«Menschen müssen in Würde sterben dürfen»

In Zürich tagen zurzeit Sterbehilfeorganisationen aus aller Welt. In ihrer Rede am Kongress sprach sich Simonetta Sommaruga für eine stärkere Palliativmedizin aus – und für selbstbestimmtes Sterben auch ohne Suizid.

Der Tod ist Teil des Lebens: Friedhof im Tessin.

Der Tod ist Teil des Lebens: Friedhof im Tessin. Bild: Keystone

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Nach Ansicht von Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP) hat der Staat dafür zu sorgen, dass seine Bürgerinnen und Bürger in Würde sterben dürfen. Was aber Würde am Ende des Lebens bedeute, müsse jeder für sich selbst definieren können. Die Vorsteherin des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartementes (EJPD) sprach im Rahmen des Kongresses der World Federation of Right-to-Die Societies in Zürich.

Die Sterbehilfe Organisation Exit Deutsche Schweiz hat anlässlich ihres 30-Jahr-Jubiläums den Kongress der Dachorganisation der rund 55 Sterbehilfeorganisationen aus aller Welt organisiert. Er dauert von Mittwoch bis kommenden Montag.

Stärkung der Palliativmedizin

Laut Sommaruga können sich viele Menschen offenbar nicht vorstellen, dass sie von der Medizin – respektive von unserem Gesundheitswesen – so unterstützt werden können, dass ein würdevolles und selbstbestimmtes Sterben auch ohne Suizid möglich ist.

Dies habe auch damit zu tun, dass in der Schweiz die Palliativmedizin nach wie vor zu wenig verbreitet sei, sagte Sommaruga gemäss Redetext. Der Suizid sei eine Möglichkeit, die Palliativmedizin zeige aber noch weitere Möglichkeiten für den allerletzten Lebensabschnitt auf.

Der Bundesrat sei der Meinung, dass der Entscheid für den Suizid in Kenntnis dieser weiteren Möglichkeiten gefällt werden müsse, sagte Sommaruga. Er wolle die Palliativmedizin stärken und fördern. Diese könne einen wichtigen Beitrag zum Selbstbestimmungsrecht leisten.

«Fragen zur Selbstbestimmung sollte man sich aber nicht erst stellen, wenn der Tod naht», sagte die Bundesrätin. Selbstbestimmung beginne viel früher. Beispielsweise dann, wenn eine grosse gesundheitliche Krise eintrete, wenn eine Person erfahre, dass sie schwer oder gar unheilbar krank sei.

Eine gute Möglichkeit, sich das Recht auf Selbstbestimmung frühzeitig zu sichern, sei die Patientenverfügung. Mit dem Inkrafttreten des neuen Erwachsenenschutz-Gesetzes am 1. Januar 2013 werde die Wirkung der Patientenverfügung zusätzlich verstärkt, sagte Sommaruga weiter.

«Den Tod ins Leben zurückholen»

Generell haben sich die Teilnehmer des Kongresses zur Sterbehilfe dafür ausgesprochen, «das Tabu des Todes» zu brechen. «Es ist höchste Zeit, den Tod ins Leben zurückzuholen», sagte der Schriftsteller Ueli Oswald, der ein Buch über den Tod seines Vaters mithilfe der Sterbehilfe-Bewegung Exit geschrieben hat. Es tue gut, auch mit Angehörigen über das Thema Tod zu sprechen. Seine Familie habe nicht gewollt, dass sein Vater «sich auf Zehenspitzen davonmacht».

Am Kongress zu dem umstrittenen Thema debattieren Teilnehmer aus 45 Ländern dabei über das Thema menschenwürdiges Sterben, das in den meisten europäischen Ländern hitzig diskutiert wird. (kpn/sda)

(Erstellt: 15.06.2012, 20:01 Uhr)

«Fragen zur Selbstbestimmung sollte man sich aber nicht erst stellen, wenn der Tod naht»: Simonetta Sommaruga spricht am Kongress. (15. Juni 2012) (Bild: Keystone )

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