Neue Hymne – da singt das Parlament ein Wort mit

Sechs Vorschläge liegen auf dem Tisch, gesungen wurde auch schon. Stellt sich die Frage: Wer würde den jetzigen Schweizerpsalm bodigen? Und wer den neuen nationalen Singsang absegnen?

Aus vollen Kehlen: Zur Eröffnung der Wintersession im Jahr 2011 sang die Sängerin Noemi Nadelmann den Schweizerpsalm.

Aus vollen Kehlen: Zur Eröffnung der Wintersession im Jahr 2011 sang die Sängerin Noemi Nadelmann den Schweizerpsalm. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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1835 war die Melodie der heutigen Schweizer Nationalhymne geboren. 1841, im eigentlichen Geburtsjahr des Schweizerpsalms, schrieb der Zürcher Dichter Leonhard Widmer den Text «Trittst im Morgenrot daher», und der Wettinger Pater und Komponist Alberik Zwyssig passte seine Noten an. Doch bis er zur offiziellen Landeshymne erklärt wurde, sollte es noch ganze 140 Jahre dauern.

Diesmal soll es schneller gehen. Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) arbeitet seit 2012 am Ersatz der aktuellen Landeshymne, seit gestern stehen sechs Vorschläge zur Auswahl. Die SGG möchte Volkes Wille auf dem Weg von Onlinevotings ermitteln und den Sieger bereits im September nach einer Abstimmung in der SF-Sendung «Potzmusig» küren. Dann soll die neue Hymne einen möglichst schlanken politischen Prozess passieren: «Sobald der Siegerbeitrag die nötige Popularität in der Bevölkerung erreicht haben wird, werden die zuständigen Bundesbehörden gebeten, den Siegerbeitrag zur neuen Nationalhymne zu bestimmen», schrieb die SGG gestern.

Bundesrat und Parlament waren bisher skeptisch

Ganz so einfach wird es nicht, das steht bereits heute fest. Im letzten Sommer musste der Bundesrat zu einer Motion des SVP-Nationalrates Peter Keller Stellung beziehen. Keller titulierte die Suche nach einer neuen Landeshymne als «dümmliche Castingshow» und stellte folgende Forderung an den Bundesrat: Falls denn eine neue Landeshymne installiert werden soll, dann müsste dies dem Parlament als referendumsfähiger Beschluss vorgelegt werden. Der Bundesrat beantragt zwar die Ablehnung der Motion, machte aber klar, dass er den Entscheid nicht allein treffen werde: «Der Bundesrat kann zusichern, dass er eine neue Landeshymne nicht in eigener Kompetenz und nicht ohne Konsultation der Räte beschliessen wird.»

Dass Bundesrat und Parlament einer Einführung einer neuen Hymne kritisch gegenüberstehen, zeigte sich zuletzt im Jahr 2008. Damals wollte SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen den Bundesrat gleich mit zwei Motionen damit beauftragen, für Ersatz des Schweizerpsalms zu sorgen. Der Bundesrat beantragte deren Ablehnung und erklärte, es gebe keinen Grund, die Hymne zu ändern. Zudem dürfte es kaum möglich sein, mit einer Neuschöpfung auf allgemeine Akzeptanz zu stossen. Kiener Nellen zog den einen Vorstoss zurück, der zweite wurde vom Parlament abgeschrieben.

Erste Hymne der Schweiz sorgte für peinliche Momente

Blickt man in die Vergangenheit, so zeigt sich, dass sich die SGG eines äusserst anspruchsvollen Projekts angenommen hat. Der erste dokumentierte Versuch, den Schweizerpsalm als offizielle Hymne zu etablieren, datiert vom 4. Juni 1894. Der Bundesrat schlug den Vorschlag in den Wind, genauso wie einen späteren im Jahr 1933. 1954 folgte ein Postulat des Luzerner CVP-Nationalrates Gotthard Egli, des Vaters des späteren Bundesrats Alphons Egli. Auch dieses versandete. Erst im Jahr 1961 wurde der Schweizerpsalm provisorisch anerkannt, doch bis er zur offiziellen Nationalhymne erklärt wurde, dauerte es weitere 20 Jahre.

Und dies, obwohl sich bereits seit den 50er-Jahren die Erkenntnis durchgesetzt hatte, dass die bisherige Hymne «Rufst du mein Vaterland» eigentlich nicht mehr annehmbar war. Einerseits enthielt sie Textpassagen, die nach dem Zweiten Weltkrieg niemand singen mochte («Heil dir, Helvetia, hast noch der Söhne ja, freudvoll zum Streit!»). Zudem kam es immer wieder zu peinlichen Momenten, wenn die Schweizer Hymne neben der britischen abgespielt wurde: Die Schweizer hatten die Melodie eins zu eins von den Briten abgekupfert.

Verglichen mit damals, ist die Verankerung des Schweizerpsalms deutlich besser. Vielleicht wäre die SGG also gut beraten, ein paar Jahrzehnte mehr für die Einführung einer neuen Hymne einzuplanen.

Falls Sie von den Hymnen-Plänen noch nichts gehört haben, nachfolgend die Vorschläge:

Ein Teil des Schweizer Jugendchors hat in den vergangenen Wochen die sechs Hymnenbeiträge interpretiert.

Vorschlag A:

Vorschlag B:

Vorschlag C:

Vorschlag D:

Vorschlag E:

Vorschlag F:

Die Texte zu den Hymnen finden Sie hier.

Umfrage

Welcher der sechs Vorschläge gefällt Ihnen am besten?

Vorschlag A

 
33.4%

Vorschlag B

 
9.5%

Vorschlag C

 
4.4%

Vorschlag D

 
9.0%

Vorschlag E

 
27.1%

Vorschlag F

 
16.5%

3541 Stimmen


Mobil-User (native App): Für die Abstimmung klicken Sie bitte hier und scrollen nach unten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.03.2015, 12:55 Uhr

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