Schweiz

«Österreich schadet mit den Gifteleien den eigenen Athleten»

Interview: Erika Burri. Aktualisiert am 19.02.2010

Motivationsexperte und Sportpsychologe Ruedi Zahner findet, dass die Kritik an Simon Ammanns Bindung nur die Hilflosigkeit der Österreicher aufzeigt.

1/9 Der Grund für die Aufregung
Das ist die Bindung von Simon Ammann: Der Stab ist leicht gekrümmt, was ihm in der Flugphase mehr Stabilität verleihen soll.
Bild: Keystone

   

Der Trainer der österreichischen Skispringer, Alexander Pointner, will protestieren, falls Simon Ammann mit seiner innovativen Zapfenbindung morgen Nacht auf der grossen Schanze antritt. Was halten Sie davon?
Das ist psychologische Kriegsführung. Sie zeigt die Hilflosigkeit des österreichischen Skispringteams auf, dem Ammann um die Ohren fliegt. Die Österreicher wollen so den Anwärter auf eine weitere Olympia-Medaille verunsichern.

Wird ihnen das gelingen?
Das ist schwierig zu sagen. Doch ich glaube nicht. Aus folgenden Gründen: Ammann wurde vor acht Jahren überraschend Olympia-Doppelsieger. Danach musste er unten durch. Man schimpfte ihn einen «Zufallssieger». Dann hat er sich langsam an die Spitze zurückgekämpft. Und jetzt schlägt er wieder zu. Jemand, der so etwas schafft, der hat ein riesiges Selbstbewusstsein und eine unglaubliche mentale Stärke entwickelt. Eine solche Attacke haut Ammann nicht um.

Denken Sie, dass Ammann die Gifteleien überhaupt mitbekommt?
Wahrscheinlich am Rande. Und er wird nur ein müdes Lächeln dafür übrighaben. Attacken und Gifteleien sind für Spitzensportler Alltag. Ammann kann nur noch gewinnen. Eine Medaille hat er schon, eine zweite erwartet niemand.

Was ist, wenn es Ammann den Österreichern nun erst recht zeigen will?
Konkurrenzdenken ist gefährlich. Ammann ist gut, wenn er sich voll und ganz auf sich selber konzentriert und alle anderen Gedanken ausschalten kann. Lässt er Konkurrenzdenken zu, verliert er den Fokus.

Was meinen Sie, was denken die österreichischen Adler über ihren Trainer?
Ich könnte mir vorstellen, dass die Attacke auf Ammann den österreichischen Athleten unangenehm ist. Wenn ihr Trainer Gründe wie die Bindung sucht, wieso Ammann besser ist als sie, heisst das ja auch, dass sie selber es nicht bringen. Dies setzt sie unter Druck. Mit seinen Gifteleien schadet der Trainer also nur seinen eigenen Athleten. Das haben wir ja auch bei den französischen Abfahrerinnen gesehen: Der Trainer forderte eine Verschiebung des Rennens, das dann trotzdem zum geplanten Zeitpunkt stattfand. Und die Französinnen fuhren so schlecht, dass es einem wehtat. Eine stürzte gleich nach dem Start.

Beim Skispringen wird über Erfolg oder Misserfolg eines Sprungs innerhalb von Millisekunden entschieden: nämlich beim Absprung. Ist Skispringen deshalb anfälliger für psychologische Spielchen als andere Sportarten?
Beim Skispringen kann man tatsächlich Fehler beim Absprung später nicht mehr gutmachen. Nach einem Fehler in einer Abfahrt dagegen, kann ein Athlet nochmals angreifen, Zeit wettmachen. Mentale Stärke und eine innere Balance zwischen Attacke und Lockerheit sind beim Skispringen deshalb umso wichtiger. Nur so kann man sich auf den einen Moment fokussieren, den Absprung. Dafür muss der Kopf frei sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.02.2010, 16:01 Uhr

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