Schweiz
Neue Tages-Anzeiger-Chefs: «Kein Anti-SVP-Reflex»
Interview: Peter Wälty, Michael Marti. Aktualisiert am 30.04.2010
Doppelführung
Andreas Strehle und Markus Eisenhut treten die Nachfolge von Peter Hartmeier an. Strehle übernimmt seine neue Aufgabe am 1. Mai 2009, Eisenhut wechselt auf den 1. Juni 2009 zum Tages-Anzeiger.
Andreas Strehle, 58, stiess im Frühling 2007 vom Magazin zum Tages-Anzeiger. Von 2001 bis 2007 war er Chefredaktor und zuletzt auch Geschäftsführer des Wochentitels. Vor seinem Wechsel zu Tamedia war der promovierte Ökonom unter anderem für die «Weltwoche», die «Bilanz» sowie für «Facts» tätig und gehörte 1981 zu den Gründern der Wochenzeitung WoZ. Strehle ist Autor mehrerer Bücher und lebt in Zürich.
Markus Eisenhut, 46, stiess 2006 von der 20 Minuten AG, für die er als Projektleiter die Lancierung der Pendlerzeitung «20 minutes» in der Westschweiz vorbereitete, zur «Berner Zeitung». Mit Ko-Chefredaktor Michael Hug entwickelte er die regionale Ausrichtung der «Berner Zeitung» weiter. Von 2001 bis 2003 leitete Eisenhut die Pendlerzeitung «20 Minuten». Zuvor war er unter anderem stellvertretender Chef vom Dienst des Tages-Anzeigers sowie Sportchef von «Blick» und «SonntagsBlick».
Der bisherige Chefredaktor Peter Hartmeier hatte seinen Rücktritt bereits im November des vergangenen Jahres angekündigt. Der 57-Jährige wird Verleger der «Thurgauer Zeitung» und bleibt damit im Medienunternehmen Tamedia.
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Andreas Strehle, Markus Eisenhut, was eigentlich steht auf Ihren Visitenkarten? Chefredaktor? Ko-Chefredaktor?
Andreas Strehle: Wir sind beide glücklich, dass die Bezeichnung unserer Funktion nicht das grösste der zu lösenden Probleme ist...
Markus Eisenhut: Ich muss mal auf meine Visitenkarte von der «Berner Zeitung» gucken – ach, ja: Hier steht schlicht Chefredaktor. Obwohl ich mit einem Ko-Chefredaktor zusammenarbeite.
Wieso braucht der Tages-Anzeiger nun plötzlich zwei Chefs? Sind die Probleme dermassen gewaltig?
Eisenhut: Ich weiss nicht, weshalb die Entscheidungsgremien eine Ko-Chefredaktion wollten. Was ich aber sagen kann: Ich bin froh darüber, in einer Doppelspitze zu arbeiten. Die Fülle der Aufgaben, die auf den Tages-Anzeiger zukommt, lässt sich von einer Ko-Chefredaktion besser bewältigen.
Strehle: Wir kennen uns ja seit langem aus der Arbeit an Tamedia-Projekten. Wir wissen, dass wir zusammenarbeiten können.
Böse Zungen sagen, es sei ein sonderbares Signal, die Chefredaktion doppelt zu besetzen, wenn die Redaktion mit einem massiven Stellenabbau rechnen müsse.
Strehle: Die Aufgaben, die sich heute der Chefredaktion einer Tageszeitung stellen, werden immer vielfältiger: Neues Konzept, Relaunch, Zusammenarbeit mit Online, mit Partnermedien, Repräsentation nach aussen. Und hin und wieder würden wir ja gerne noch was publizieren. Da drängt sich eine Doppelbesetzung auf.
Eisenhut: Notabene besteht die noch amtierende Chefredaktion des Tages-Anzeigers auch nicht aus einer einzigen Person, sondern aus einem Chef und zwei Stellvertretern. Wer sagt denn jetzt schon, wie viele es am Schluss in der neuen sein werden?
Sie beide haben sich doch sicher die Aufgaben aufgeteilt, bevor Sie sich zur Zusammenarbeit entschlossen haben. Wie sieht diese aus?
Strehle: Wir wollen nicht einen Aussenminister, der repräsentiert, und einen Innenminister, der das Blatt macht. Wir werden uns die Aufgaben vielmehr inhaltlich zuordnen, beispielsweise indem wir je für gewisse Bünde verantwortlich sind. In der Tagesverantwortung, beim Blattmachen insbesondere, streben wir einen wöchentlichen Wechsel an.
Aber wer vertritt denn den Tages-Anzeiger beispielsweise in einer TV-Sendung, etwa in der «Arena»?
Eisenhut: Das wird vom Thema abhängen.
Worauf dürfen sich die Leserinnen und Leser des Tages-Anzeigers freuen? Was wird mit den beiden neuen Chefs besser werden?
Strehle: Wir wollen mehr Eigenleistungen bringen. Mehr Glanzlichter setzen. Der Tages-Anzeiger kann nicht mehr eine Art Protokollführer des Zeitgeschehens sein, der über alles berichtet. Wir werden mehr gewichten, mehr Schwerpunkte setzen – und damit exklusive, aussergewöhnliche Leistungen erbringen. Zudem müssen wir visuell zulegen: mit starken Bildern, mit Infografiken, mit einem besseren Rhythmus in der Zeitung.
Eisenhut: Wir müssen unsere Ressourcen, die zweifellos abnehmen werden, besser fokussieren. Öfter entscheiden zwischen wirklich Wichtigem – und dem Verzichtbaren.
Mit Markus Eisenhut schafft es zum ersten Mal ein Mann in die Chefredaktion des Tages-Anzeigers, der eine erfolgreiche Vergangenheit in der Boulevard- und Gratis-Presse aufweist. Solls der Boulevard beim Tages-Anzeiger richten?
Eisenhut: Ich war nicht nur bei Boulevard-Zeitungen, das sei hier angemerkt. Aber zum Wesentlichen: Entscheidend im Angebot einer Zeitung ist der richtige Mix. Und dazu gehören tatsächlich auch leichte Storys. Ja, womöglich habe ich einen entspannteren Zugang zu diesen Themenbereichen als gewisse Kollegen. Und in der Zusammenarbeit mit Andreas Strehle wird gerade dies eine Stärke sein.
Ein konkretes Beispiel: Letzte Woche zog der Schweizer Piero Esteriore aus dem deutschen «Big-Brother»-Camp aus – zweifellos ein Boulevardereignis. Hätten Sie in ihrem Tages-Anzeiger darüber berichtet?
Eisenhut: Klar, das hätte ich vermeldet.
Strehle: Ich vermutlich auch. Aber sicher hätte ich keine grosse Story daraus gemacht.
Markus Eisenhut, Sie wurden gegen Widerstände der Personalkommission des Tages-Anzeigers zum Chefredaktor gewählt. Konkret wird Ihnen von Redaktionsmitgliedern eine zu grosse Nähe zum Gedankengut der SVP vorgeworfen. Wie begegnen Sie diesen Vorbehalten?
Eisenhut: Es gab Kritik an mir, das finde ich okay. Offenen Widerstand nahm ich allerdings nicht wahr. Zum Vorwurf der SVP-Nähe: Was ich bei der «Berner Zeitung» anstiess, war eine Öffnung für SVP-Themen und SVP-Positionen. So wie das auch bei allen anderen Regierungsparteien schon lange der Fall ist. Das ist alles. Ich bin kein SVP-Mann – ich verfüge aber auch nicht über einen Anti-SVP-Reflex.
Worauf muss sich denn das Publikum des Tages-Anzeigers gefasst machen? Auf eine ideologische Neuausrichtung?
Strehle: Ich mag das Wort Ideologie in diesem Zusammenhang nicht. Ich spreche lieber von einer politischen Grundhaltung – und da wird sich nichts ändern. Wir wollen und müssen empathisch sein gegenüber Opfern und Betroffenen, wir wollen Missstände aufzeigen. Hier soll eine Zeitung parteilich sein. Aber das heisst nicht, dass man deshalb in einen linken Populismus abgleiten muss.
Eisenhut: Wir sind nicht engagiert worden, um den Tages-Anzeiger von links der Mitte nach rechts der Mitte umzupositionieren. Das gehört nicht zu unseren Aufgaben.
In den Split-Regionen wurde ja die konservative Zürcher SVP erfunden. Kann der Tages-Anzeiger mit seiner eher auf ein urbanes, liberales Publikum ausgerichteten Linie in der Zürcher Landschaft Leser und Inserenten gewinnen?
Strehle: Das ist sicher eine offene Frage. Der Landzeitungsleser hat andere Bedürfnisse. Er interessiert sich viel stärker für seine unmittelbare Umgebung. Da werden wir möglicherweise Mühe haben zuzulegen.
Aber der Inserent will ja auch gewonnen werden.
Strehle: Möglich. Aber wenn man professionell Anzeigen schaltet, wird man dies unabhängig von einer politischen Haltung tun. Aber es stimmt. Im regionalen Anzeigengeschäft haben wir noch Potenzial.
Eisenhut: In den Regionen hatten wir Mühe, weil wir nicht die gleich langen Spiesse wie die Konkurrenz gehabt haben. Schon rein von den Abschlusszeiten her waren wir im Nachteil. Was am Abend stattgefunden hat, konnten wir nicht mehr ins Blatt bringen. Das war im Kampf mit den Mitbewerbern eine schwierige Ausgangslage.
Abbau, Entlassung, Print-Pessimismus. Was die allgemeine Stimmung anbelangt, ist es ja kein besonders guter Zeitpunkt, die Chefredaktion einer Zeitung anzutreten. Welche Vision setzen Sie diesen Trends entgegen?
Eisenhut: Der Moment ist überhaupt nicht schlecht. Er scheint nur schlecht. Tamedia verfügt über genügend Ressourcen um einen Tages-Anzeiger so auf die Beine zu stellen, dass am Ende des Tages ein Gewinn herausschaut. Und er muss rentabel sein, sonst ist er nicht mehr unabhängig. Ich glaube auch nicht, dass die Zeitung aussterben wird. Es wird wohl weniger geben, aber dafür Besseres. Und so eine wollen wir sein. Den Tages-Anzeiger wird es auch in zehn Jahren noch geben.
Strehle: Wir müssen den Leserschwund aufhalten. Das wird das erste und wichtigste Ziel sein. Wir wollen auf drei Säulen die Total-Audience-Strategie verfolgen. Das heisst mit Tages-Anzeiger, Tagesanzeiger.ch und News die Gesamtreichweite steigern. Und wir müssen uns dabei stärker ausdifferenzieren. Online ist für rasche, kurze, multimediale, interaktive Berichterstattung zuständig. Die kostenlose Pendlerzeitung zeigt den News-Stand vom Vortag. Und daneben gibt es die bezahlte Abo-Zeitung, die mit Eigenleistungen und neuen Fakten den Dingen auf den Grund geht.
Diese Ausdifferenzierung bedeutet aber auch eine genaue Zuordnung von Inhalten. Eine Verteilung von Kompetenzen. Heisst das, dass Online dem Print nicht in die Quere kommen, seine Inhalte nicht kostenlos anbieten sollte?
Strehle: Der Print hat Schwächen gegenüber Online. Aber er hat auch klare Stärken. Er bietet einmal pro Tag eine Browser-Funktion durch den News-Dschungel des Alltags. Mit dem Format, mit dem Leseerlebnis, mit den visuellen Möglichkeiten kann ein Zusatznutzen geschaffen werden, am Frühstückstisch, im ÖV, im Café. Das ist von Online klar nicht abgedeckt.
Eisenhut: Die Debatte, welcher Print-Content online gehen sollte, ist nicht geführt. Darüber muss man diskutieren. Was soll etwas kosten, was darf gratis sein? Vielleicht kommen wir zum Schluss, dass es keinen Sinn macht, alle Texte integral ins Netz zu stellen.
Was sind die grössten Probleme des Tages-Anzeigers im Moment?
Strehle: Das müssen wir erst intern besprechen. Aber grundsätzlich scheint mir, er hat sich zu wenig den veränderten Umständen angepasst. Das Konzept stammt aus einer Zeit ohne Pendlerzeitungen, ohne Internet. Da müssen wir eine neue Rolle finden – und zwar mit weniger Geld.
Es heisst seit geraumer Zeit, beim Tages-Anzeiger stehe ein Abbau bevor. Wann wird dieser stattfinden und wie dramatisch wird er sein?
Eisenhut: Unter dem Strich werden wir mit weniger Ressourcen auskommen müssen. Wie gross dieser Abbau sein wird, steht in den Sternen. Voraussichtlich wird das im Sommer bekanntgegeben.
Aber Sie können ja nicht einen Job antreten, ohne eine ungefähre Vorstellung von der Höhe des Abbaus zu haben?
Strehle: Doch, wir haben eine Vorstellung vom Ausmass. Aber wir wollen das erst mit den Ressortleitern besprechen. Das wird ein erster Schritt sein.
Man lässt die Mitarbeiter sehr lange im Ungewissen.
Eisenhut: Gewisse Entscheide brauchen einfach etwas mehr Zeit. Da geht es ja nicht nur um die Redaktion. Auch um die Zusammenarbeit mit der Distribution, mit dem Verlag. Und so lange dauert das ja auch nicht. Etwa ein halbes Jahr.
Vor der Bekanntgabe der Jahresbilanz in diesem April wird also der Abbau nicht kommuniziert?
Strehle: Nein, davon gehe ich nicht aus.
Was wird sich unter der neuen Chefredaktion für die Nachrichtenplattform Newsnetz ändern?
Eisenhut: Angestrebt wird eine enge, gute Zusammenarbeit. Aber ich habe kein klares Konzept für die Zukunft, Ideen schon, aber noch keinen klaren Plan.
Strehle: Ich glaube, die erste Phase haben wir gut gemeistert. Jetzt sollten wir uns überlegen, wo wir verstärkt zusammenarbeiten können – allerdings ohne die beiden Redaktionen zusammenzulegen.
Markus Eisenhut, Tamedia hat Sie nicht immer nur gut behandelt. Sie wurden beim Kauf von «20 Minuten» durch die Tamedia als Chefredaktor des Pendlerblattes entlassen, ohne Fehler gemacht zu haben. Sind Sie nicht nachtragend?
Eisenhut: Ich habe das mit meiner Frau lange diskutiert. Am Anfang hatte ich gemischte Gefühle. Aber das ist halt der Gang der Dinge. Wenn man übernommen wird, ist es das Recht des Übernehmenden, die Geschäftsleitung neu zu besetzen. Ich hab ja danach «20 Minutes» lanciert. Tamedia hat mir immer das Gefühl gegeben, dass das Unternehmen meine Mitarbeit schätzt. Absolut keine Bad Feelings. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.04.2010, 13:54 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.





