittelbare Effekt von Ferien meist nach einem Zeitraum von rund zwei Wochen. Systematische Forschungen darüber, wie sich die Gesamtzahl der Ferientage pro Jahr auf das längerfristige Stresslevel auswirken würden, wurden gemäss dem Berner Arbeitspsychologen zwar noch nicht angestellt. Semmer hält es dennoch für wahrscheinlich, dass sich eine bis zwei zusätzliche Ferienwochen pro Jahr in einer dauerhaften Stressreduktion niederschlagen.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Ähnlich äussert sich Simone Grebner: Zumindest jenes Drittel der Erwerbstätigen, die gemäss Stress-Studie unter einer erhöhten Burn-out-Gefahr litten, könne von einer zusätzlichen Ferienwoche profitieren. Grebner geht davon aus, dass eine zusätzliche Ferienwoche auch bei der restlichen, sich als wenig gestresst bezeichnenden Erwerbsbevölkerung einen positiven Produktivitätseffekt auslösen würde. «Leistungssportler, die aktives Erholungsmanagement betreiben, sind erfolgreicher», sagt die Psychologin der Fachhochschule Nordwestschweiz: Ähnliches gelte auch für gewöhnliche Arbeitstätige, wobei der Zusammenhang bei körperlich anstrengenden Arbeiten stärker ausgeprägt sei.

Weil die Fehleranfälligkeit in ausgeruhtem Zustand geringer sei, schreibt auch Norbert Semmer einer vergrösserten Anzahl Erholungstage produktivitätssteigernde Effekte zu. Aus gesundheitlicher Sicht empfiehlt der Arbeitspsychologe, einmal pro Jahr einen längeren Ferienblock von zwei bis drei Wochen einzuziehen und die restlichen Ferientage in Form von kürzeren Ferien – beispielsweise verlängerten Wochenenden – einzuziehen.

Auch wenn es sich beim gegenwärtigen Forschungsstand nicht eindeutig beweisen lässt, so besteht gemäss den beiden Forschern doch Grund zur Erwartung: Hätten Arbeitnehmer für ihre Erholung sechs statt nur vier oder fünf Wochen Ferien zur Verfügung, so würden gewissermassen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: mehr Freizeit und obendrein eine höhere Arbeitsleistung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 20.01.2012, 19:02 Uhr)

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