Schweiz

«Ohne einen neuen, grossen Stausee sind die Ziele nicht zu erreichen»

Von Matthias Chapman. Aktualisiert am 14.06.2011 280 Kommentare

Für den AKW-Ersatz braucht es mehr Wasserkraft. Höhere und neue Staumauern sind eine Option. Doch, wo ist das überhaupt noch zu machen?

1/6 Derzeit das grösste Ausbauprojekt in der Wasserkraft: Die Staumauer an der Grimsel soll um 23 Meter erhöht werden, was aber noch vom Bundesgericht bestätigt werden muss.
Bild: Keystone

   

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Hier könnte die Staumauer erhöht werden

«Nicht unmöglich», sagt Anton Schleiss zu Erhöhungsprojekten bei Staumauern, die er bereits 1987 in einer Studie beim Namen genannt hatte. Als Kriterien dafür nennt er, dass keine bewohnten Siedlungen betroffen wären sowie dass die Staumauern bisher als problemfrei galten. Schleiss nennt Erhöhungen von «mehreren Metern», die möglich sein sollten, ohne die Mauer neu zu konzipieren, sprich dicker zu machen. Dies würde ab 10 Prozent der ursprünglich geplanten Höhe der Fall sein. Bei Staudämmen müsste auf jeden Fall von unten bis oben neu vorgeschüttet werden. Und das wären mögliche Projekte:

Graubünden
Nalps, Curnera, Valle die Lei, Zervreila, Lago Bianco
Tessin:
Ritom, Sambuco
Glarus:
Klöntal (wegen bewohnten Ufern nur sehr geringe Erhöhung des Stausees möglich)
Schwyz:
Sihlsee (wegen bewohnten Ufern nur sehr geringe Erhöhung des Stausees möglich)
Nidwalden:
Bannalp (sehr kleines Volumen)
Wallis:
Mattmark, Emosson, Moiry

Projekte in verschiedenen Phasen

Laufend wird die Wasserkraft in der Schweiz ausgebaut. Das grösste Projekt betrifft die Erhöhung der Grimselstaumauer um 23 Meter. Darüber muss das Bundesgericht noch entscheiden. Bekannt sind auch die Ausbauarbeiten bei Linth-Limmern. Am Nant de Drance Plus soll mit einem neuen Pumpspeicherkraftwerk die Leistung gesteigert werden. Oberhalb von Göschenen wird die Staumauer Göscheneralp um acht Meter erhöht. Eine Aufstockung ist auch an der Mauer Vieux Emosson im Wallis geplant. Am Lago Bianco soll die Mauer um gut vier Meter erhöht werden. Im Simplon-Gebiet soll gar eine neue Staumauer für ein bestehendes Ausgleichsbecken entstehen. Zusätzlich sind mehrere kleinere Projekte im Gang.

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Das kühnste und gleichvoll umstrittenste Stauseeprojekt plante die Schweiz im Urserental. Das Hochtal wäre von Andermatt bis Realp überflutet worden. Ein gigantischer Stausee wäre entstanden, praktisch vollständig von Bergen umringt und somit geologisch optimal für ein Staubecken. Hunderte Menschen hätten ihre Heimat verloren und umgesiedelt werden müssen. Doch so weit kam es nicht. Die Bevölkerung wehrte sich mit Erfolg, obwohl der Bund noch 1946 die Armee gegen den Aufstand einsetzte. Andere bewohnte Täler schrieben eine andere Geschichte. Marmorera etwa oder Zervreila, die zwei Bündner Dörfer wurden in den 50er-Jahren geflutet. Das gleiche Schicksal ereilten Göscheneralp, Innertal und weitere Siedlungen. Die Phase, als grössere Staumauern in der Schweiz gebaut wurden, endete um 1970, als letztes Grossprojekt wurde Emosson realisiert. Ein 180 Meter hohes Bauwerk, das knapp 230 Millionen Kubikmeter Wasser zurückhalten kann.

Jetzt, mit dem anvisierten Ende des Atomzeitalters, soll die Wasserenergie nochmals einen Schub erfahren. Bundesrätin Doris Leuthard hatte den Ausbau der Wasserkraft als einen Träger ihrer «Energieperspektiven 2050» gepriesen. Am letzten Freitag nun veröffentlichte das Bundesamt für Energie ein «Faktenblatt» mit dem Untertitel «Abschätzung des Ausbaupotenzials der Wasserkraftnutzung unter neuen Rahmenbedingungen». Darin stecken Erläuterungen zur nackten Zahl von rund 4 Terawattstunden Strom, welche die Wasserkraft künftig zusätzlich liefern soll.

Greina ist politisch undenkbar

Im «Faktenblatt» ist die Rede von «Neubauten Grosswasserkraftprojekte», die bis zu 2,4 Terawattstunden zusätzlichen Strom bringen sollen. Darin enthalten die «Nutzung in VAEW-Gebieten». Diese Abkürzung hat es in sich: Es sind Gebiete, die aus Gründen des Landschaftsschutzes vor der Nutzung der Wasserkraft geschützt werden. Greina heisst das Schlüsselwort dazu. Die Hochebene sollte überflutet werden. Baubeginn für eine grosse Talsperre war für 1991 geplant. Schliesslich aber scheiterte das Projekt ebenfalls am Widerstand des Volkes. Landesweit kam es zu Protestaktionen. Bereits 1986 wurde das Projekt beerdigt. Obwohl nicht beim Namen genannt, geistert der Begriff Greina seit dem letzten Freitag wieder in einschlägigen Kreisen herum. «Es ist absurd, jetzt wieder von Greina zu sprechen», sagte der Nationalrat und Präsident der Greina-Stiftung, Reto Wehrli, der «NZZ am Sonntag».

Bei Greina winkt Professor Anton Schleiss von der ETH-Lausanne ab. «Greina ist politisch undenkbar, es ist ein geschütztes Gebiet», so der Experte für Wasserbau. Zur selben Kategorie zählt das Gebiet Rheinwald am Splügen, wo während des Zweiten Weltkriegs zwei grosse Mauern geplant waren. Jetzt ist eine relativ kleine Mauer geplant. Im Hinblick auf die ambitionierten Pläne für den Ausbau der Wasserkraft in der Schweiz meint Schleiss aber auch: «Ohne einen neuen grossen Stausee sind die Ziele nicht zu erreichen.»

Im Furkagebiet?

Fragt sich nur, wo dieser zu stehen kommen soll. Schleiss macht wenig Hoffnung. «Politisch ist das kaum noch umsetzbar.» Trotzdem drückt sich der Professor nicht um eine Antwort. In der Hochebene bei Gletsch unterhalb der Furka und des Rhonegletschers, «da besteht die Möglichkeit eines grossen Stausees», sagt der Fachmann. Um im gleichen Atemzug nachzuschicken: «Ich rede da nur von der technischen Machbarkeit.» Auch dieses Projekt war schon einmal angedacht, dann aber wieder in der Schublade verschwunden.

Es ist heikel, Gebiete beim Namen zu nennen, die für einen Ausbau der Wasserkraft infrage kommen. Das war schon damals, als er 1987 für das Bundesamt für Energie eine Studie für den Ausbau der Wasserkraft erstellte. Auf dutzenden Seiten wurde das Potenzial ermittelt, was noch vorhanden ist, ohne aber die Namen von betroffenen Anlagen zu nennen, so wie dies auch bei der neuesten Studie von 2004 im Auftrag des BFE der Fall war.

Erstmals Projekte beim Namen genannt

Am Wochenende tat er es was die Vergrösserung von bestehenden Stauseen betrifft. Gegenüber der «NZZ am Sonntag» sprach er von über 10 Talsperren (siehe separate Tabelle), die aufgestockt werden könnten. Die Projekte hatte er allesamt schon in seinen Plänen von 1987 einbezogen. Inzwischen erhöht wurde die Staumauer Mauvoisin (1991) und die Projekte Göscheneralp und Grimsel sind weit fortgeschritten und baureif. Von den restlichen damals untersuchten Talsperren wurde bis jetzt keine weiter verfolgt, «weil das ökonomisch unter den bestehenden Rahmenbedingungen keinen Sinn macht». Das heisst, die Investitionen liessen sich nicht in nützlicher Frist amortisieren. Damit das gegeben wäre, müsste sich der Strompreis zu Spitzenzeiten des Verbrauches nach Ansicht von Schleiss etwa verdoppeln. Allerdings würden Staumauererhöhungen in der Regel nicht mehr Energie liefern, aber die Stromproduktion im kritischen Winterhalbjahr erhöhen, was für die Versorgungssicherheit der Schweiz von grösster Bedeutung ist.

Überhaupt mag sich Schleiss mit den rudimentären Berechnungen des Bundesamtes für Energie nicht recht anfreunden. Er hält das noch verwertbare Potenzial der Wasserkraft in der von Doris Leuthard genannten Höhe kaum realisierbar. Derzeit betrage die Stromproduktion aus Wasserkraft jährlich rund 36 Terawattstunden. Allgemein wird das technisch ausnutzbare Wasserkraftpotential der Schweiz inklusive Kleinwasserkraftwerke auf rund 42 TWh geschätzt. Aber: «Eine 100-prozentige Nutzung ist schlicht nicht möglich.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.06.2011, 17:56 Uhr

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280 Kommentare

Peter Steiner

14.06.2011, 16:25 Uhr
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Wieso wird hier davon geredet, dass es politisch nicht machbar ist einen neuen Stausee zu bauen?
Die ganzen Atomkraftgegner werden sich doch mit Vehemenz dafür einsetzen die Greina oder Teile des Furka-Gebietes fluten zu können.
Oder sind die Atomkraftgegner schlussendlich doch nur grüne Spinner ohne Plan für die Zukunft?
Antworten


Michael Kummer

14.06.2011, 16:28 Uhr
Melden 47 Empfehlung

Mit einer regionalpolitisch nicht ganz sauberen Lösung wären wir die nächsten 100 Jahre alle Sorgen um Stromlücken los: einge gigantische Talsperre bei Martigny! Finanzpolitischer Nebeneffekt: jährliche Einsparungen von rund 600 Millionen Franken. Antworten



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