Mit Lust an der Provokation und unbändiger Neugierde

Newsrooms als «Verrichtungsboxen» und «Diktatur der Reichweite»: Der Soziologe und Medienkritiker Kurt Imhof sah sich als Warner, der sich um den Zustand der Medien sorgt.

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Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass diese Stimme für immer verstummt ist: Kurt Imhof, Deuter der unterschiedlichsten Gesellschaftsphänomene, streitbarer und streitlustiger Experte, der Politik und Medien immer wieder den Spiegel vorgehalten hat. Noch letzten Dezember besuchte Imhof mit seinem Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft den Newsroom des «Tages-Anzeigers». Dem Besuch vorangegangen war eine typische imhofsche Provokation; er hatte Newsrooms öffentlich als «Verrichtungsboxen» bezeichnet, in denen mediales Kurzfutter hergestellt werde, und freute sich schelmisch über die dadurch entstandene Debatte.

Gleichzeitig nahm er die Einladung, einen Newsroom zu besichtigen, umgehend an. Der Besuch mit folgender Blattkritik wurde zum Erfolg. Hier kam kein belehrender Theoretiker auf Visite. Sondern ein Medienfachmann, der begeistert war von seinem Forschungsgegenstand und ausgestattet mit der für unser Fach wichtigsten Voraussetzung – einer ungebändigten Neugierde.

Bei aller rhetorischen Gewandtheit, mit der Imhof Gesprächsrunden dominierte, war er ein sehr guter Zuhörer. So liess er sich die Abläufe und Umstände der Medienproduktion immer wieder erklären, wollte wissen, was die Bedingungen waren, unter denen ein Produkt entsteht. Das Produkt selbst bewertete er in seinem Jahrbuch «Qualität der Medien» – und sorgte damit reflexartig für Kritik aus der bewerteten Branche. Imhof wurde vorgeworfen, Gratismedien und Onlinejournalismus jeden Wert abzusprechen und einen überkommenen, an die Parteipresse früherer Jahre erinnernden Journalismus zu favorisieren.

Die perfekte Rolle

Tatsächlich mögen Imhof und sein Institut in den letzten Jahren ein gar düsteres Bild der Schweizer Medienlandschaft skizziert haben. Wer sich aber die Mühe machte, das umfangreiche und in seiner Art einzigartige Jahrbuch zu studieren, musste der wissenschaftlichen Arbeit Respekt zollen, auch wenn er nicht alle Befunde teilte. Bei der Präsentation des Jahrbuchs 2014 warnte Imhof letzten Oktober vor einer «Diktatur der Reichweite», die zu immer mehr Infotainment und weniger klassischen Nachrichten und Einordnungen führe. Imhof sah sich als Warner, der die staatspolitische Bedeutung der Medien beständig in Erinnerung rief und sich um deren Zustand sorgte. Dass er dieser Sorge mit seiner Lust an der Provokation und dem Hang zur verbalen Übertreibung Ausdruck verlieh, weckte aufseiten der Medien Abwehrreflexe: Anstatt sich inhaltlich mit Imhofs Befunden auseinanderzusetzen, taten sie diese zu oft als professoral oder weltfremd ab.

Wie wenig solche Zuordnungen zu Kurt Imhof passten, zeigt sein Lebenslauf. Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen in Wollishofen, liess sich Imhof zum Hochbauzeichner ausbilden. Auf dem zweiten Bildungsweg holte er die Matura nach und begann mit 28 Jahren sein Studium der Geschichte, Soziologie und Philosophie an der Universität Zürich. Nach der Tätigkeit als Dozent an Fachhochschulen promovierte Imhof 1989 mit einer Arbeit über die «Diskontinuität der Moderne». Fortan wandte er sich der Analyse von Medienereignissen zu, forschte zum Medienwandel und habilitierte 1994 mit seiner Arbeit «Medienereignisse als Indikatoren sozialen Wandels. Ein Beitrag zu einer Phänomenologie der ‹öffentlichen Meinung›».

Imhof hatte sein Themenfeld gefunden, wurde zum Privatdozenten für Soziologie ernannt und gründete 1997 mit acht Mitarbeitern das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG), das untrennbar mit seinem Namen verbunden ist. Über die Arbeitsbedingungen am FÖG ranken sich Legenden: von hohem Leistungsdruck ist die Rede, von straffer Führung und Studenten, die ohne Aussicht auf eine eigene akademische Karriere der Institutsleitung zudienen mussten. Aber auch von kollegialem Umgang fern jeden professoralen Dünkels. Fakt ist, dass Imhof es schaffte, aus dem FÖG das wohl bekannteste universitäre Institut des Landes zu machen. Als assoziiertes Institut, das sich auch durch Forschungspartnerschaften und Stiftungsgelder finanziert, ist das FÖG mit seinen gut 40 Mitarbeitern auf Publizität angewiesen. Imhof, inzwischen ordentlicher Professor für Publizistikwissenschaft und Soziologie, schien diese Rolle auf den Leib geschrieben: Er wurde zum Dauergast in Talksendungen, zum Experten, den die Medien mit Vorliebe befragten. Denn Imhof hatte von Massenbesäufnissen bis zur Papstwahl zu allem eine Meinung, war permanent erreichbar und eloquent.

Flammender Appell

Der Soziologieprofessor war ebenso Beobachter wie Teilnehmer des öffentlichen Diskurses. Er wusste um seine öffentliche Wirkung, setzte auf nonchalante Kleidung und regelmässig auf ebensolche Sprache. Mit seinem auffälligen Lachen sorgte er für Heiterkeit in Diskussionsrunden. In der Sache aber war es Imhof ernst. So machte er mit bei Milo Raus «Prozess» gegen die «Weltwoche» im Theater Neumarkt. Er warf der Zeitung in einer leidenschaftlichen Rede vor, sie diffamiere, diskreditiere und diskriminiere unter dem Deckmantel der liberalen Werte einzelne Bürger, ganze Gruppen und zentrale Institutionen des Staats. Dennoch wäre es laut Imhof grundfalsch, eine solche Zeitschrift zu verbieten. Als einer der Ersten würde er dagegen auf die Barrikaden steigen, erklärte der sich zeitlebens der Aufklärung verpflichtete Medienkritiker.

Gemeinsam mit anderen Intellektuellen engagierte sich Imhof bis zuletzt im Club Helvétique, der am 1. August 2014 mit seinem Manifest «Für eine offene und humanitäre Schweiz» für Aufsehen sorgte. Das Manifest war ein flammender Appell, sich der Gründungsideale von 1848 zu besinnen, und eine Absage an Heimatverherrlichung und Fremdenfeindlichkeit. «Es gibt keine Zwangsläufigkeit in der Geschichte. Geschichte ist beeinflussbar. Doch setzt politisches Handeln eine Perspektive voraus», heisst es im Manifest, das unverkennbar Imhofs Handschrift trägt. In den letzten Monaten ist es ruhig geworden um Kurt Imhof. Im Dezember hatten die Ärzte bei ihm ein Krebsleiden diagnostiziert. Er habe in seinen letzten Mails noch energisch und eindrücklich betont, wie er gegen den Krebs ankämpfen wolle, sagte Imhofs Basler Kollege Ueli Mäder. Am Sonntagmorgen ist Kurt Imhof 59-jährig im Universitätsspital Zürich verstorben. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.03.2015, 22:54 Uhr)

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Branchenkollegen von Kurt Imhof sind bestürzt.

Die Schweizer Medienszene reagierte gestern Abend schockiert auf den Tod des bekannten Zürcher Soziologieprofessors Kurt Imhof. «Kurt Imhof war ein unglaublich unterhaltsamer Mensch und hatte einen guten Humor», sagt der Medienkolumnist Kurt W. Zimmermann. Kaum schlüpfte er in seine offizielle Rolle des Kritikers, konnte er unangenehm werden. Selten habe ich Persönlichkeiten getroffen, die so kontrastieren. Das hat mir gefallen.»

Hanspeter Lebrument, Präsident des Verlegerverbands, wusste offenbar als einer der wenigen schon länger von Imhofs Krankheit, wie er sagt: «Die Nachricht kam nicht überraschend.» Imhof sei das Gewissen der Schweizer Medienbranche gewesen, fügt Lebrument hinzu: «Lästig, aber man nahm ihn stark zur Kenntnis.» Man habe sich mit ihm auseinandergesetzt, er sei ein wichtiger Mahner gewesen. «Mit Professor Imhof ist jemand gegangen, der uns fehlen wird, auch weil er für Wirbel sorgte. Aber das gehört dazu und war sein grosses Verdienst.»

Für den Medienwissenschaftler Vinzenz Wyss verliert die Medienwissenschaft mit Kurt Imhof eine «wichtige und unermüdlich engagierte Kassandra, vor deren Prognosen die von ihr insgeheim geliebte Journalistenzunft gerne die Augen verschloss». Wyss ist Vizepräsident der schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft, in welcher auch Kurt Imhof als Mitglied organisiert war.

Laut Medienrechtsexperte Peter Studer wurde Imhof zu Unrecht als «Linksideologe» gescholten. «Denn er berief sich auf die liberaldemokratischen Aufklärer des 19. Jahrhunderts und wandte ihre Forderung nach Medien, die der demokratischen Bürgergesellschaft ein Urteilsfundament geben, auf die Gegenwart an. Bereits war er nahe daran, sein Rezept nach Deutschland und Österreich zu exportieren.»

Medienjournalist Hanspeter Bürgin schreibt auf Anfrage: «Ein grosser Verlust für die Medienschweiz, aller Kritik zum Trotz.» Auch Medienjournalist Christof Moser ist von Imhofs Tod getroffen: «Imhof pochte auf Journalismus, der einer aufgeklärten Gesellschaft dient und nicht nur dem Gewinn der Medienkonzerne. Dabei ist er gerade von Journalisten oft missverstanden worden: Er kämpfte nicht gegen, sondern für uns.» Die Aussagen Imhofs seien nur selten zum Lachen gewesen, sagt Moser, «aber keiner lachte dazu lustiger als er. Auch dafür werde ich ihn in guter Erinnerung behalten.»

Auch an der Falkenstrasse nimmt man Imhofs Ableben mit Bestürzung zur Kenntnis. NZZ-Medienredaktor Rainer Stadler nannte Imhof gestern Abend einen «Wissenschaftler, der sich nicht verkrochen, sondern mit einem Löwenherz für sein Lebensthema gekämpft hat». Er sei ein Mann gewesen, der mit seinem Enthusiasmus, seinem Witz, seiner Grosszügigkeit, Belesenheit und Brillanz die zahlreichen Kritiker in den intellektuellen Schatten gestellt habe. «Ein Verlust für die Schweiz.»

Der erfahrene Medienkenner Karl Lüönd zeigte ebenfalls schockiert über Imhofs Tod: «Er hat, unabhängig davon, ob man ihm zugestimmt hat oder nicht, die Probleme der Medienbranche und die Medienwissenschaft selbst zum Thema gemacht.» Dabei sei Kurt Imhof – «obwohl er nicht gefeit war gegen Rechthaberei» – auf Stellen gestossen, die der Branche wehgetan hätten.

Christian Lüscher

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