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«Niemand zwingt einen Moslem, Röschti zu essen»

Interview: Reto Hunziker. Aktualisiert am 29.12.2008 52 Kommentare

Ein Freiburger Anthropologie-Professor fordert Sonderrechte für Muslime und will die Scharia in der Schweiz teilweise einführen. Sami Aldeeb, Rechts- und Islam-Experte hält die Idee für realitätsfremd.

Sami Aldeeb, 59, Dr. iur. am Schweizerischen Institut für Rechtsvergleichung in Lausanne und Autor einer neuen Übersetzung des Korans.

Sami Aldeeb, 59, Dr. iur. am Schweizerischen Institut für Rechtsvergleichung in Lausanne und Autor einer neuen Übersetzung des Korans.

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Herr Aldeeb, was halten sie von Professor Giordanos Idee, die Scharia teilweise einzuführen?
Die Idee ist überhaupt nicht praktikabel. Und dennoch wird sie allen westlichen Ländern gefordert, in denen es eine muslimische Minderheit gibt. Meiner Meinung nach ist das weder im Interesse der jeweiligen Länder, noch im Interesse der Muslime. Denn es würde liberalen Bewegungen und Bemühungen im Islam den Wind aus den Segeln nehmen. Ausserdem ist die Anwendung des muslimischen Rechts per se problematisch. Selbst in den islamischen Ländern wird die Scharia nicht gänzlich angewendet.

Was genau ist problematisch?
Im Islam hat jeder sein eigenes Gesetz gemäss seinem Glauben. Ein überzeugter Moslem wird nicht akzeptieren, dass jemand anders darüber entscheidet, was Teil seines Glaubens ist. Wie wollen Sie da Konflikte zwischen den Systemen vermeiden? Nehmen wir als Beispiel die Mischehe: Die Scharia erlaubt einem Moslem die Ehe mit einer Christin. Einer Muslima ist die Ehe mit einem Christen jedoch untersagt. Das kann man nicht mit der Verfassungsnorm vereinbaren, die eine Behinderung durch religiöse Ansichten verbietet. Da sind Konflikte doch vorprogrammiert.

In Kanada wurde das Konzept auch diskutiert…
… und verworfen. Liberale Muslime fanden, dass dieser Rechtspluralismus Tür und Tor für jegliche Interpretationen öffnet und mit westlichen Normen kollidiert. Staaten, in denen eine Rechtspluralität herrscht, sind in der Regel politisch labil. In Ägypten etwa gibt es nicht ein Familiengesetz, sondern 15. Ähnlich ist es auch im Libanon. Nach der Scharia muss jeder Moslem gemäss seinem Glauben und seinem Recht leben. Glaube und Recht sind untrennbar verbunden. Aber sogar die muslimischen Länder haben Schwierigkeiten, das konsequent umzusetzen. Auch sie wollen nicht Normen anwenden, die dem 7. Jahrhundert angehören.

Rechtspluralismus ist also ein rein ideologisches Konstrukt?
Die heutigen Anstrengungen zielen auf eine Vereinigung und Vereinfachung des Rechts. Das sieht man auch an den Bemühungen, die Schule zu harmonisieren. Hierzulande musste der Staat in der Verfassung 1874 die protestantischen und katholischen Gemeinschaft ihrer Recht sprechenden Kompetenzen entheben, um das Land zu vereinen. Stellen wir diesen Entscheid infrage, würde uns das ins 19. Jahrhundert zurückwerfen.

Wenn es nicht praktikabel ist, warum fordert es Christian Giordano dann?
Herr Giordano ist kein Jurist. Er ist ein Anthropologe. Anthropologen sind bekannt für ihren Relativismus. Sie wollen, dass jedes Volk seine Kultur und Bräuche behält. Dabei verbietet es Ihnen ja niemand, nach Ihrer Tradition zu tanzen. Niemand zwingt einen Moslem, Röschti statt Schweinefleisch zu essen. Wenn es um das Funktionieren des Staats, um die Berücksichtigung fundamentaler Rechte geht, muss die Kultur weichen. Das ist keine unilaterale Massnahme. Sie ist nicht gegen Moslems gerichtet, auch nicht gegen Katholiken oder Protestanten, sondern dient schlicht der Gemeinschaft.

Giordano denkt, die Berücksichtigung der Scharia würde die Integration der Muslime fördern.
Würde es das wirklich? Man integriert sich nicht, indem man ein Recht einfordert, das teilweise gegen UN-Menschenrechtsnormen und die Schweizer Verfassung verstösst. Wir haben vor 1874 Erfahrung mit dem Pluralismus gemacht und unsere Lektion gelernt. Leider vergisst man das zu oft. Ein Rechtspluralismus würde die Gesellschaft vielmehr «desintegrieren». Wenn in einer Karawane jedes Kamel ausschert, ist es keine Karawane mehr, sondern eine Herde. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.12.2008, 17:08 Uhr

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52 Kommentare

Beat Hess

29.12.2008, 18:08 Uhr
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Professor Giordanos Vorstoss entspricht wohl keinem Bedürfnis. Die meisten hier lebenden Muslime möchten nach dem hiesigen Recht leben bzw. sind sogar wegen dem in ihrem Heimatsland herrschenden Unrecht und der fehlenden Rechtssicherheit hierher geflüchtet. Er schürt Ängste und erweist den Muslimen einen Bärendienst. Wer würde denn der Scharia unterstellt? Alle Muslime oder nur die Gläubigen? Antworten


Ramon Neville

29.12.2008, 18:49 Uhr
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Bitte beachten: Die Forderung kam nicht von einem Muslim, sondern von einem verwirrten Anthropologen. Deswegen für die Minarett-Initiative zu stimmen, entbehrt jeder Logik. Ach, und falls Sie's vor lauter Islampanik schon wieder vergessen haben: Die Forderung kam nicht von einem Muslim. Antworten



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