«Natürlicher, als mit Schläuchen im Körper auf den Tod zu warten»

Der ehemalige Zürcher ­Stadtarzt Albert Wettstein sagt, «terminales Fasten» sei besser, als das Leben per Giftcocktail zu beenden.

«Ich trage immer eine Patientenverfügung auf mir»: Der ehemalige Stadtarzt Albert Wettstein.

«Ich trage immer eine Patientenverfügung auf mir»: Der ehemalige Stadtarzt Albert Wettstein.

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Braucht die Schweiz ein Gesetz zur Suizidbegleitung?
Nein. Wichtig ist, dass Missbräuche ­geahndet werden können, und das ist heute bereits möglich. Wer jemanden aus Eigennutz zum Suizid überredet, der macht sich strafbar. Das ist entscheidend. Es steht der Schweiz gut an, bei diesem Thema die Autonomie so stark zu gewichten. Das beinhaltet allerdings auch, dass jene Menschen, die sich gegen einen Freitod entscheiden, anständig betreut werden. Hier stehen wir als ­Zivilgesellschaft in der Pflicht: Wir ­müssen die Entscheidungen der älteren Menschen ernst nehmen, dürfen sie danach aber nicht allein lassen. Die Fürsorge darf nicht dem Sparzwang zum Opfer fallen.

Sterbehilfeorganisationen wie Exit verzeichnen grossen Zulauf. Bräuchte es nicht eine Aufsicht über die verschiedenen Anbieter?
Nein. Heute wird jeder Suizid als aussergewöhnlicher Todesfall behandelt und genau abgeklärt. Wahrscheinlich könnte man das Verfahren noch vereinfachen und würde allfällige Missbräuche immer noch entdecken.

Exit setzt sich dafür ein, den sogenannten Bilanzsuizid zu legalisieren. Befürworten Sie das?
Ja. Aber ich möchte aufzeigen, dass ­Lebensmüde als Alternative zu einem Gifttrank die Möglichkeit haben, mit ­Essen und Trinken aufzuhören. Mit diesem «terminalen Fasten» stirbt man ­innerhalb von ungefähr zehn Tagen. Dabei leidet man weniger als bei der Einnahme eines tödlichen Cocktails und hat meist einen höheren inneren Frieden. Das hat kürzlich eine Studie in den USA nachgewiesen.

Man verdurstet, ohne zu leiden?
Ja. Weil es eine natürliche Art ist, zu sterben. Ist jemand lebensmüde, fallen Essen und Trinken ohnehin schwer. Essen und Trinken sind mit Lebensgenuss verbunden. Die Menschen, die terminal fasten, verhungern nicht, und sie verdursten nicht. Bei guter Mundpflege haben sie keine Durst- und Hungergefühle. Sie lassen das Leben los und sterben. Und sollten sie es sich doch noch einmal anders überlegen, können sie nach zwei Tagen wieder mit Essen und Trinken beginnen. Das ist natürlicher und schöner, als mit Schläuchen im Körper auf den Tod zu warten.

Seit zehn Jahren ist in Zürcher Heimen der begleitete Freitod erlaubt. Was haben Sie damit für Erfahrungen gemacht?
Nur gute. Zu Beginn haben viele sogenannte Experten vor einer starken Zunahme der Suizide gewarnt. Das Gegenteil war der Fall: Die Zahl der Freitode pendelte immer zwischen null und drei pro Jahr. Das zeigt auch, dass die Zürcher Heime gut geführt werden. Die Zahlen wären anders, wenn die Autonomie der Menschen in den Heimen nicht respektiert würde.

Trotz der fehlenden Zunahme dünkt einen, dass die ältere Generation offener mit dem Freitod umgeht als noch vor ein paar Jahrzehnten.
Ja, das ist so. Da spürt man, dass die 68er-Generation älter geworden ist. Autonomie war dieser Generation unglaublich wichtig – und das zeigt sich jetzt auch in diesem Bereich.

Sie haben sich ein Berufsleben lang mit dem Sterben beschäftigt: Wie haben Sie vorgesorgt?
Ich trage immer eine Patientenverfügung auf mir. Darin steht, dass ich im Fall einer irreversiblen schweren Behinderung nach einem Unfall oder etwas Ähnlichem auf die künstliche Zufuhr von Flüssigkeit und Beatmung verzichten will. Aber das ist noch weit weg. Ich bin Rentner und geniesse das Leben sehr!

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.05.2014, 07:26 Uhr)

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Albert Wettstein

Der 1946 geborene Mediziner war von 1983 bis 2011 Zürcher Stadtarzt. In seine Amtszeit fiel die Legalisierung des begleiteten Freitods in den Zürcher Heimen.

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