«Munition und Waffen für die Guten»
Von Patrick Feuz, Wimmis. Aktualisiert am 03.11.2009 33 Kommentare
Ruag warnt vor massivem Stellenabbau
Der Schweizer Technologiekonzern Ruag rechnet mit massiven Auswirkungen auf das Unternehmen, wenn das Schweizervolk am 29. November die GSoA-Initiative für ein Verbot von Kriegsmaterialexporten annimmt. Bis zu 2000 Stellen müssten in diesem Fall gestrichen werden. Bei einem Ja zur Initiative stünde auch die Stellung der Ruag als international vernetzter Technologiepartner der Schweizer Armee und damit die Sicherheit und Unabhängigkeit des Landes auf dem Spiel, heisst es in einer Mitteilung vom Montag.
1500 Arbeitsplätze verschwänden im Bereich Wehrtechnik, betont der Konzern mit Sitz in Bern. Bis zu 500 Stellen in den zivilen Bereichen gingen verloren, weil vor allem internationale Grosskunden aus der Luftfahrtindustrie nach Annahme der Initiative der Ruag keine Aufträge mehr vergeben würden. Das sei absehbar.
Bern und das Berner Oberland müssten sich auf einen Verlust von 900 Arbeitsplätzen gefasst machen, die Zentralschweiz mit den Standorten Emmen und Stans, das Tessin (Werk Lodrino) und Genf auf einen Verlust von 600 Arbeitsplätzen.
Den heutigen Luft- und Raumfahrt- sowie Sicherheits- und Wehrtechnikkonzern mit weltweit 7000 Mitarbeitenden von heute auf morgen rein auf die Produktion ziviler Güter einzustellen, sei nicht möglich. Zehn Jahre habe es gedauert, bis das zivile Geschäft bei den früheren Rüstungsbetrieben des Bundes 50 Prozent des Umsatzes generiert habe. Ein grosser Teil dieses Zuwachses sei durch Firmenzukäufe erfolgt. (SDA)
Die zylinderförmigen Tanks erinnern an eine Bierbrauerei. Durch die vielen Rohre in der Fabrik in Wimmis bei Spiez fliesst aber kein Bier. Auf dem weitläufigen Areal der Nitrochemie entsteht aus Baumwollfasern und einer Mischung aus Schwefel- und Salpetersäure Schiesspulver. Dieses landet später in Pistolen- und Gewehrpatronen, Artilleriegeschossen und Mörserladungen des deutschen Mutterkonzerns Rheinmetall, der Schweizer Ruag und anderer Kunden. Soldaten und Polizisten in aller Welt laden mit dieser Munition ihre Waffen.
Kein Handlanger des Todes
Mit dem Exportverbot für Kriegsmaterial, das am 29. November vors Volk kommt, will die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) erreichen, «dass keine unschuldigen Menschen mehr durch Schweizer Waffen getötet werden». So tönt professionelle, bewusst emotionale Abstimmungspropaganda. Denn niemand steht gerne als Handlanger des Todes da. Auch Nitrochemie-Chef Beat Steuri nicht. «Glauben Sie mir, ich bin ein sehr feinfühliger Mensch», betont er.
Steuri ist seit 1980 für die Nitrochemie tätig und hat nie ein schlechtes Gewissen, wenn er morgens zur Arbeit fährt. Sein Blick auf die Welt erlaubt es ihm, sich als Nitrochemie-Chef wohlzufühlen in seiner Haut. «Es gibt böse und gute Menschen. Ungeschützt können sich die Guten nicht wehren», sagt Steuri beim Fabrikrundgang. Er habe im Duden den Begriff Ethik nachgeschlagen. Ethik werde auf unterschiedliche Weise definiert, es gebe auch eine Ethik, die sage: «Wir müssen Soldaten Waffen geben, damit sie sich verteidigen können.» So gesehen sind die in Wimmis hergestellten Munitionsbestandteile kein anrüchiges «Geschäft mit dem Tod», sondern ein sinnvoller Beitrag zu einer guten Sache.
Wer sind die Guten, wer die Bösen?
Schweizer Waffen und Munition gelangen aber auch in Länder, wo nicht immer klar ist, wer die Guten und wer die Bösen sind. In Saudiarabien oder Ägypten etwa treten Sicherheitskräfte die Menschenrechte mit Füssen. «Wir können nicht beeinflussen, was mit der Munition passiert. Richtet jemand Schlimmes damit an, müssen nicht wir das verantworten.» Steuri schafft zwischen Produktion und Verwendung und damit zwischen Wimmis und der Welt eine entlastende Distanz. Dass mit Pulver der Nitrochemie gefüllte Patronen «unrechtmässig» verwendet werden könnten, sieht er als «Restrisiko». Er vertraut auf das Gesetz und die schweizerische Bewilligungspraxis für Kriegsmaterialexporte, die europaweit die strengste sei. Die Nitrochemie habe auch schon abschlägigen Bescheid auf Voranfragen erhalten. «Das ist in Ordnung.»
Der Schiesspulver-Produzent legt Wert auf die «Dimensionen» der Schweizer Kriegsmaterialausfuhr: Hauptkunden der Nitrochemie seien im letzten Jahr Deutschland, Norwegen, Schweden, Frankreich, Holland, England und die USA gewesen – alles «vertrauenswürdige Länder». Wälzt die GSoA konkrete Missbrauchsfälle aus, um Dramatik zu schaffen, so lenkt Steuri den Blick aufs Ganze, um stossende Fälle zu relativieren.
Dabei bleibt der Nitrochemie-Chef stets zuvorkommend. Sein Talent für den Abstimmungskampf ist der Rüstungsbranche nicht verborgen geblieben. Bei Medienanfragen wird Steuri auffällig oft als Gesprächspartner angegeben: Er ist auf alle Fragen vorbereitet, pariert häufig mit einem träfen Spruch.
Kampf für Arbeitsplätze
Wenn die GSoA kritisiert, dass Deutschland und die USA in Afghanistan und im Irak Schweizer Waffen und Munition einsetzen, sagt er: «Herr Obama hat kürzlich den Friedensnobelpreis erhalten. Wir stehen also auf der Seite der Guten.» Erhebt die GSoA die Stimme im Namen «der unschuldigen Opfer», so spricht Steuri in demjenigen «der 200 Mitarbeiter, deren Familien dank der Nitrochemie ein Auskommen haben». Auch dies sei ein «Faktor der Ethik».
90 Prozent des in Wimmis hergestellten Schiesspulvers wird für Munition verwendet – mit einem Exportverbot müsste die Fabrik schliessen. Vor ein paar Jahren sei er am 6. Dezember in der Region Wimmis bei einer um ihr Überleben bangenden Firma eingeladen gewesen, erzählt Steuri. Das Samichlaus-Essen für die Familien der Mitarbeiter werde er nie vergessen. «Noch heute sehe ich das Leuchten der Kerzen in den Kinderaugen, so lohnt es sich, für die Arbeitsplätze zu kämpfen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.11.2009, 04:00 Uhr
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33 Kommentare
@Hagmann: Tja, Albert Einstein arbeitete von 1943-1944 für die amerikanische Navy, durchaus an kriegsrelevanten Dingen (nicht die "Unsichtbarkeit", sondern Sprengstoffe). Und wie sagt man so schön, nicht die Worte zählen, sondern die Taten. Antworten
All die halbhoch schwebenden Lieben sollen sich melden und dann die Arbeitslosen durchfüttern ! Wir sind ein Land, das auf Export angewiesen ist; wir haben eine hochstehende Technologie in allen Bereichen, auch im Rüstungsgeschäft. Also lassen wir uns von den Weltverbessern nicht einschüchtern; wählen nein und exportieren weiter. Zum Wohle der Wirtschaft; nur das zählt. Antworten
@Hagmann: Tja, Albert Einstein arbeitete von 1943-1944 für die amerikanische Navy, durchaus an kriegsrelevanten Dingen (nicht die "Unsichtbarkeit", sondern Sprengstoffe). Und wie sagt man so schön, nicht die Worte zählen, sondern die Taten. Antworten
Tja, Herr Suter, wie sagte doch Albert Einstein: «Rüsten bedeutet eben nicht den Frieden, sondern den Krieg bejahen und vorbereiten.» Wenn Sie meinen die Schweiz würde aufgrund ihrer Armeeausgaben nicht angegriffen, lasse ich Ihnen diese Zuckerwatte-Nostalgie - auch wenn sie jeder Grundlage entbehrt. Antworten
Es ist schon lustig, dass viele Leute nichts mit Waffen zu tun haben wollen, die jeden abend ihren Krimi und ihre Tagesschau schauen und zum Beispiel auf einem Kontinent leben, der nur dank jährlichen Verteidigungsausgaben (USA!!) von 1 Billion sFr. seit 64 Jahren keinen Krieg mehr hat. Diese maximale Verdrängung ist psychologisch sehr interessant. Antworten
Waffen + Munition werden für einen Zweck gemacht, schiessen oder erschiessen. Warum nicht Güter herstellen, die zum sichern von wahrem Frieden verwendet werden können? Jährlich werden Arbeitsplätze vernichtet, UBS verbrennt Milliarden etc. etc., diesmal wäre es wenigstens zu einem guten Zweck! Jeder Schweizer zahlt gerne 1.- mehr Steuern im Jahr für diese Arbeitslosen, oder spenden Sie etwa nie? Antworten
Bleiben wir mal schön bei der statistischen Wahrheit (siehe Studie). Es handelt sich um 5'100 betroffene Stellen (davon nur 3'335 in den Rüstungsfirmen selbst). Der Vorwurf, diese Stellen würden gestrichen ist hingegen dumpfe Stimmungsmache. Unsere "Bösmenschen" sehen offenbar auch nicht ein, wie die Kriegsmaterialbranche über Exportrisikogarantien und Gegengeschäfte massiv subventioniert wird. Antworten
Krokdilstränen werden hier vergossen der Arbeitsplätze wegen - genau von den Leuten denen es schnurz ist 100te, ja weltweit 1000de auf die Strasse zu stellen wenn die Quartalszahlen nicht mehr 'stimmen'. Haben etwa die 'Armeegegner' oder irgendwelche bösen, 'Linken' vor einem Jahr die Wirtschaft praktisch an die Wand gefahren und damit weltweit wohl 100'000de von Arbeitsplätzen vernichten Antworten
Afghanistan ist gut. Unsere Waffen werden auch in weit ärmere Gegenden verschoben: Mali, Niger, Botsuana und Turkmenistan zum Beispiel. Da beträgt das jährliche (!) Pro-Kopf-Einkommen oft nur 300-500$. Die Ironie an der Sache: Das sind gleichzeitig auch unsere Top-Empfänger für Schweizer Entwicklungshilfe. Schizophrener geht's nimmer. Die extreme Linke würde es wohl als Bourgeoisie bezeichnen. Antworten
Machen wir es doch einfach und wenden das Verursacherprinzip an: 10'000 Gutmenschen aus GSoA und deren Sympatisanten stellen ihre Jobs denjenigen zur Verfügung, welche nach Annahme der Initiative ihre Stelle verlieren - und gehen zudem ins Ausland um unser Sozialsystem nicht zu belasten...... Antworten
@SCHORP BLEIBLER NÄF usw. In der sicheren Schweiz, auf einem fetten Sessel sitzen und intelligent daherreden, selber aber nichts dazu beitragen, dass die hart erworbene Freiheit der Demokratien erhalten bleibt. Wenn Sie ja Zeitung lesen wissen Sie auch, Sie dass es genug Böse gibt. Wollen Sie die denn einfach machen lassen? Zudem: möchte Sie sehen, wenn der Böse plötzlich IHNEN auf die Füsse tritt Antworten
Schweizern ist, dank Wohlstand, das einfache Denken abhanden gekommen. Wenn Ihnen als friedlicher Mensch auf der Strasse böse Gewalt widerfährt, möchten Sie sich gerne wehren können, für ihre Gesundheit, ihre Kinder usw Wenn Sie dann ein Mittel hätten, dass diese Gewalt abwenden kann, würden Sie es gebrauchen! Ich bin froh dass wir gegen böse Gewalt der Welt wenigstens die Munition liefern können Antworten
Wenn wir so weitermachen, kann es passieren, dass die Schweiz eines Tages von den von ihr hergestellten Waffen auf`s Dach bekommt. Auch der Waffenhandel gehört zur Neutralität, oder eben nicht! Ich möchte sagen im übertragenen Sinn: Hütet Euch am Morgarten. Antworten
Das Samichlausessen und die hungrigen Kinderaugen oder so, sowie der Duden als Nachhilfeschlagwerk. Es liegt mir fern den moralischen Finger diesem Herren hinzuhalten aber wieso sagt keiner der Exporteure ehrlich: Die Welt ist so, es gibt Kriege und wir liefern die Waffen und leben davon. Diese Heuchlerei ist nicht auszuhalten. Antworten
Immer dieses lächerliche Argument mit der Verteidigungslegitimation, während im selben Augenblick behauptet wird, andere würden den Schweizer Export-Anteil sofort ausfüllen. Statistisch wird Munition aber trotzdem in erster Linie für Angriffskriege verwendet, immer mit dem Zeck zu töten. Und Herr Steuri: Herr Obama ist noch immer noch der grösste Waffenhändler der Welt! Antworten
Diese ewigen Moralapostel gehen mir nun wirklich auf den Nerv! Soll unsere Armee vielleicht mit Pfeil und Bogen kämpfen?... und die Polizei die Gewaltverbrecher (z.B. Geiselnehmer) mit Klöpfer (Cervelats) bewerfen? Gerade in der momentan eher unsicheren Zeit möchte man jedes goldenen Kalb schlachten, das ist nicht sinnvoll liebe Eidgenossen! Antworten
Zahlreiche Polizei- und andere Sicherheitskorps in aller Welt sind mit der RUAG-Munition ausgerüstet. Das ist eine sehr hochwertige Munition, die im Einsatzfall ein Minimum an Schaden mit einem Maximum an Wirkung auslöst. Sollen sich die Korps (auch in der Schweiz) mit Billigst-Munition aus dem Osten ausrüsten, die nur Störungen und grossen Schaden produziert? Wenn wir nicht, dann ein Anderer...! Antworten
Wer Munition herstellt nimmt das Risiko in den Kauf dass mit seinen Produkten Menschen getötet werden. Ob diese nun unschuldig sind oder nicht macht eigentlich keinen Unterschied. Wenn ein betrunkener Autofahrer einen Drogenhändler zu Tode fährt wird dann gesagt 'Ah ja, Glück gehabt, kannst weiterfahren!'? Wohl kaum. Wer für monetären Profit den Tod anderer in Kauf nimmt steht ethisch im Abseits. Antworten
Es ist erschütternd, dass gerade Leute in solchen Positionen noch immer glauben man könne die Welt in gute und böse Menschen unterteilen. Eine solch naive Moralvorstellung mag bei einem Kind verständlich erscheinen, doch ein erwachsener Mann sollte fähig sein zu begreifen, dass die Welt leider etwas komplexer ist. Doch vermutlich muss man sich in so einem Job eine gewisse Scheinheiligkeit bewahren Antworten
"...weil vor allem internationale Grosskunden aus der Luftfahrtindustrie nach Annahme der Initiative der Ruag keine Aufträge mehr vergeben würden..." ?? Wenn ich als geschnappter Dealer der Polizei erzähle, ich kann leider nur illegale Drogen verkaufen, nehmen die sicher auch Rücksicht auf meinen Arbeitsplatz. "...Das ist absehbar... " Ich lache mich tot! Antworten
Es verwundert kaum, dass jemand, der bei der Frage nach der tödlichen Konsequenz seines Tuns seine 200 Arbeitsplätze ins Feld führt, erst im Duden das Wort Ethik nachschlagen muss. Und das nach 29 Jahren im Geschäft. Übrigens Herr Steuri, "Die Guten" und "Die Bösen" gibt es wohl in der Religion. Im realen Leben taugen diese nur als Ablenkungsmanöver. Um den Schwarzen Peter weiter zu geben. Antworten
«Es gibt böse und gute Menschen. Ungeschützt können sich die Guten nicht wehren» - «Wir können nicht beeinflussen, was mit der Munition passiert. Richtet jemand Schlimmes damit an, müssen nicht wir das verantworten.» - «Restrisiko» - Die moralische Intergrität dieses Herrn reisst mich vom Hocker. Und so feinfühlig! Antworten
Wenn wir die Waffen nicht verkaufen, dann verkauft sie eben ein anderer.Die Dummheit der Welt können wir nicht ändern. So argumentieren Waffen- und Drogendealer. Beide handeln im höchsten Grade unmoralisch und nehmen Tod und Krankheit der Menschen in kauf.Warum aber die einen angesehene Geschäftsleute sind und die anderen Verbrecher, bleibt mir ein Rätsel. Die Ethik verbietet beide Geschätsmodelle Antworten
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Yannick Hagmann
@Suter: Das ist falsch, Einstein galt als Kommunist. Er schrieb damals einen Brief an den Präsidenten der Vereinigten Staaten in welchem er von einer Deutschen Atombombe warnte. Entwickelte aber selber, entgegen dem Gemeinverständnis, keine mit. Antworten