«Notfalls auch gegen die eigene Bevölkerung»

Der Film «Manipulation» beleuchtet die Schweizer Atombombenpläne. Der Publizist Peter Hufschmid recherchierte während Jahren die Geschichte der eidgenössischen Atombombe.

Mirage III: Potenzielle Trägerin der Schweizer Atombombe.

Mirage III: Potenzielle Trägerin der Schweizer Atombombe. Bild: Keystone

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Peter Hufschmid, Sie haben jahrelang über die Pläne der Schweiz zum Bau einer Atombombe recherchiert. Was trieb Bundesrat und führende Militärs in den 1950ern an?
Die Idee ist im historischen Kontext zu betrachten – es herrschte Kalter Krieg. Den eigentlichen Auslöser gab es jedoch schon früher mit dem Bombenabwurf auf Hiroshima. Die Katastrophe zeigte, wie mächtig die Technologie war. Eine vom Bundesrat eingesetzte Schweizer Expertengruppe kam deshalb zum Schluss, dass man taktische Atomwaffen braucht. Da die Schweiz bereits den Zugang zu friedlich nutzbarer Nukleartechnologie erhielt, war der Bau einer Bombe durchaus möglich. Das militärische Hauptziel war Abschreckung.

Hatte die Schweiz wirklich die Möglichkeit, eine A-Waffe zu bauen?
Ja. Zu diesem Schluss kommt zumindest ein militärischer Expertenbericht aus dem Jahre 1963. Bei der Umsetzung bestand die Schwierigkeit aber in der Art der Waffe. An Uran, mit welchem der Bau relativ einfach gewesen wäre, kam die Schweiz nicht heran. Im Atommeiler in Lucens – ein Versuchsreaktor, der zweifellos militärischen Interessen diente – wäre man hingegen in der Lage gewesen, genügend Plutonium herzustellen. Nur: Die Verwendung von Plutonium in einer Bombe setzt enorm genaue Zündmechanismen voraus, welche die Schweiz nicht produzieren konnte.

Wo sollte die Atombombe gebaut werden?
Konkret weiss ich darüber nichts. Lucens hätte vermutlich eine Rolle gespielt. Jedoch kam es dort 1969 – technisch gesehen – zu einem der bislang grössten Atomunfälle der Welt. Auf der INES-Skala stuft man den Zwischenfall mit 5 von 6 möglichen Punkten ein. Das grosse Glück war einfach, dass sich die Anlage im Fels befand. Man muss sich das mal vorstellen: Der Versuchsreaktor sollte ursprünglich unter der ETH Zürich gebaut werden! Nach politischen Interventionen der Romandie entschied man sich dann für Lucens.

Wie weit war die Schweiz mit dem Bau?
Die Bombe existierte letztlich nur auf Papier. Ich habe bei meinen Recherchen keine Akten entdeckt, die belegen, dass die Schweiz konkret mit dem Bau einer A-Waffe begonnen hat. Doch es bleiben viele Fragen offen. Die führenden Politiker und Militärs schweigen bis heute dazu. Die Schweizer Pläne wurden erst in den 1990er-Jahren offiziell ad acta gelegt.

Gab es Pläne, die Waffe im Ausland zu beschaffen?
Selbstverständlich gab es diese Versuche. Dies insbesondere im Zusammenhang mit der Beschaffung des französischen Kampfflugzeuges Mirage. Ich habe im Nationalarchiv der USA Dokumente gefunden, die darauf schliessen lassen, dass die Franzosen den Schweizern zumindest Versprechen in dieser Richtung gemacht haben. Die Rede war von taktischen Nuklearwaffen, die mit diesen Flugzeugen hätten transportiert werden können.

Wäre es für die Schweiz überhaupt möglich gewesen, die Pläne geheim zu halten?
Die konkreten Pläne haben Bundesrat und Militärführung bis in die 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts geheim halten können. Jedoch besteht kein Zweifel, dass das interessierte Ausland weit besser informiert war als die eigene Bevölkerung.

Wusste die Nato von den Plänen?
Bei meinen Recherchen erhielt ich in der Schweiz zu dieser Frage keine Antworten. In den Archiven in den USA entdeckte ich jedoch Berichte der US-Botschaft in Bern. Sie stammen aus den 60er-Jahren. Die Amerikaner – und damit vermutlich auch das westliche Militärbündnis – wussten sehr genau, was die Schweiz militärisch tat und plante.

Woher stammten die Informationen?
Überraschenderweise stellte ich fest, dass die US-Botschaft jeweils wenige Stunden nach Bundesratssitzungen Depeschen in die USA schickte, in welchen die besprochenen Traktanden im Detail – inklusive der Voten der einzelnen Bundesräte – aufgelistet waren. Da musste jemand über längere Zeit aus dem innersten Machtkreis unseres Landes die Amerikaner systematisch informiert haben. Aus den Unterlagen geht nicht hervor, wer die US-Botschaft informierte.

Hatte die Schweizer Armee Pläne, wie sie die Bombe einsetzen will?
Ja, die Generalität zog beispielsweise ernsthaft in Erwägung, mit A-Waffen bestückte Mirages nach Moskau zu schicken. Doch bei meinen Recherchen ist mir vor allem ein Dokument in Erinnerung geblieben: Der damalige Korpskommandant Georg Züblin forderte in einem Brief an den Bundesrat, dass der Einsatzbefehl für den Atomwaffeneinsatz der Schweiz alleine bei der Generalität liegen solle – also ohne Rücksprache mit dem Bundesrat. Nach dem Motto «Lieber tot als rot» wollte er sie bei einem Angriff aus dem Osten notfalls auch innerhalb der Schweiz und gegen die eigene Bevölkerung einsetzen. Da läuft es mir auch heute noch kalt den Rücken herunter. Züblin war ein absoluter Hardliner. Er gründete auch die Vereinigung zur Förderung des Wehrwillens. In den von mir gesichteten Akten habe ich übrigens keine Antwort des Bundesrates auf das skandalöse Schreiben von Züblin gefunden.

Warum wurden Atomwaffen-Pläne erst Anfang der 90er-Jahre begraben?
Man wollte sich sicher die Option offenhalten und zumindest informiert bleiben. Mit dem Ende des Kalten Krieges dürfte sich jedoch auch im Bundesrat und unter der Generalität die Einsicht durchgesetzt haben, dass die nukleare Bewaffnung der Schweiz keinen sinnvollen Weg mehr darstellt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 28.01.2011, 10:22 Uhr)

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Peter Hufschmid (61) war langjähriger Wissens-Redaktor beim «Tages-Anzeiger». Er recherchierte in den 1990er-Jahren für über die Atomwaffen-Pläne der Schweiz. Heute ist Hufschmid freier Publizist in Bern.

A-Waffe in der Schweiz

Der Film «Manipulation» spielt 1956 während des Kalten Krieges. Nachdem die amerikanischen Atombomben über Hiroshima und Nagasaki der Welt das Vernichtungspotenzial der Waffen vor Augen geführt hatten, machen sich auch in der Schweiz Politiker und Militärs Gedanken über den Bau bzw. die Beschaffung einer Atomwaffe. 1958 erklärt der Bundesrat, Atomwaffen seien zum Schutz der Neutralität notwendig. Erst 1988 werden die Atombombenpläne endgültig begraben.

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