Mythos obligatorische Wehrpflicht

In Appenzell Innerrhoden leisten 81 Prozent der jungen Männer Militärdienst, im Jura bloss 49 Prozent. Wie kommt es zu solch markanten Unterschieden?

Ein Grenadier-Rekrut im Juli bei einer Übung in Isone TI.

Ein Grenadier-Rekrut im Juli bei einer Übung in Isone TI. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Der 21-jährige Jusstudent G. Z.* wollte nicht ins Militär. Also gab er während der Aushebung an, er fühle sich in Gruppen unwohl und könne nicht mit anderen Männern im selben Raum schlafen. Darauf musste der junge Zürcher zum Gespräch mit einem Psychologen, wo er sich auffällig und zerstreut aufführte. Bei der medizinischen Untersuchung gab er zudem an, gelegentlich Kokain zu konsumieren. Das war zwar gelogen – doch G. Z. wurde militärdienstuntauglich. Er hat keine Bedenken, dass ihm diese Lüge schaden könnte: «In meinem Umfeld geht niemand ins Militär. Die Arbeitgeber begrüssen das.» Und falls doch irgendwann jemand seine Akte zu Gesicht bekäme, könne er die Notlüge erklären.

Geschichten wie die von G. Z. sind im Vorfeld der Abstimmung über die Abschaffung der Wehrpflicht vom 22. September oft zu hören – vor allem in städtischen Kantonen. Entsprechend gross ist der Stadt-Land-Graben bei der Militärdiensttauglichkeitsrate. Die höchsten Raten weisen Appenzell Innerrhoden (81 Prozent) und Obwalden (77 Prozent) auf, während Genf (50 Prozent), Basel-Stadt (54 Prozent) und Zürich (55 Prozent) bei den Kantonen mit den tiefsten Raten sind. Am niedrigsten ist die Tauglichkeitsrate im Jura mit 49 Prozent.

Gesundes Landleben

Was sind die Gründe für die vielen dienstuntauglichen Städter? Verteidigungsminister Ueli Maurer stellte kürzlich gegenüber «20 Minuten» einen Zusammenhang mit Indizien aus dem Gesundheitssystem her: «Die Bevölkerung in den Grossagglomerationen zahlt wesentlich höhere Krankenkassenprämien als die Leute in Uri oder in der Ostschweiz. Diese sind offenbar gesünder.» Die Armee selbst erklärt, es gebe keine Studie zu den unterschiedlichen Tauglichkeitsraten. «Für die Armee spielt dies auch keine Rolle. Die Verbände sind durchwegs mit Angehörigen verschiedener Kantone gemischt», hält der Militärärztliche Dienst fest. Als Gründe für die Untauglichkeit nennt er vor allem Probleme des Rückens und der allgemeinen Konstitution, «Defizite bei der psychischen Belastbarkeit», Drogenkonsum sowie depressive Verstimmungen.

In Appenzell Innerrhoden ist man derweil stolz auf die höchste Tauglichkeitsrate der Schweiz. «Die jungen Männer erachten die Militärdienstpflicht, die für die Allgemeinheit geleistet wird, als selbstverständlich», sagt Erziehungsdirektor Roland Inauen. Für Kantonsarzt Renzo Saxer ist die hohe Tauglichkeit «Ausdruck einer positiven Grundhaltung zum Vaterland». Zudem suche man in Appenzell nicht wegen jeder Kleinigkeit den Arzt auf. Eine weitere Auskunftsperson spricht davon, dass im Kanton auch ein grosser Druck bestehe, aus Familientradition Militärdienst zu leisten.

Anders im Jura: «Die Mehrheit sieht keinen Sinn in der Armee», sagt SP-Nationalrat Pierre-Alain Fridez. Der jurassische Sicherheitspolitiker erinnert daran, dass der Jura 1989 neben Genf als einziger Kanton die Initiative zur Abschaffung der Armee angenommen hat. «Damals spielte die historische Situation des Jura eine wichtige Rolle. Alles, was mit Bern zu tun hatte, wurde abgelehnt.» Fridez erinnert sich, wie während des Jurakonflikts Soldaten im Jura stationiert waren: «Das waren für uns fremde Besatzer.» Heute spielten solche Gründe eine kleinere Rolle. Es habe sich einfach eingebürgert, möglichst nicht zur Armee zu gehen. Weniger gesund als die Deutschschweizer seien die jungen Jurassier jedenfalls nicht, sagt Hausarzt Fridez.

Für die Gruppe Schweiz ohne Armee (GSoA) sind die unterschiedlichen Tauglichkeitsraten ein weiteres Argument für die Abschaffung der Wehrpflicht. «Die Zahlen belegen, wie willkürlich die Wehrpflicht ist», sagt GSoA-Sprecher Nikolai Prawdzic. Ohnehin leisteten nur ein Drittel der Stellungspflichtigen alle Militärdiensttage. Armeesprecher Walter Frik weist diese Zahl zurück. Zwar müssten zurzeit noch jedes Jahr Soldaten entlassen werden, die ihre Dienstpflicht nicht vollständig erfüllt, aber die Altersgrenze von 34 Jahren erreicht haben. «Insgesamt leisten aber 45 bis 50 Prozent eines Jahrgangs ihre Militärdienstpflicht vollständig», sagt Frik. Zudem werde künftig strenger mit Dienstverschiebungsgesuchen umgegangen. «Will ein Soldat seinen WK verschieben, wird sofort ein alternatives Datum möglichst im selben Jahr gesucht», sagt Frik. So wolle man verhindern, dass Soldaten den WK immer wieder verschieben – bis sie altersbedingt entlassen werden.

G. Z. kümmert das alles nicht mehr. Er muss nun zwar Militärpflichtersatz bezahlen und ein paar Tage pro Jahr in den Zivilschutz einrücken. Doch er sagt: «Das nehme ich in Kauf. Ich wollte einfach nicht ins Militär. Besonders schwierig war das nicht.»

* Name der Redaktion bekannt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2013, 20:49 Uhr

Schweiz: Tauglichkeit nach Kantonen. (Bild anklicken um zu vergrössern.) (Bild: TA-Grafik)

Extrem: Immer weniger Militärdiensttaugliche. (Bild anklicken um zu vergrössern.) (Bild: TA-Grafik)

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