Nachfolger für Bischof Huonder gesucht

Heute bietet Vitus Huonder dem Papst seinen Rücktritt an. Vieles deutet darauf hin, dass auch der Nachfolger ein Ultrakonservativer sein wird.

Der umstrittene Bischof Huonder könnte noch ein Jahr länger an der Spitze des Bistums bleiben. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Der umstrittene Bischof Huonder könnte noch ein Jahr länger an der Spitze des Bistums bleiben. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Heute ist es so weit: An seinem 75. Geburtstag bietet der Churer Bischof Vitus Huonder Papst Franziskus förmlich seinen Amtsverzicht an. Das heisst allerdings nicht, dass der Bischof augenblicklich zurücktritt. Der umstrittene Hirte könnte sogar noch ein Jahr länger an der Spitze des Bistums verbleiben. Laut ­Thomas Gullickson, dem Päpstlichen Gesandten in Bern, könnte es Frühjahr 2018 werden, bis die Wahl abgeschlossen sein wird. Insider indessen gehen davon aus, dass Chur Anfang Herbst einen neuen Bischof haben wird.

Zuerst muss Papst Franziskus Bischos Huonders Amtsverzicht annehmen. Dann tritt ein vom Kirchenrecht en détail vorgeschriebenes Prozedere in Gang: Bis zum Amtsantritt des neuen Bischofs übernimmt ein Diözesanadministrator ad interim die Amtsgeschäfte. Dies wird wahrscheinlich Vitus Huonder selber sein.

Im Bistum Chur besteht bezüglich Bischofswahl eine Sonderregelung. Gemäss dem päpstlichen Privileg «Etsi salva» aus dem Jahr 1948 wählt das Churer Domkapitel, bestehend aus 24 Geistlichen des Bistums, den Bischof aus einer römischen Dreierliste. Es ist Nuntius Gullickson, der die einzelnen Kandidaten prüft und eine Liste mit möglichen Nachfolgern nach Rom schickt. Dort wählt die Bischofskongregation unter dem Vorsitz des erzkonservativen Kardinals Marc Ouellet drei Favoriten aus. Als Mitglied der Bischofskongregation hat auch der linientreue Schweizer Kardinal Kurt Koch eine gewisse Mitsprache.

Mehr als auf Koch setzt die Basis auf den offenen Staatssekretär Kardinal Pietro Parolin, der bei der speziellen Churer Bischofswahl ebenfalls ein Wort mitzureden hat. Nicht zuletzt ruht die Hoffnung auf Papst Franziskus: Er, der über die Situation des zerrissenen Churer Bistums im Bild ist, soll einen allfälligen polarisierenden Kandidaten verhindern. Jedenfalls muss er den vom Domkapitel gewählten Bischof bestätigen. Innert vier Monaten nach der Wahl wird dann der Neue sein Amt übernehmen.

Liberale mit wenig Chancen

Bei einem Treffen mit den Priestern des Bistums im März hatte Nuntius Thomas Gullick­son versichert, er werde sich für die Normalität der Bischofswahl einsetzen: Auf der römischen Dreierliste würden nur Namen von Priestern stehen, die man kenne, die also nicht irgendwo im fernen Ausland tätig seien. Damit schloss er Geistliche aus Ordensgemeinschaften oder anderen Schweizer Diözesen nicht aus.

Das unter Huonder nach rechts gerutschte Domkapitel könnte an einem stramm konservativen Kandidaten sehr wohl Gefallen finden: Etwa an dem mit 47 Jahren sehr jungen Andreas Fuchs, Domherr und Generalvikar für die Urschweiz, oder am konservativen Pfarrer Roland Graf (56), der sich als Lebensschützer und Sekretär des Huonder-treuen Churer Priesterkreises hervortut. Als möglicher Nachfolger wird häufig auch der Freiburger Weihbischof Alain de Raemy genannt, ein gewiefter Kleriker, der dem Churer Generalvikar Martin Grichting sehr verbunden ist. Dieser selber dürfte als zu polarisierende Persönlichkeit wenig Chancen auf den Bischofsstuhl haben.

Dies gilt auch für die Wunschkandidaten der Liberalen, insbesondere für die beiden Einsiedler Äbte, den aktuellen Urban Federer und Alt-Abt Martin Werlen. Deren freiheitliche Positionen stossen in Rom auf wenig Gegenliebe. Auch der Name von Andreas Rellstab (51), aktuell Pfarrer in Hottingen/Witikon, fällt regelmässig. Der einstige Generalvikar für Graubünden gilt als moderater Seelsorger. Mit seinem Rücktritt aus der Bistumsleitung hatte er signalisiert, dass er eine andere Linie vertritt als Huonder.

Rellstab gehört zum sogenannten Kreis der 70 Priester, der alle paar Monate zusammenkommt, um über eine Kirche ohne und nach Huonder nachzudenken. Wie andere auch hat der Kreis einen Brief nach Rom geschickt mit der Bitte, der Vatikan möge nach Huonder zunächst einen Päpstlichen Administrator einsetzen, der das Bistum beruhigen soll. Doch für dieses Anliegen haben weder die aktuelle Bistumsleitung noch Nuntius Gullickson Verständnis. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2017, 11:01 Uhr

Thomas Gullickson, Päpstlicher Gesandter.

Urban Federer, Einsiedler Abt. Foto: Keystone

Martin Werlen, Einsiedler Alt-Abt. Foto: Keystone

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