Einsiedler Mönche belästigten Schüler sexuell

Von Patrick Kühnis und Stefan Hohler. Aktualisiert am 20.03.2010

Der Missbrauchsskandal hat das Kloster Einsiedeln und den Kanton Zürich erreicht. Der Abt Martin Werlen räumt ein, dass an der Schule des Klosters immer wieder zu sexuellem Missbrauch gekommen ist.

Keine Strafanzeigen in den Missbrauchsfällen: Kloster Einsiedeln.

Keine Strafanzeigen in den Missbrauchsfällen: Kloster Einsiedeln.
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Weiss von fünf Tätern in der Stiftsschule: Der Einsiedler Abt Martin Werlen.

Weiss von fünf Tätern in der Stiftsschule: Der Einsiedler Abt Martin Werlen. (Bild: Keystone)

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Keine Strafanzeigen

Bei der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) sind in den vergangenen 15 Jahren 60 Meldungen über sexuelle Übergriffe durch Priester eingegangen. Gemäss den Richtlinien der Bischofskonferenz erstattet die Kirche keine automatische Strafanzeige. Sie ermutigt aber die Opfer, die Straftat anzuzeigen.

Auch das von Vorfällen betroffene Bistum Chur erstattet nicht automatisch Anzeige, sondern nur, wenn das Opfer einverstanden ist, wie Bischofsvikar Christoph Casetti zur SDA sagte. Man halte sich damit an die dringlichen Appelle der meisten Opferschutzorganisationen.

Automatische Anzeigen würden die Opfer auch gegen ihren Willen erneut mit dem Geschehenen konfrontieren und sie teilweise in das Rampenlicht der Öffentlichkeit zwingen. Diese Sicht wird allerdings nicht von allen Opferschutzorganisationen geteilt. Einzelne Organisationen fordern von der Kirche die Anzeige ausnahmslos aller Missbräuche.

Grapschereien, intime Berührungen, schlüpfrige Sprüche und einmal sogar eine sexuelle Handlung: Abt Martin Werlen musste gestern zugeben, dass Internatsschüler des Klosters Einsiedeln mehrmals Opfer sexueller Übergriffe wurden. Begangen haben sie fünf Brüder der Klostergemeinschaft. Vor der Justiz verantworten musste sich keiner von ihnen, weil die Opfer auf eine Anzeige verzichteten oder beigezogene Juristen die Vorfälle als zu harmlos einstuften. Laut «Schweiz aktuell» kam es seit 2001 bei drei Mönchen zu Verfehlungen. Der schwerste Übergriff hat sich aber in den 70er-Jahren ereignet, wie es auf Anfrage hiess. Werlen und seine Vorgänger gaben allen Tätern eine zweite Chance: Sie mussten sich zwar von der Stiftsschule fernhalten, konnten aber im Kloster bleiben.

Auch das Bistum Chur untersucht derzeit zehn Verdachtsfälle von sexuellem Missbrauch, wie Bischofsvikar Christoph Casetti bestätigt. Sie gingen in den letzten anderthalb Jahren von Opfern, Angehörigen und Drittpersonen bei der Fachstelle «Sexuelle Übergriffe in der Seelsorge» ein, die aus Theologen, Juristen und Psychologen besteht. Einer der schwersten Fälle ist laut TA-Informationen nicht verjährt: Er betrifft einen Priester, der sich nach 2005 an einem Minderjährigen vergangen hat. Auf Anraten der Fachgruppe zeigte das Opfer seinen Peiniger an, will ihn jetzt aber plötzlich nicht mehr belasten – das Verfahren droht im Sand zu verlaufen.

Bistum Basel wusste Bescheid

Als gravierend stuft die Fachgruppe auch die sexuellen Übergriffe eines Zürcher Geistlichen ein, die schon Jahrzehnte zurückliegen. Der Pfarrer ist inzwischen tot. Sein Opfer schaffte es aber erst kürzlich, sich der Fachgruppe anzuvertrauen. Er hat dem Täter verziehen. Beim zweiten bekannten Zürcher Fall klären die Experten noch ab, ob es sich tatsächlich um Missbrauch handelt – oder um eine Liebschaft zwischen einer Frau und einem Ex-Priester.

Inzwischen ist auch bekannt, dass das Bistum Basel von Anfang an von der pädophilen Vergangenheit des heute 69-jährigen Paters und Ex-Pfarradministrators von Schübelbach SZ wusste. Der Pater arbeitete von 1971 bis 1987 in Baden AG als Vikar und Pfarrhelfer. Das Bistum taxierte seine Einstellung gestern als «unvertretbare Fehleinschätzung», die man bedaure. Übergriffe in Baden seien nicht bekannt. Gemäss der Vorarlberger Polizei hat der Pater gestanden, Jugendliche missbraucht zu haben. Die Vorfälle ereigneten sich in den 60er- und 70er-Jahren in einem Gymnasium und im deutschen Kloster Birnau am Bodensee. Der Mann hat sich Anfang Woche selber gestellt.

Gerold Becker gesteht

In Deutschland hat der ehemalige Leiter der reformpädagogischen Odenwaldschule, Gerold Becker, sexuelle Verfehlungen zugegeben. Laut der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» bedauerte er in einem Brief sein Handeln «zutiefst» und bat die Betroffenen um Entschuldigung. Bisher haben sich 33 Ex-Schüler als Opfer von Übergriffen gemeldet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2010, 08:06 Uhr

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