Mit Filzfinken poliert die SP ihr Image auf

Diese Woche haben alle Zürcher Haushalte die Stadtratswahlbroschüre der SP Zürich erhalten. Darauf sind prominent Filzfinken abgebildet. Ist das geschickt? Ein Gespräch mit dem Politberater Mark Balsiger.

Mit getragenen Filzfinken in den Stadtrat: Die SP Zürich symbolisiert damit den Kampf um zahlbare Wohnungen.

Mit getragenen Filzfinken in den Stadtrat: Die SP Zürich symbolisiert damit den Kampf um zahlbare Wohnungen.
Bild: Felix Schindler

Politberater Mark Balsiger.(Bild:pd)

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Auf der Frontseite der SP-Broschüre zu den Zürcher Stadtratswahlen sind Filzfinken abgebildet. Wie wirkt das auf Sie?
Mit diesem Sujet verbinde ich Behaglichkeit, ein warmes Zuhause. Jemand, der ein solches Zuhause hat, kann sich privilegiert schätzen. In Zürich eine zahlbare Wohnung zu finden, ist für viele Menschen ein zentrales Problem. Deshalb finde ich Aufmachung und Stossrichtung dieser Broschüre passend. Damit kann die SP einen Teil ihrer Klientel abholen.

Ist Filz als Material nicht extrem ungeschickt. Schliesslich spricht man ja auch von Filz, wenn Politiker verflechtet und nicht mehr unabhängig sind.
Den Link von Filzpantoffeln zum politischen Filz habe ich erst nach längeren Nachdenken gemacht. Das Wort Filz ist negativ behaftet, auf Englisch sagt man Network, also Netzwerk. Es ist doch gut, wenn man weiss, wer zu einem gewissen Kreis dazugehört, wer mit wem vernetzt ist. Netzwerke gibt es im bürgerlichen Establishment genauso wie in rot-grünen Kreisen. Das ist nicht per se negativ.

Hat die SP eventuell unterschätzt, dass es eben doch Leute geben könnte, die diesen Link machen?
Ich glaube, die wenigsten Personen denken so weit, wenn sie die Broschüre anschauen. Sie scheint mir durchdacht. Sie spricht mich auch textlich an. Die Pantoffeln finde ich zudem frech und gleichzeitig gut, weil sie mich an SAC-Hütten und Wärme erinnern. Sie wecken Emotionen.

Sind Filzfinken nicht der Inbegriff einer Ökobiederkeit wie sie auch Stadtpräsidentin Corine Mauch ausstrahlt? Graue Pantoffeln für graue Mäuse?
Ich sammle seit 20 Jahren das Werbematerial von Parteien und Kandidaten. Die Broschüre der SP halte ich für weitgehend gelungen. Der Begriff «graue Maus» scheint an Corine Mauch zu haften. Daran ist sie nicht ganz unschuldig. Als Gast in der Sendung von Kurt Aeschbacher vor einer Woche hat sie mehrmals betont, dass sie keine graue Maus sei. Das ist ein typischer Anfängerfehler: Man wiederholt negative Sätze nicht. Frau Mauch hätte betonen sollen, dass sie authentisch ist und sich nicht viel aus teuren Kleidern macht. Sie muss sich ja nicht verstellen, nur weil sie jetzt Stadtpräsidentin ist.

Das Image der SP Zürich erweitert sich: Nun tragen Cüpli-Sozialisten Filzpantoffeln.
Problematisch ist, dass eine Partei heute stark vom Image der nationalen Schwesterpartei geprägt wird. Seit der Schlappe der SP bei den Nationalratswahlen im Herbst 2007 wird sie in den Medien als Verliererpartei dargestellt. Auf ihre beiden Bundesräte kann die Partei nicht mehr bauen, sie sind zu wenig populär. Tatsächlich wird es auch die SP Zürich bei den nächsten Wahlen schwer haben. Eine selbstbewusste Sektion, wie es die SP der Stadt Zürich ist, kann da nur versuchen, den Schaden zu begrenzen, der durch das angeschlagene, nationale Image der Partei verursacht wird.

Macht das die SP Zürich mit der aktuellen Broschüre?
Ja, weil die Broschüre professionell ist. In allen kleineren Städten und Gemeinden, ebenso in vielen Kantonen, können es Parteisektionen allerdings vergessen, dem nationalen Image entgegenzusteuern. Wahlkämpfe finden schon lange nicht mehr im eigentlichen Wahlkreis statt.

Corine Mauch äussert sich in der Broschüre ausschliesslich über Kultur und wie wichtig Kultur für Zürich ist. Klar, sie ist Kulturvorsteherin. Aber sie repräsentiert als Stadtpräsidentin die ganze Stadt, also auch Wirtschaft und Finanzen. Ist es geschickt, sich so einseitig zu positionieren?
Es geht ja darum, vier Stadtratskandidaten auf einer A4-Seite vorzustellen. Bei jeder Person hat man sich für einen thematischen Schwerpunkt entschieden. Natürlich hätte Corine Mauch etwas zum Zürcher Finanzplatz sagen können. Offensichtlich hat die SP aber entschieden, dass Kultur für ihr Zielpublikum wichtiger ist. Aus Sicht der SP ist das verständlich: Kultur ist eine ihrer Kernkompetenzen. Mit Finanz- und Wirtschaftspolitik hat sie es weniger. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)

Erstellt: 21.01.2010, 14:59 Uhr

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