Mit geballter Kraft für die Elternzeit

Die Befürworter einer Elternzeit in der Schweiz bereiten eine politische Offensive vor. Dabei dürfte der Mutterschutz zum zentralen Streitpunkt werden. Bald könnte zudem das Volk über diese Fragen befinden.

Kampf für den Vaterschaftsurlaub: Zwei Väter sagen auf der Kampagnenwebsite, warum ihnen die «Papizeit» wichtig ist.

Kampf für den Vaterschaftsurlaub: Zwei Väter sagen auf der Kampagnenwebsite, warum ihnen die «Papizeit» wichtig ist. Bild: Papizeit.ch

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«Weil wir noch einen weiten Weg vor uns haben» oder «weil Papi genauso wichtig ist wie Mami»: Das sind zwei der Sprüche, mit denen Väter Fotos von sich und ihren Kindern überschreiben. Zu finden sind sie auf der Website Papizeit.ch, einem Projekt des Gewerkschaftsdachverbands Travailsuisse in Zusammenarbeit mit Organisationen, die sich ebenfalls für einen gesetzlich geregelten Vaterschaftsurlaub einsetzen.

Ziel der heute startenden Kampagne ist es, «einer immer stärker schwelenden politischen Diskussion Gesichter zu geben», sagt Matthias Kuert, Leiter Sozialpolitik bei Travailsuisse. Die beteiligten Organisationen wollen durch den Einbezug junger Väter eine breite öffentliche Debatte über das Thema lancieren. Hintergrund der Aktion sind zahlreiche hängige Vorstösse auf politischer Ebene. So hat etwa kürzlich die vorberatende Nationalratskommission der parlamentarischen Initiative von CVP-Nationalrat Martin Candinas zugestimmt, die einen zweiwöchigen bezahlten Vaterschaftsurlaub verlangt – ein starkes Signal angesichts einer stattlichen Zahl bisher abgelehnter Vorstösse zum Thema.

Lobbying für die Elternzeit

Das Signal hat seine Wirkung nicht verfehlt: Im Hintergrund bündeln die Befürworter eines Vaterschaftsurlaubs zurzeit ihre Kräfte und bereiten sich auf eine politische Offensive vor. Sie wollen den Druck auf das Parlament erhöhen; ein intensiver partei- und organisationenübergreifender Austausch findet bereits statt. So sondieren etwa die Eidgenössische Kommission für Familienfragen (EKFF) sowie jene für Frauenfragen (EKF) im Moment, welches der acht Modelle des Bundesrats für einen Vaterschafts- oder Elternurlaub mehrheitsfähig ist. Diese unterscheiden sich in Dauer und Finanzierung.

Dabei zeigt sich bereits jetzt: Der von Travailsuisse und Nationalrat Candinas geforderte Vaterschaftsurlaub reicht längst nicht allen aus. Stattdessen wollen Familienorganisationen und Politiker unterschiedlicher Lager in der Schweiz – wie in den meisten OECD-Staaten – eine Elternzeit etablieren, die sowohl Mutter als auch Vater beziehen könnten. Die Schweiz dürfe im internationalen Vergleich nicht länger familienpolitisches Schlusslicht bleiben, lautet der Tenor.

Doch der Teufel liegt im Detail: Die Vorstellungen unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich der Dauer der Elternzeit, sondern auch in Bezug auf die Modalitäten. Zentraler Streitpunkt ist der Mutterschutz. Für breite politische Kreise ist der 14-wöchige Mutterschaftsurlaub, für den die Frauen Jahrzehnte lang gekämpft haben, eine unumstössliche Errungenschaft.

Mutterschutz ist kein Tabu mehr

Liberale Kräfte pochen dagegen auf ein gleichberechtigtes Modell: So wollen etwa die Grünliberalen die Mutterschaftsentschädigung durch einen gemeinsamen Elternurlaub ersetzen. Dieser soll auf 20 Wochen ausgedehnt werden, sofern sich die Eltern die Zeit ausgeglichen aufteilen. Die heutige Regelung spure traditionelle Rollen vor, argumentiert die Berner Nationalrätin Kathrin Bertschy. Auch FDP-Nationalrat Andrea Caroni schlägt eine Lösung vor, die den Mutterschutz tangiert. Väter sollen demnach die Möglichkeit erhalten, einen Teil des Mutterschaftsurlaubs zu beziehen, denn die Dauer von 14 Wochen sei nur teilweise gesundheitsbedingt, begründet Caroni. Die restliche Zeit diene der Beziehungsförderung zum Kind – eine Aufgabe, die in einer gleichberechtigten Gesellschaft auch dem Vater zufalle, findet er.

Die grüne Nationalrätin Aline Trede teilt diese Meinung nicht: «Der Mutterschutz darf nicht angetastet werden; er hat regenerative Gründe.» Die Bernerin fordert eine Elternzeit von 18 Monaten, wovon der Vater mindestens sechs Monate beziehen soll. Auch sie argumentiert gleichstellungspolitisch, will aber die «konservative und hinterwäldlerische Schweiz» an die grosszügigeren OECD-Standards heranführen.

«Am politisch Machbaren orientieren»

Kuert weiss um die Brisanz der bevorstehenden Diskussionen zum Mutterschutz und sagt: «Das kommt auch für uns überhaupt nicht infrage. Die Elternzeit darf den hart erkämpften Mutterschutz nicht beschneiden, sondern muss zusätzlich zu diesen 14 Wochen etabliert werden. Wir dürfen das nicht gegeneinander ausspielen.» Der Gewerkschafter will sich vielmehr am «politisch Machbaren» orientieren und plädiert für ein schrittweises Vorgehen – zuerst der Vaterschaftsurlaub, dann die Elternzeit. «Schliesslich sind wir von den skandinavischen Modellen noch meilenweit entfernt. Wir können eine solche Lösung für die Schweiz nicht auf dem Reissbrett entwerfen.» So oder so: Trede ist überzeugt, dass über diese Fragen ohnehin das Volk entscheiden wird. «Daran führt wohl kein Weg vorbei – entweder über ein Referendum oder eine Volksinitiative. Und dabei wird sich zeigen, dass die Bevölkerung viel moderner und offener ist als das Parlament.»

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(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.06.2015, 11:12 Uhr

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