«Morgen wieder eine Kandidatur starten»

Das Schweizer IOK-Exekutivmitglied René Fasel schlägt vor, der Bund solle erst drei Milliarden für Olympische Winterspiele sprechen und dann fragen, wer diese ausrichten wolle.

«Niemand im IOK will Gigantismus»: René Fasel in der Zentrale des Internationalen Eishockeyverbands in Zürich. Foto: Reto Oeschger

«Niemand im IOK will Gigantismus»: René Fasel in der Zentrale des Internationalen Eishockeyverbands in Zürich. Foto: Reto Oeschger

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Das Bündnervolk hat letzten Sonntag Nein gesagt zu Olympischen Winterspielen. Gibt Ihnen das Verdikt zu denken?
Es tut mir vor allem weh. Erst einmal möchte ich aber all jenen danken, die sich für die Kandidatur eingesetzt haben – auch all jenen, die Ja gestimmt haben. Sie nahmen sich die Mühe, richtig zu analysieren, was Olympische Winterspiele gebracht hätten und was nicht.

Die Nein-Stimmenden haben weniger gut analysiert?
Sie liessen sich wohl beeinflussen von der Kostendiskussion, die im Vorfeld der Abstimmung überhandnahm. Als Demokrat akzeptiere ich aber das Verdikt. Wir müssen nun eine Analyse machen, weshalb wir verloren haben.

Einer der Gründe könnte das
Imageproblem des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) sein.Das spielte vielleicht eine Rolle. Wir müssen unser Image verbessern.

Was macht denn Ihrer Ansicht nach das schlechte Image des IOK aus?
Nebst dem Neid auf unseren Einfluss und Status höre ich immer wieder den Vorwurf des Gigantismus – vor allem bezogen auf die Winterspiele 2014 in Sotschi. Dabei sollte man bedenken: Wenn wir St. Moritz und Davos neu bauen müssten – inklusive Zufahrtsstrassen, Bahnlinien, Skianlagen – würde dies ebenfalls viel kosten. Russland hatte bisher keinen solchen Wintersportort. Nun bauen sie ihn von Grund auf in Sotschi. Das sind eigentlich nicht direkte Kosten der Olympischen Spiele. Wir vom IOK bremsen eher.

Wo haben Sie in Sotschi gebremst?
Wir empfahlen zum Beispiel, die Bahnlinie nicht doppelspurig zu bauen, sondern einspurig mit Kreuzungsstellen. Wir können aber den Organisatoren nicht verbieten, grösser anzurichten.

Entscheidend war doch die Vergabe der Winterspiele. Wenn diese in einem Sommerkurort am Meer stattfinden, ist klar, dass der Aufwand riesig wird.
Waren Sie je in Sotschi?

Nein.
Dann müssen Sie einmal hingehen. Sotschi ist nicht Saint-Tropez – auch wenn es am Schwarzen Meer liegt und dort Palmen wachsen. Aber nach drei Viertelstunden Bahnfahrt sind Sie in schönen Bergen ...

... wo die Ski-Infrastruktur fehlt.
Die wird nun gebaut, wobei die Olympischen Winterspiele als Katalysator dienen. Russland ist ein grosses Land und eine grosse Sportnation. Da ist es doch klar, dass dieses Land ein Wintersportzentrum haben will.

Sie finden also den Vorwurf des Gigantismus betreffend Sotschi deplatziert?
Was soll diese Frage?

Wir fragen nur nach, um sicherzustellen, dass wir Sie richtig verstanden haben.
Was heisst Gigantismus? Die Eishalle ist sicher sehr speziell gebaut. Das hätte man in St. Moritz und Davos nicht gemacht. Wir hätten den Leuten zeigen wollen, dass man es auch anders machen kann – anders, nicht kleiner oder grösser. Aber man lässt uns ja nicht. Es ist eben viel einfacher, etwas zu zerstören als etwas aufzubauen.

Wie sehen denn ideale Winterspiele Ihrer Ansicht nach aus?
Winterspiele in den Bergen sind schwierig geworden, weil es viele Unterkünfte braucht für Athleten, Zuschauer und Medienleute. In Lillehammer haben es die Norweger in einer kleinen Stadt geschafft. Nun wollten wir zeigen, dass es auch in St. Moritz und Davos geht. Das wäre ein wichtiges Signal gewesen. Alle IOK-Mitglieder, mit welchen ich darüber gesprochen hatte, waren begeistert. Niemand im IOK will Gigantismus.

Adolf Ogi – Alt-Bundesrat und Ex-Präsident von Sion 2006 – empfiehlt dem IOK, Gegensteuer zu geben. Die Spiele seien in den vergangenen Jahren immer noch grösser und noch teurer geworden.
Das olympische Motto war ja «citius, altius, fortius» ...

... auf Deutsch «schneller, höher
stärker». Das ständige Steigern ist also im Sport gewissermassen systemimmanent?Es kam als Bumerang zurück in Form von Dopingexzessen. In den letzten Jahren brauchten wir den Slogan kaum mehr.

Auch Sie wollen also gegensteuern?
Ja, hundertprozentig. Wir müssen uns an einen Tisch setzen und überlegen, wohin wir wollen. Werden die Spiele immer grösser, organisieren sie am Ende nur noch China, Russland und die USA. Der nächste IOK-Präsident, der im September gewählt wird, muss sicher eine neue Richtung angeben.

Ist eine Schweizer Kandidatur für Olympische Winterspiele nun für längere Zeit vom Tisch? Der Präsident von Swiss Olympic sprach von 20 Jahren.
Das finde ich nicht. Ginge es nach mir, sollten wir schon morgen wieder eine Kandidatur starten.

Wieder in Graubünden? Sion 2006 hatte einst mehr Begeisterung ausgelöst.
Wir Welschen sind eben risikofreudiger und abenteuerlustiger. Kommt hinzu, dass in Graubünden mit seinen vielen Tälern der Neid eine grosse Rolle spielt. Aber ich bin ein grosser Fan der Bobbahn von St. Moritz. Ich bin dort auch schon selbst heruntergefahren – hinten im Bob natürlich. Es wäre so schön gewesen, wenn wir rund um die Bobbahn den olympischen Geist hätten wehen lassen können. Vielleicht müsste der Bund 3 Milliarden Franken für Olympische Winterspiele einsetzen und fragen, wer interessiert sei. Dann würden wohl alle kommen: die Bündner, die Walliser, die Berner, die Innerschweizer.

3 Milliarden Franken?
Wie hoch ist das Schweizer Bruttoinlandprodukt?

Rund 600 Milliarden Franken pro Jahr.
Über sieben Jahre ab Vergabe bis Durchführung der Spiele gerechnet, macht dies 4200 Milliarden. Was sind da 3 Milliarden? Das sollten wir uns leisten können.

Aber die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer will es sich wohl nicht leisten. Die Bündner Kandidatur vermochte jedenfalls die Bevölkerung nicht zu begeistern. Warum nicht?
Das hat auch mit den Medien zu tun.

Inwiefern?
Hatte ich vor der Abstimmung Gelegenheit, meine Begeisterung im «Tages-Anzeiger» weiterzugeben? Nein. Sie kommen jetzt, eine Woche nach dem Entscheid. Wären Sie drei Wochen früher gekommen, hätten wir das Blatt vielleicht wenden können. Die Differenz betrug ja nur wenige Stimmen. Auch andere Medien berichteten nur über die Kosten und die Politik statt über den Sport – selbst in Sportsendungen.

Hat der Sport in der Schweiz nicht die Bedeutung, die er Ihrer Ansicht nach verdient?
Ich glaube nicht, dass der Sport in unserer Gesellschaft eine schlechte Position hat. Im Gegenteil. Auch muss ich Bundespräsident Ueli Maurer ein Kompliment machen. Er hat sich unwahrscheinlich stark für die Winterspiele eingesetzt. Es gibt aber auch andere Politiker, die populistisch oder demagogisch sind. Und die Presse hat uns auch nicht geholfen. Sie können sich nicht vorstellen, was für eine Macht Sie haben. Wahrscheinlich müsste man sich mit allen wichtigen Medien zusammentun, bevor man ein solches Grossprojekt angeht. Auch bei Sion 2006 waren die Schweizer Medien schuld, dass es nicht klappte.

Warum?
Wenn man das ganze IOK skandalisiert und den damaligen Präsidenten Juan Antonio Samaranch attackiert, dann ... Ich sage nur: Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht.

Hätten die Medien schweigen sollen?
Nein. Aber die Medien sollten die Wahrheit sagen und nicht Fragen stellen, die bereits eine falsche Antwort enthalten.

Wie meinen Sie das?
Ganz allgemein.

Was war das grösste Geschenk, das Sie je von einem Veranstalter angeboten erhielten? Und haben Sie es angenommen?
Das ist nie vorgekommen. Ich sage immer, für wen ich stimme. Das wissen die Leute. Da braucht es keine Geschenke.

Keine Reise? Kein gutes Essen?
Nichts.

Könnten Sie sich vorstellen, dass andere IOK-Mitglieder zugänglicher sind für Annehmlichkeiten?
Das kann ich nicht behaupten.

Schliessen Sie es aus?
Nein. Das kann ich auch nicht. Sicher gibt es auch im Sport Korruption, wo gibt es die nicht? Aber ich bin überzeugt, dass man die Spiele nicht kaufen kann.

Würden Sie am 10. September gerne Nachfolger von IOK-Präsident Jacques Rogge werden?
Derzeit überlegt sich Denis Oswald, der Schweizer Präsident des Internationalen Ruderverbands, ob er Kandidat sein will. Tritt er an, kandidiere ich sicher nicht. Das wäre ein Blödsinn und würde der Schweiz schaden. Denis hört sich jetzt um, wie seine Chancen stehen. Er ist ein guter Mann. Ich schätze seine Qualitäten sehr. Dieses Jahr wird er 66, und er wird sich sicher überlegen, ob er noch ein 8-Jahres-Pensum auf sich nehmen will.

Und wenn nicht?
Dann würde ich es mir überlegen. Aber das olympische System wird von den Nationalen Olympischen Komitees dominiert. Als Präsident eines Sportverbands IOK-Präsident zu werden, ist eine schwierige Aufgabe und geht nur, wenn es in der olympischen Familie zu einem «Miteinander» zwischen berechtigten Interessen der nationalen Komitees, der internationalen Sportverbände und der Athleten zum Wohle des Sports kommt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.03.2013, 12:02 Uhr)

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René Fasel

René Fasel ist einer der bedeutendsten Sportfunktionäre. Der 63-Jährige präsidiert seit 1994 den Internationalen Eishockeyverband und sitzt als eines von 15 Mitgliedern in der Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOK). Der Freiburger, der als Junior bei Gottéron Hockey spielte und später Schiedsrichter wurde, studierte Zahnmedizin und betrieb eine eigene Praxis, ehe er sich vollberuflich dem Sport zuwandte. (sg., is.)

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