Oh, Gott

Das noch frische Luther-Jahr scheint auch einen Einfluss auf unsere Politiker zu haben: Plötzlich redet man wieder über Religion. Kirchenvertreter sehen das nicht gerne.

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Ganz am Schluss sagte Doris Leuthard, was heute sonst kein Bundespräsident mehr sagt: Sie wünschte in ihrer Neujahrsansprache allen Bürgern «Gottes Segen». Die Hinwendung der gläubigen Katholikin zum Göttlichen passte gut zum Auftakt dieses Jahres, in dem die deutschsprachige Welt 500 Jahre Reformation feiert. Es passte auch zu den Festspielen um Bruder Klaus, den Schweizer Nationalheiligen, der vor 600 Jahren geboren wurde. Und Leuthards Wunsch fügt sich ein in eine Tendenz, die sich seit einiger Zeit bemerkbar macht, sanft, aber doch bestimmt: Die Religion spielt in der Politik wieder eine Rolle.

In der Schweiz ist die katholische Kirche längst anders, als sie viele Konservative gerne hätten.

So versuchte sich Finanzminister Ueli Maurer, ein früherer Sonntagsschullehrer, vor zwei Wochen in der eher bierseligen statt gottesfürchtigen Atmosphäre der SVP-Albisgüetli-Chilbi an einer grossen Rede über Martin Luther. Die Reformation sei ein Ereignis, das den Lauf der Geschichte ganz entscheidend verändert habe und «viele unglaublich spannende Aspekte» in sich vereine, sagte Maurer. Der spannendste: die Spaltung zwischen Volk und Elite, die schon bei Luther offensichtlich gewesen sei.

Ein Blocher avant la lettre

«Vieles scheint uns fremd, vieles aber auch seltsam vertraut und aktuell», sagte Maurer, lächelte ein Ueli-Maurer-Lächeln und machte dann aus Luther ein Art Christoph Blocher avant la lettre – einen Revolutionär, der es mit der Elite aufgenommen habe. «Oben nimmt man nicht zur Kenntnis, welche Sorgen die Bevölkerung unten plagen. Die Elite lebt in einer anderen Welt und spricht eine andere Sprache.» Die Reformatoren drückten aus, was die Leute empfinden. «Sie geben ihnen eine Stimme.» So kann man das natürlich machen: Das göttliche Element von damals als göttliches Element für die Parteistrategie von heute.

Maurer ist nicht der einzige Bundesrat, der in diesen Tagen an Luther herumstudiert: Johann Schneider-Ammann ist Co-Präsident des Patronatskomitees, das die Reformationsfeiern in der Schweiz organisiert. Im Zürcher Grossmünster sprach der Freisinnige kürzlich zum Jubiläumsjahr, «als Protestant und Mensch», wie er in seiner Rede etwas pathetisch und ohne Teleprompter sagte. Die Reformation sei «Zündstoff unserer Freiheit und unseres Wohlstands». Von einer gebrochenen Elite erzählte Schneider-Ammann, der im Bundesrat mit Maurer, Didier Burkhalter und Guy Parmelin eine protestantische Mehrheit bildet, allerdings nichts.

Der Katholik zum Reformator

Eröffnet wurde das Reformationsjahr von einem dritten Bundesrat. Es sei wichtig, den 500. Geburtstag der Reformation konfessionsübergreifend zu feiern, sagte Kulturminister Alain Berset an einer Veranstaltung in Genf. «Ich weiss nicht, was Calvin oder Zwingli gesagt hätten, wenn sie gewusst hätten, dass ein katholischer Bundesrat aus dem Kanton Freiburg das Wort zur Feier von 500 Jahren Reformation ergreifen wird.»

Dass Katholik Berset überhaupt etwas sagt, spricht für die Sichtbarkeit von religiösen Themen im politischen Alltag. So wie in der Innerschweiz, wo momentan konfessionsübergreifend über die Deutung von Bruder Klaus gestritten wird, der seit 600 Jahren nichts mehr gegessen hat. Protestant Blocher feiert Klaus mit dem erzkatholischen Bischof Vitus Huonder, was den Katholiken und ehemaligen freisinnigen Ständerat Andreas Iten säuerlich macht. Es sei Blocher unbenommen, sich an den Feierlichkeiten zu beteiligen, schrieb Iten in einem Brief an die «Zuger Zeitung». «Mir aber verdirbt er das Jubiläumsjahr. Es bekommt nun plötzlich einen politischen Anstrich. Wo ist die CVP, die sich gegen eine solche Wertverschiebung wehren müsste?»

Die CVP folgte sofort. Alles andere hätte auch schwer erstaunt: Seit Gerhard Pfister Parteipräsident ist, scheint man bei der CVP das Christentum wieder great again machen zu wollen. Niemand verkörpert die neue Hinwendung zur Religion stärker als der Zuger. Seit seinem Amtsantritt hat Pfister wiederholt versucht, eine Wertedebatte zu lancieren, auch wenn er selber lieber von einer «Diskussion über kulturelle Identität» spricht. Dazu, sagt Pfister, gehöre die Religion. «Und als CVP sind wir aus historischen Gründen verpflichtet, uns in diesen Fragen zu engagieren.»

Allerdings engagiert sich Pfister nicht für alle diese Fragen gleich. Im Gegensatz zur deutschen Schwesterpartei CDU ist das Reformationsjahr für die CVP kaum Thema. Man bemühe sich schon, den Kontakt zu protestantischen Kirchenvertretern zu verstärken, sagt Pfister. Neulich lud er den früheren Präsidenten des reformierten Kirchenbunds in eine Fraktionssitzung ein. Doch im Vergleich zur CDU, in der sich Katholiken und Protestanten fanden (und die von einer evangelischen Pfarrerstochter geführt wird), ist die CVP immer noch eine katholisch dominierte Partei. Und sowieso ist Pfisters Schwerpunkt ein anderer: Ihn treibt die konfessionsübergreifende Abgrenzung des Abendlands vom Islam um.

Wiederaufblühen des politischen Konfessionalismus

Josef Lang, Historiker und ehemaliger Nationalrat der Grünen, hat vor ein paar Wochen ein Buch zum Schweizer Kulturkampf herausgegeben. Er beobachtet ein Wiederaufblühen des politischen Konfessionalismus und macht das an der CVP fest. Allerdings sei dieses Revival nicht katholisch oder protestantisch geprägt wie in früheren Zeiten, sondern allgemein christlich. «Das ist es, was Pfister versucht.» Und das ist es auch, was die SVP mit ihrem Kampf gegen islamische Symbole mache.

Seit Gerhard Pfister Parteipräsident ist, scheint man bei der CVP das Christentum wieder great again machen zu wollen.

Und trotzdem: Lang will das Comeback der Religion auch nicht überschätzen. Wenn in der Politik wieder mehr von der Religion die Rede ist, bedeute das nicht, dass die Säkularisierung zu Ende sei. Die Kirchen würden sich weiter leeren, religiös seien immer weniger Menschen. «Niemand interessiert sich mehr für die Bedeutung des Abendmahls, aber viele Leute suchen nach kultureller Orientierung: Wer sind wir, was unterscheidet uns von den anderen?»

Unter anderem darum hält Lang die Strategie der CVP für aussichtslos. Die CVP habe ihre katholischen Grenzen nie sprengen können und sei auch darum der falsche Absender für grosse Reden über Werte. «Nichtkatholische Christen reagieren skeptisch, wenn die CVP solche Debatten führt.» Und dann sei da auch noch der Papst, der in Schlüsselfragen – Flüchtlinge, Wirtschaft, Umwelt – eine viel progressivere Haltung einnehme. «Wo der Papst konservativ ist, wird er für Pfister zum Handicap: bei der Sexualmoral.» Auch in der Schweiz ist die katholische Kirche längst anders, als sie viele Konservative gerne hätten. Selbstkritik findet plötzlich intern statt. «Es gab eine Zeit, da erschien Rechts­katholisches in den Pfarrblättern und die Kritik daran im NZZ-Feuilleton», sagt Lang. «Heute ist es eher umgekehrt.»

Die Kritik der Kirche

Das findet seine Entsprechung in den politischen Stellungnahmen der Kirchen. Wie im Herbst, als sie für ein Ja zur Atomausstiegsinitiative der Grünen warben. Die Landeskirchen (respektiv assoziierte Gruppierungen) sympathisierten mit der 1:12-Initiative der Juso, setzen sich für Flüchtlinge ein und sind eher gegen die Unternehmenssteuerreform III. Wenn sich die Kirchen politisch äussern, engagieren sie sich meist für das Gegenteil wie jene Parteien, die heute das Christentum retten möchten.

Wenig überraschend kommt darum die Kritik an diesem Engagement aus dem konservativen Teil der katholischen Kirche. Erst kürzlich forderte Martin Grichting, Generalvikar im Bistum Chur, eine «kirchenamtliche Zurückhaltung» in politischen Fragen: «Das ist kein Ausdruck von Weltvergessenheit oder Resignation, sondern von Klugheit.» Diese Kritik erstreckt sich auf die Parteien, die sich vermehrt um religiöse Inhalte und «Werte» kümmern. «Von christlichen Werten als staatliche Richtschnur zu sprechen, ist problematisch», sagt Giuseppe Gracia, der Sprecher von Bischof Huonder.

«Damit riskiert man, auf den islamischen Gottesstaat mit einem christlichen Gesinnungsstaat zu antworten und die entscheidende Errungenschaft der Aufklärung zu verraten.» Während im ­Islam Macht und Moral in einer Instanz vereinigt seien, definiere gerade die Trennung von Macht und Moral den hiesigen Rechtsstaat. Wer als Politiker das Christentum verteidigen wolle, müsse für den säkularen Rechtsstaat kämpfen. «Jesus hat gesagt: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.»

Übersetzt für heute: Betet ruhig, liebe Politiker. Aber behaltet es bitte für euch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2017, 20:56 Uhr

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