«Ohne Zwang wäre ich nie Unteroffizier geworden»

Philippe Rebord ist seit sechs Monaten Chef der Armee. Der Walliser denkt darüber nach, wie er die nächste Generation davon überzeugen kann, dem Land als Soldat zu dienen.

Musste zur Karriere als Unteroffizier gezwungen werden: Der heutige Armeechef Philippe Rebord. Foto: Reto Oeschger

Musste zur Karriere als Unteroffizier gezwungen werden: Der heutige Armeechef Philippe Rebord. Foto: Reto Oeschger

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Der Nationalrat hat vergangene Woche eine Motion verabschiedet, mit der Zivildienstler bestraft werden sollen. Sie dürfen bei einem Wechsel ihre Militärtage nicht mehr voll anrechnen. Das ist ganz in Ihrem Sinne, nicht?
Das ist vor allem im Sinne der Sicherheit dieses Landes. Wenn sich der Zivildienst so weiterentwickelt, bekommen Armee und Zivilschutz ein Problem. Im letzten Jahr verloren wir so 6169 Männer an den Zivildienst, oft erst nach absolvierter ­Rekrutenschule. Das tut weh!

Steht es so schlimm um die Attraktivität der Armee, dass man die Gegenseite aktiv angreifen muss?
Wir müssen zuerst über die Attraktivität des Zivildienstes reden. Für etwas über 6000 Zivildienstler gibt es über 16'000 Stellen, aus denen sie auswählen können. Sie können entscheiden, wann, wo und wie sie ihren Dienst absolvieren möchten. Das ist ein grosser Vorteil!

Dafür dauert der Dienst 1,5-mal so lang.
Ich kritisiere nicht den Zivildienst per se. Er ist ein Anrecht, festgeschrieben in der Verfassung. Doch wir haben ein Problem: Seit der Abschaffung der Gewissensprüfung im Jahr 2008 haben sich die Zivildienst-Gesuche vervierfacht. Wer bereit ist, 1,5-mal länger Dienst zu tun, hat praktisch Wahlfreiheit. Wir versuchen, das Problem mit mehreren Massnahmen abzufedern. Mit der Wiedereinführung der differenzierten Diensttauglichkeit werden wir die Tauglichkeitsquote bei 66 Prozent stabilisieren können – allerdings auf Kosten des Zivilschutzes. Gleichzeitig wollen wir den Einstieg in die Armee etwas sanfter gestalten, um im ersten Monat weniger Leute zu verlieren.

Vielleicht strengen Sie sich einfach nicht genügend an, den jungen Männern sinnstiftende und attraktive Aufgaben zu geben.
Am 17. Januar war es in Davos in der Nacht minus 35 Grad. Sie müssen das WEF bewachen und stehen auf einem fünf Quadratmeter grossen Wachturm, mit scharfer Munition, es ist eisig kalt. Wo sehen Sie da die Attraktivität?

Wenigstens kann man dieser Wache einen Sinn nicht absprechen. Wiederholungskurse sind doch eher das Problem, in denen die Soldaten herumsitzen und nicht wissen, wie sie die Zeit herumbringen sollen.
Das ist doch Stammtischgerede! Ich sage nicht, dass es keine leere Zeit im Militär gibt. Doch die Erfahrung aus meiner Brigade ist das nicht. Unser Problem ist ein anderes: Wir haben in der Schweiz den Ursprung der Wehrpflicht vergessen. Die ist zuerst einmal eine Pflicht, ein Zwang. Ohne Zwang wäre ich nie Unteroffizier geworden.

Sie wollten gar nicht weitermachen? Haben Sie sich dagegen gewehrt?
Nein. Doch ich hätte für diesen Sommer sicher andere Pläne gehabt! Aber so funktioniert es in einem Zwangssystem. Bisher haben wir nur über die Quantität beim Zivildienst gesprochen, nicht über die Qualität. Es gibt keine Studien über die Zusammensetzung der Zivildienstleistenden. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass überdurchschnittlich viele Studenten in den Zivildienst gehen. Und das wäre eine Katastrophe. Wenn in einem Zwangssystem ausgerechnet die künftigen «Eliten» ihre Vorbildfunktion nicht mehr wahrnehmen, ist das System tot.

Haben Sie nicht ein viel grundsätzlicheres Problem mit der jungen Generation?
Nein. Auf die Jungen ist Verlass. Allerdings müssen wir unsere Systeme justieren. Leute der Generation Z, die nun in die Rekrutenschule kommen, haben ein anderes Weltbild als die Jungen zuvor. Das ist ein globales Phänomen. Die deutsche Armee bräuchte pro Jahr 350 Kampfpiloten, erhält aber nur 20, weil die Jungen der Generation Z nicht mehr bereit sind, eine solche Ausbildung auf sich zu nehmen. Da muss das System angepasst werden, das ist doch logisch.

Die Folge ist, dass Rekruten ihre Märsche in Turnschuhen absolvieren. Das muss Ihnen doch ein Graus sein!
Gar nicht. Kürzlich habe ich eine Inspektion der Fremdenlegion zum Ende der Grundausbildung besucht. Die haben alle Turnschuhe getragen. Die Fremdenlegion ist eine Profi-Armee, da pflegt man die Human Resources. Das müssen wir auch! Natürlich tragen unsere Soldaten Stiefel, wenn sie Kisten schleppen – alleine aus Sicherheitsgründen. Aber warum soll es nicht möglich sein, nach der Rückkehr aus dem Feld die Turnschuhe anzuziehen? Die Schere zwischen dem zivilen und dem militärischen Leben wird immer grösser, da braucht es auch eine grössere Anpassungsphase.

Ist die Schere tatsächlich so gross?
Natürlich! Denken Sie zum Beispiel nur daran, wie lange die jungen Menschen heute jeden Tag im Internet sind. Wenn sie in die Armee kommen, bleibt ihnen dafür nur die Nacht. Und wenn der Rekrut während der Nacht surft, hat er nach zwei Tagen ein Problem.

Also bräuchte es Pausen zum Surfen?
Warum nicht? Im Moment arbeiten wir an verschiedenen Massnahmen. Auch Internet-Viertelstunden sind eine Möglichkeit. In Offizierskursen geben wir den Anwärtern zum Beispiel regelmässig eine Stunde, damit sie ihren privaten Geschäften nachgehen können. Die Armee ist eine Milizarmee, die Armee ist ein Spiegel der Gesellschaft, und darum muss sich auch die Armee an diese Gesellschaft anpassen. Ich will einen fertig ausgebildeten Soldaten nach 18 Wochen und nicht schon nach 18 Tagen.

Es gäbe noch eine andere Möglichkeit, die Armee zu retten: die Frauen.
Dafür bräuchte es eine Anpassung des Wehrmodells, und das wäre eine Aufgabe der Politik.

Und was ist Ihre Meinung dazu?
Frauen spielen überall in der Gesellschaft eine tragende Rolle, leider einfach nicht in der Armee, wo wir weniger als 1 Prozent Frauen haben. Persönlich bin ich der Meinung, dass Frauen eine wichtige Rolle in der Sicherheitskette spielen, das sieht man gut in den verschiedenen Polizeicorps der Kantone. Gerade bei Inlandeinsätzen sind auch wir auf Frauen angewiesen.

Haben Ihre beiden Töchter gedient?
Nein, das haben sie nicht. Aber meine Frau war eine Freiwillige. Sie hat vier Wochen Rekrutenschule gemacht und etwa drei Wiederholungskurse absolviert.

Die Streitkräfte Frankreichs haben einen Frauenanteil von 20 Prozent. Die Schweiz steht bei 0,7 Prozent. Was ist Ihr Ziel?
Ich habe ein indirektes Ziel. Die Kantone prüfen die Möglichkeit, einen obligatorischen Orientierungstag für Frauen einzuführen. Ich denke, dass dieser Infotag uns dreimal mehr Frauen bringen könnte, als wir heute haben.

Sie sind nun seit fast sechs Monaten Chef der Armee. Was hat Sie am meisten erstaunt?
Was ich unterschätzt habe, ist die Wichtigkeit der Politik. Sie führt die Armee an der kurzen Leine. Und das ist vermutlich auch gut so. Es ist ein anspruchsvoller Austausch, aber langsam finde ich mich damit zurecht.

Bei Sicherheitspolitikern haben Sie noch keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie erzählen, Rebord sage nur Grüezi und sei dann still.
Gut, ich beantworte die Fragen der Politiker, aber ich mache die Politik nicht selbst. Vielleicht sieht man mich nicht oft in der Wandelhalle. Aber hinter den Kulissen tausche ich mich durchaus mit den wichtigen Akteuren aus. Ich muss mich nicht inszenieren.

Ist es das, was Sie von Ihrem Vorgänger, dem Salonlöwen André Blattmann, unterscheidet?
Ich stehe klar in der Tradition von André Blattmann. Er war sehr lange mein Chef und hat mich immer begeistert und inspiriert. Aber ich habe eine andere Persönlichkeit als er. Ich versuche nicht, Blattmann zu kopieren. Ich versuche, meinen eigenen Weg zu gehen.

André Blattmann hat dem Volk geraten, 300 Liter Mineralwasser zu horten. Wie gross ist Ihr Notvorrat?
Ich habe schon Vorräte, aber eher Wein. Damit kommt man auch durch eine Krise (lacht).

Blattmann hat 2015 gesagt, die Armee brauche 5 Milliarden Franken. Sie verlangen nun bereits mehr Geld. Warum?
Aktuell haben wir 20 Milliarden für vier Jahre. Nächstes Jahr muss der Bundesrat den Rahmenkredit für die Jahre 2022 bis 2025 festlegen. Mit dem neuen Kampfflugzeug, mit der neuen Boden-Luft-Abwehr, mit dem Ersatz von Florako und anderen wichtigen Beschaffungen, die in den Zwanzigerjahren fällig werden, reichen 5 Milliarden nicht mehr.

Wie viel Geld brauchen Sie?
Bestimmen wird das die Politik. Aber wenn das Budget jedes Jahr um 2 Prozent wächst, sind wir bis 2030 bei 6 Milliarden Franken. Damit kann man sicher das Flugzeug und die Boden-Luft-Abwehr bezahlen. In den Zwanzigerjahren müssen wir vorrangig in die dritte Dimension investieren.

Sie nehmen Rüstungslücken am Boden in Kauf, um in die Luftwaffe zu investieren?
Das ist meine Botschaft, ja. Alle Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten des Heeres müssen Verständnis haben, dass die dritte Dimension Priorität hat. Langfristig muss aber das Gesamtsystem funktionieren.

In der Bundesverwaltung ist der Spardruck hoch. Warum soll da die Verteidigung mehr Geld erhalten?
In den 90er-Jahren hatte das VBS 14'000 Mitarbeiter. Ende 2022 werden wir uns bei 9152 befinden. Die Mittel für die Verteidigung waren immer rückläufig.

Wir befinden uns ja auch nicht mehr im Kalten Krieg.
Ja, aber in Nordeuropa fällt die Analyse der Sicherheitslage anders aus als bei uns. Der Trend weist klar in Richtung einer robusteren Verteidigung.

Kürzlich gab es in Turin 1000 Verletzte, weil die Besucher eines Anlasses dachten, ein Angriff finde statt. Wenn der Terror so tief in das Denken der Menschen eingedrungen ist, hat er dann schon gewonnen?
Verglichen mit Staaten, die von Boko Haram terrorisiert werden, haben wir in Europa derzeit noch eine Art Terrorismus light. Die Anschläge sind singuläre Ereignisse. Es gibt keine organisierten Gruppen, die wie im Sahel gross, gut ausgebildet und gut ausgerüstet sind. Wenn wir, der Westen, nicht gegen diese Gruppen vorgehen, werden sie eines ­Tages auch bei uns aktiv sein.

Was können Sie als Armeechef dagegen tun?
Dieser Krieg gegen die Barbarei ist nicht zu gewinnen mit mehr Polizisten oder mehr Militärs. Diesen Krieg gewinnen wir nur mit unseren Werten. Diese Woche besuchte ich ein Konzert der Musikgesellschaft in Muri. Das sind 30 Leute zwischen 13 und 70, die sich wöchentlich treffen, um Musik zu machen. Das meine ich damit – dieser Zusammenhalt stärkt die Resilienz. Wir müssen die Werte in unserem Land leben. Dann werden die Terroristen nicht gewinnen. Auch wenn sie uns treffen werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.06.2017, 23:14 Uhr

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Dreissig Jahre lang dient Philippe Rebord (60) schon in der Schweizer Armee. Er begann bei der Infanterie und hat sich die Befehlskette nach oben gearbeitet. Vor seiner Militärkarriere hat Rebord an der Universität Lausanne Geschichte, Geografie und ­Französisch studiert. Er ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Töchter. (TA)

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