Schweiz
«Merz' Einsatz war richtig, auch wenn es nicht geklappt hat»
Interview: Maurice Thiriet. Aktualisiert am 23.10.2011 61 Kommentare
Fast zwei Jahre Ghadhafis Geisel gewesen: Rachid Hamdani. (Archivbild) (Bild: Keystone )
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Rachid Hamdani und Max Göldi
Der schweizerisch-tunesische Doppelbürger Rachid Hamdani und ABB-Mitarbeiter Max Göldi wurden in Libyen festgesetzt, nachdem die Genfer Polizei im Juli 2008 GhadhafiSohn Hannibal al-Ghadhafi festgenommen und dann gegen Kaution entlassen hatte. Hamdani und Göldi wurden beschuldigt, gegen Visa-Vorschriften verstossen zu haben. Trotz des Einsatzes des damaligen Bundespräsidenten Hans-Rudolf Merz gelang es der Schweiz nicht, die beiden Schweizer frei zu bekommen. Erst mit Unterstützung der EU und der USA liess sich Ghadhafi dazu bewegen, Rachid Hamdani im Januar 2010 nach fast zwei Jahren Gefangenschaft ausreisen zu lassen. Max Göldi wurde zu weiteren vier Monaten Gefängnisstrafe verurteilt und kam erst im Frühjahr 2010 frei. Knapp ein Jahr später brachen in Libyen Unruhen aus. (thi)
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Wo waren Sie, als Sie von Gefangennahme und Tod Ghadhafis erfahren haben?
Ich sass in einem Flughafen in Asien und wartete auf den Heimflug als auf CNN der Tod Ghadhafis gemeldet und das erste Bild gezeigt wurde. Es waren Breaking News, ich war also per Zufall fast live dabei.
Was war Ihr erster Gedanke, als Sie die Bilder des geschundenen Obersts gesehen haben?
Es war natürlich auch für mich keine sonderliche Überraschung mehr, weil er ja seit nunmehr acht Monaten besiegt und vom halben Land gejagt worden war. Deshalb habe ich nicht viel mehr empfunden als sonst, wenn ich in den letzten Tagen Nachrichten aus Libyen schaute oder las.
Sie haben keine Befriedigung empfunden? Nichts Besonderes? Sie waren fast zwei Jahre Gefangener dieses Mannes.
Natürlich! Eine gewisse Befriedigung habe ich gespürt. Aber verhalten. Ich war ja nicht ganz und gar sicher. Es war ja im ersten Moment noch nicht ganz klar, ob er tot war oder nicht. Wobei ich eigentlich keine Zweifel hatte, dass er tot oder zumindest todgeweiht war. Ich war sicher, dass die Rebellen ihn töten würden. Nach diesem blutreichen Konflikt konnte es keine Gnade geben.
Finden Sie es richtig, dass Ghadhafi von seinen Häschern ermordet worden ist, wonach es ja aussieht?
Ich möchte mir dazu kein abschliessendes Urteil erlauben. Es ist ja schwierig zu sagen, was wirklich passiert ist. Aber falls sie ihn wirklich nach der Verhaftung getötet haben sollten, dann bin nicht einverstanden damit. Besonders nicht mit der Art und Weise, wie sie es gemacht haben sollen. Aber ich verstehe Ghadhafis Mörder. Diese Menschen haben sich über lange Zeit engagiert in einem blutigen Krieg, einem Krieg gegen die anfangs übermächtige Armee und skrupellose Söldner. Es hat keine Regeln gegeben in diesem Krieg, dafür umso mehr Tote. Und die Rebellen haben nicht angefangen, diesen schmutzigen Krieg zu führen. Da wäre es vermessen, den Rebellen nun vorzuwerfen, sie hätten unmoralisch oder ausserhalb der Regeln agiert.
Ist die Ermordung Ghadhafis bei der Aufarbeitung der Vergangenheit nicht hinderlich?
Wie schon gesagt: Ein Prozess vor einem internationalen Gerichtshof wäre sicher besser gewesen. Ich hätte das vorgezogen, aber unter den aktuellen Umständen ist es wohl nicht möglich gewesen, ihn lebend zu fassen. Und wir müssen das so akzeptieren. Aber eine wahre, auf ein Gerichtsurteil gestützte Gerechtigkeit wäre besser gewesen für all jene, die von diesem Mann und seinem Regime gedemütigt worden sind. Für sie wäre ein Tribunal eine gute und wichtige Möglichkeit gewesen, sich auszudrücken, endlich gehört zu werden. Jetzt kommt diese Möglichkeit nie wieder.
Hätte die dauernde Berichterstattung über einen Prozess bei Ihnen nicht alte Wunden aufgerissen?
Nein. Für mich wäre das schon in Ordnung gewesen. Man hätte ihn der Gerechtigkeit zuführen können, obwohl sein Tod für mich natürlich die bequemste Art ist, mit ihm fertig zu werden. Die Regierung, die nun übernehmen muss, hat wohl ähnlich gedacht. Ich hoffe aber, dass die neue Regierung eine andere Art und Weise an den Tag legt, um mit dem alten Regime und seinen Überresten fertig zu werden. Aber da habe ich Vertrauen.
Haben Sie Ghadhafi mal persönlich kennen gelernt?
Nein. Ich habe ihn nie getroffen.
Aber Sie haben seinen Werdegang beobachtet? Wann ist er Ihrer Meinung nach grössenwahnsinnig geworden?
Oh, das war er natürlich von Beginn weg, nachdem er an die Macht gekommen war. In den letzten 40 Jahren seines Lebens war er ein Egomane. Vielleicht ist es mit der Zeit schlimmer geworden. Aber zwischen 1977, als ich zum ersten Mal in Libyen war, bis zu seinem Sturz gab es nie eine Änderung. Man hat immer die gleiche Behandlung durch den Staat erfahren, die gleiche irre Stimme hat die gleichen irren Botschaften verkündet.
Ein oppositioneller Schriftsteller sagte, dass er gegenüber Ghadhafi zum Schluss Mitleid empfunden habe. Können Sie eine solche Aussage nachvollziehen?
Nein. Ich habe keine Gefühle direkt für ihn. Ich bin von seinem Regime misshandelt worden. Über ihn als Person kann ich nichts sagen. Das Regime Ghadhafis war nie nur er selbst. Es ist immer ein Ensemble. Natürlich geriet mein Fall auf eine persönliche Ebene, weil er mit dem Clan direkt verknüpft war, aber ich möchte das nicht herausstellen. Es ist mit mir das Gleiche passiert, wie mit allen anderen auch, die ihm oder seinem Regime in die Quere kamen.
Wie haben Sie die Ereignisse in Libyen und Ihre Gefangenschaft verarbeitet?
Es geht mir jetzt sehr viel besser. Ich habe mein normales Leben wieder gefunden, ohne psychologische Hilfe. Aber sicher: Das Trauma ist noch da. Ich reagiere anders und heftiger als früher auf Nachrichten, in denen es um Entführungen und Ähnliches geht. Ich verstehe nun sehr viel besser, wie es Leuten geht, die gekidnappt worden sind und misshandelt werden.
Woher rührt Ihr Trauma? Was war Ihre grösste Angst während der libyschen Gefangenschaft?
Panische Angst hatte ich, als man uns unter einem Vorwand medizinischer Tests gekidnappt hatte. Wir waren danach ohne jede Nachricht von aussen und wussten also überhaupt nicht, was geschah und warum. Auch vorher und nachher war die lähmende Ungewissheit das Schlimmste. Und die ständige Angst vor neuen Befragungen. Hinzu kam die Angst um alle Leute, mit denen wir in Kontakt standen.
Herr Merz’ Einsatz in Libyen ist in der Schweiz sehr kritisch beurteilt worden. Von Ihnen auch?
Nein. Ich kenne die Mentalität da unten, und weil es eine Affäre war, die direkt Ghadhafi und seine Familie betraf, war mir immer klar, dass nur auf allerhöchster Ebene überhaupt etwas erreicht werden könnte. Auf einem tieferen Niveau war es sowieso nicht möglich. Deshalb war Merz’ Einsatz richtig, auch wenn es nicht geklappt hat. Man musste es früher oder später sowieso versuchen. Merz ist über den Tisch gezogen worden. Wäre er nicht sicher gewesen, dass die Chancen auf unsere Freilassung gut stehen, dann wäre er nicht gekommen.
Wie beurteilen Sie das Verhalten der Medien? Die Publikation von Hannibals Polizeifotos hat Ihre Lage verschlimmert.
Die Informationen in der Affäre waren sehr knapp, weshalb die Medien mehr publiziert haben, als gesichert und verantwortbar war. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
Stehen Sie noch in Kontakt mit Herrn Göldi? Wissen Sie, wie es ihm geht?
Ja, wir stehen in regelmässigem Kontakt. Es geht ihm sehr gut. Aber wir sprechen nicht mehr über die Affäre. Das war eine sehr schmerzhafte Erfahrung, und es tut weh, das wieder aufzurollen. Das Ganze zu vergessen, ist das Beste, und wir beide wollen das so halten.
Haben Sie mit Herrn Göldi über die Tötung Ghadhafis gesprochen?
Nein. Darüber haben wir nicht gesprochen. Ich bin eben erst nach Hause gekommen. Und ich werde ihn nicht extra deswegen anrufen.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.10.2011, 14:07 Uhr
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61 Kommentare
Nach seiner Entlassung hat Hr.Göldi gesagt, ein Lichblick während seiner Geisselhaftzeit sei der Besuch von Bundesrat Merz gewesen. Nun findet auch Hr.Hamdani, dass Bundesrat Merz habe richtig gehandelt. Den Männern, die wisssen um was es geht, glaube ich dies. Ich gönne Bundesrat Merz, dass die konkret Betroffenen zu Wort gekommen sind. Antworten
Bei allem Respekt gegenüber den Menschenrechten für die ich mich selber gerne einsetze, aber hier seh ich es ähnlich wie Sofsky. Es wäre was anderes, wenn bereits eine neue Verfassung in kraft wäre aber so hat er bekommen womit klar zu rechnen war. Nun sollte man international besser die Energie dahin verwenden, zu schauen, dass das Land nicht in der Ochlokratie hängen bleibt. Antworten
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