«Ohne Neuanfang ist das Bistum Chur tot»

Generalvikar Martin Kopp fordert, dass nach dem Rücktritt von Bischof Huonder auf die Wahl eines Nachfolgers verzichtet werde. Stattdessen solle der Papst einen Administrator einsetzen.

«Die Bistumsleitung ist sehr weit entfernt von den Gläubigen»: Generalvikar Martin Kopp. Foto: Giorgia Müller

«Die Bistumsleitung ist sehr weit entfernt von den Gläubigen»: Generalvikar Martin Kopp. Foto: Giorgia Müller

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Das Bistum Chur steht vor einer Zäsur: Im April wird Bischof Vitus Huonder 75 Jahre alt. Auf diesen Zeitpunkt hin muss er seinen Rücktritt einreichen. Wie geht es danach weiter?
Der Papst wird den Rücktritt annehmen und den Nuntius – seinen Botschafter in Bern – mit der Kandidatensuche für einen Nachfolger beauftragen. Die Ortskirche kann kaum Einfluss nehmen; wir könnten höchstens dem Nuntius Namen nennen. Zum Schluss wird Rom dem Churer Domkapitel einen Dreiervorschlag unterbreiten. Das von Vitus Huonder und seinen Vorgängern bestimmte Gremium wird dann aus diesem Ticket den neuen Bischof wählen. Ich gehe davon aus, dass dies im Herbst 2017 der Fall sein wird. Bis der neue Bischof im Amt ist, bleibt in der ­Regel noch sein Vorgänger tätig.

Der Vatikan setze jeweils «einen Blinden, einen Lahmen und einen Wunschkandidaten» auf die Dreierliste, spöttelte der Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings über dieses Bischofswahlrecht.
Es ist so, dass bei der letzten Wahl neben Vitus Huonder zwei im Bistum nahezu unbekannte Geistliche auf der Liste standen: der Lausanner Weihbischof Pierre Bürcher sowie der Walliser Erzbischof Emil Paul Tscherrig, damals Nuntius in Korea und der Mongolei. Das war keine Wahl, sondern eine Alibiübung.

Wird dies auch bei der Nachfolge von Bischof Huonder der Fall sein?
Ich hoffe es nicht. Und ich bin klar der Ansicht, dass es im Bistum Chur nicht wie bisher weitergehen kann. Um die angespannte Lage zu beruhigen, müsste die Bischofswahl nächstes Jahr ausgesetzt werden. Stattdessen sollte der Papst für eine bestimmte Zeit einen apostolischen Administrator ernennen. Diese Person sollte von ausserhalb kommen und das Charisma haben, dem Bistum Vertrauen und Frieden zurückzugeben. Es müsste möglichst jemand sein, der von allen ­Seiten anerkannt ist.

Wenn man sich von einem Aussenstehenden Frieden erhofft, könnte man ihn doch auch gleich zum Bischof wählen.
Idealerweise stammt der neue Bischof aus dem Bistum Chur und ist mit dessen Eigenheiten vertraut. Deshalb wäre es angebracht, einen aussenstehenden Administrator als Übergangslösung einzusetzen. Nach sechs oder sieben Jahren sollte der Bischofsstuhl dann wieder auf ordentlichem Weg und mit eigenen ­Kräften besetzt werden.

Man könnte auch jetzt auf eigene Kräfte zurückgreifen. Als Kandidat genannt wird zum Beispiel der als konservativ geltende Generalvikar Martin Grichting.
Martin Grichting wird nächstes Jahr 50 Jahre alt und ist zu jung. Ein Bischof sollte über langjährige seelsorgerische Erfahrung verfügen. Zudem polarisiert Grichting stark und ist nicht geeignet, die verfahrene Situation zu lösen. Wenn nächstes Jahr einfach jemand aus dem Lager gewählt wird, das aktuell in Chur den Kurs bestimmt, und es keinen Neuanfang gibt, ist das Bistum tot. Die freiheitsdurstige Urschweiz und auch Zürich würden sich das nicht bieten lassen: Sie würden sich restlos von Chur abwenden.

Teile des Bistums können sich doch nicht einfach so abwenden.
Als Generalvikar der Urschweiz erlebe ich, wie weit entfernt die Bistumsleitung aus Sicht der hiesigen Gläubigen ist. Sie mögen es nicht, wenn ihnen jemand von aussen her verkündet, was sie tun und lassen sollen. Wenn sich die Gläubigen von Chur weiterhin unverstanden fühlen, werden sie noch weniger darauf hören, was der Bischof oder seine Vertreter vorbringen. Dasselbe gilt für Zürich.

Würde es nicht Sinn machen, ein eigenes Bistum Zürich zu gründen?
Ich bin Zürcher und habe Verständnis für diese Forderung. Noch stärker ist aber meine Überzeugung, dass sich die drei Bistumsteile Chur, Urschweiz und Zürich sehr gut ergänzen. Diese Solidargemeinschaft ist auch für die Zukunft ein gutes Modell: Zürich, als finanziell stärkster Teil, unterstützt die schwächeren Regionen. Umgekehrt kann auch Zürich von den anderen Regionen profitieren, etwa durch die dort gelebte Tradition, den verwurzelten Glauben und personelle Ressourcen. Gerade in schwierigen Zeiten sollte man diese Solidargemeinschaft nicht auseinanderbrechen.

Was ist denn so schlimm an der aktuellen Situation?
Das Bistum ist zerrissen. Es fehlt das Vertrauen der Bistumsleitung in einen grossen Teil der Seelsorger. Und auch unter den Seelsorgern gibt es verschiedene Fraktionen. Der Bischof fährt einen betont konservativen Kurs; er brüskiert die Laien und die staatskirchenrechtlichen Organe. Die Situation verhärtet sich andauernd. Ich stelle in unzähligen Gesprächen mit Gläubigen fest, wie sehr sie über die Situation irritiert sind. Und wie gross die Unsicherheit und Sorge ist, wie es nach Huonders Rücktritt weitergeht.

Wie ist es so weit gekommen?
Die Ursprünge reichen zurück in die Zeit von Bischof Johannes Vonderach, der sein Amt 1962 antrat. Vonderach sah sich mit der Polarisierung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil konfrontiert: Da gab es Leute, die kaum einen Stein auf dem andern lassen wollten und über das Ziel hinausschossen. Und es gab Leute, die um jeden Preis alles bewahren wollten. Vonderach war ein eher ängstlicher Mensch, wurde mit dem Alter immer ängstlicher – und wusste sich zum Schluss nicht anders zu helfen, als Wolfgang Haas zum Weihbischof mit Nach­folgerecht zu weihen. Dieser schlug eine radikal konservative Linie ein . . .

. . . und musste schliesslich auf Druck des Grossteils des Bistums gehen.
Das war weltkirchlich ein unerhörter Vorgang. Konservative Kreise werfen das dem Bistum Chur immer noch vor.

Wie viel Basisdemokratie könnte Rom den einzelnen Ortskirchen überhaupt zugestehen, ohne dass die Weltkirche auseinanderfällt?
Es ist die grosse Aufgabe des Ortsbischofs, die Anliegen der Gläubigen und die Bestimmungen der Weltkirche bestmöglich in Einklang zu bringen. Dass dies in einem direktdemokratisch ­geprägten Land wie der Schweiz nicht immer einfach ist, liegt auf der Hand. Im Idealfall ist ein Bischof eine Integrationsfigur, eine Persönlichkeit, die die An­liegen der Basis ernst nimmt und nah bei den Gläubigen ist. Voraussetzung ist ­jedoch, dass ein Vertrauensverhältnis besteht. Das muss im Bistum Chur ­wiederhergestellt werden.

Wer wäre aus Ihrer Sicht denn ein idealer Administrator?
Ideal wäre ein Ordensmann, der das Bistum kennt, aber ausserhalb eine Leitungsaufgabe in seiner Gemeinschaft versieht. Das Bistum hat gute Erfahrungen mit Ordensmännern gemacht, die in Krisensituationen Verantwortung übernahmen; mit Amédée Grab als Bischof und den beiden Weihbischöfen Peter Henrici und Paul Vollmar in Zürich.

Ist Ihre Forderung nach einem Administrator im Bistum abgestützt?
Die Meinung, dass es einen echten Neuanfang braucht, wird im Bistum weitestherum geteilt. Ich spreche es aus, damit das Problem in Rom wahrgenommen wird. Und hoffe bei den zuständigen Stellen auf Einsicht und Verantwortungs­bewusstsein für das seit Jahrzehnten ­gebeutelte Bistum.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.10.2016, 21:36 Uhr

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Als Generalvikar ist Martin Kopp der Vertreter des Bischofs in der Urschweiz. Der 69-jährige Priester ist in der Stadt Zürich aufgewachsen. Nach dem Studium der Philosophie und der Theologie in Löwen (Belgien), Chur, Rom und Paris war Kopp Seelsorger in Zürich und Wädenswil sowie Dozent an der Theologischen Hochschule Chur. Heute lebt Kopp in Erstfeld UR und steht einer Wohngemeinschaft für junge Leute vor, die Hilfe brauchen. Sein Haus bietet Platz für acht Jugendliche. Drei von ihnen sind derzeit Flüchtlinge aus Afghanistan. Mit dem Rücktritt von Bischof Huonder endet automatisch auch die Amtszeit seiner Generalvikare. (daf)

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