Schweiz
Nachfolger von Bischof Kurt Koch ist gekürt
Tauziehen um Martin Grichting im Vatikan
Die Schweizer Bischofskonferenz tagte von Montag bis Mittwoch in Villars-sur-Glâne FR. Entgegen der sonstigen Usanz hielt sie danach keine Pressekonferenz ab. Es heisst, die Bischöfe wollten Journalistenfragen zur möglichen Ernennung von Martin Grichting zum Weihbischof in Chur aus dem Wege gehen.
Vor wenigen Wochen weilte der Churer Bischof Vitus Huonder im Vatikan beim scheidenden Präfekten der Bischofskongregation, Giovanni Battista Re, um Grichting als Weihbischof durchzusetzen. Die Biberbrugger Konferenz, der Zusammenschluss der Kantonalkirchen im Bistum, aber auch zahlreiche Geistliche protestierten energisch gegen die allfällige Ernennung des ultrakonservativen Kirchenmanns, der polarisiere und das staatskirchenrechtliche System der Schweizer Kirche bekämpfe. Seither soll ein Tauziehen um die Ernennung Grichtings im Gange sein.
Mit Ausnahme von Huonder sind die Schweizer Bischöfe gegen Grichting. Dem Vernehmen nach soll sich der frühere Zürcher Weihbischof Peter Henrici in Rom gegen die Ernennung ins Zeug legen. Er soll beim neuen Präfekten der Bischofskongregation, Kardinal Marc Quellet, intervenieren, den er aus dem Kreis um den verstorbenen Schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar kennt.
Grichting und Huonder indessen haben angeblich einen noch direkteren Zugang zu Papst Benedikt, nämlich über dessen Privatsekretär Georg Gänswein. Gänswein wie Grichting gehören zum Schülerkreis des bekannten Kirchenrechtlers Winfried Aymans, der an der Uni München dozierte. Gänswein war dessen Assistent, Grichting hat sich bei Aymans habilitiert. Zudem dozierte Kirchenrechtler Gänswein an der vom Opus Dei geleiteten päpstlichen Universität Santa Croce in Rom, wo auch Grichting unterrichtet. Bereits die Ernennung des Zürcher Weihbischofs Marian Eleganti soll über diesen informellen Kanal gelaufen sein, und zwar gegen den Willen des Nuntius in Bern, Francesco Canalini.
Stichworte
Nach einer feierlichen Messe erstellte das aus 18 Geistlichen bestehende Domkapitel im bischöflichen Ordinariat von Solothurn eine Liste mit den Namen von sechs möglichen Bischofskandidaten. Ehe die Domherren zur Wahl schritten, unterbreiteten sie die Liste der zeitgleich tagenden Diözesankonferenz. Diese besteht aus jeweils zwei Abgeordneten (Regierungsräten und Vertretern der Landeskirchen) der zehn Kantone des Bistums Basel.
Das weltliche Gremium ist befugt, aus der Liste Namen von nicht genehmen Kandidaten zu streichen. Dieses weltweit einmalige Bischofswahlrecht regelt das 1828 zwischen dem Heiligen Stuhl und den Bistumskantonen geschlossene Konkordat. Eine Streichung kommt kaum je vor. Einzig 1994, bei der Wahl von Hansjörg Vogel, der kurze Zeit später Vater wurde, hatte die Diözesankonferenz auf Antrag der Luzerner Ständevertreter den Luzerner Regionaldekan Rudolf Schmid gestrichen.
Keine Streichung
Laut Communiqué hat die Diözesankonferenz am Mittwoch keine Streichung vorgenommen, sondern die Sechserliste unverändert ans Domkapitel zurückgegeben. Wie der Solothurner CVP-Regierungsrat Klaus Fischer dem TA vor der Wahl erklärte, hätte die Diözesankonferenz die Möglichkeit, mit Mehrheitsbeschluss alle Kandidaten zu streichen.
Das Vetorecht sei aber als Notmassnahme gegen extreme Kandidaten gedacht. «Wir gehen von einer einvernehmlichen Lösung aus und davon, dass die Kandidaten, die das Domkapitel präsentiert, durchleuchtet sind.» Fischer wünscht sich einen liberal und eigenständig denkenden Bischof, der offen ist gegenüber den Problemen, welche die katholische Kirche heute umtreiben. Für den reformierten Schaffhauser Regierungsrat Christian Amsler soll der neue Bischof reformorientiert und nicht allzu Rom-gläubig sein.
Rom pflegt lange zu schweigen
Kantonsvertreter, Geistliche und Basiskatholiken hatten im Vorfeld klargemacht, dass der Nachfolger von Kurt Koch, der als Ökumeneminister nach Rom berufen wurde, ein anderes Profil haben soll als dieser. Der neue Bischof soll kein Professor sein, sondern ein volksnaher Seelsorger – und lieber älter als jünger, da ein Bischof bis zum 75. Altersjahr im Amt bleiben muss. Als chancenreichste Kandidaten gelten der Vorsitzende des Domkapitels, der 56-jährige Bischofsvikar Arno Stadelmann, sowie der 60-jährige Jurassier Denis Theurillat. Er ist seit 2000 Weihbischof im Bistum Basel und war jahrelang katholischer Jugendbischof.
Das Domkapitel hatte vor der Wahl ein Dutzend Kandidaten näher geprüft. Wen es nun gewählt hat, wird die Öffentlichkeit erst erfahren, wenn der Vatikan den Bischof bestätigt hat. Die Bestätigung durch Rom ist seit Jahren Gegenstand der Kritik. Nach der Wahl von Kurt Koch liess sich Rom drei Monate Zeit, ihn als Bischof zu bestätigen. Wie der TA publik machte, hatte Opus Dei gegen den damals noch liberalen und Rom-kritischen Theologen Koch interveniert.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.09.2010, 22:13 Uhr
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