Osteuropa entdeckt Schweizer Bildungsschlager

An der «Schule Nummer 25» in Rumänien hilft das Schweizer Projekt «Jobs» den Jugendlichen. Und es ist nicht das einzige in Osteuropa.

Die Schweizer Berufslehre – hier Maschinenbau-Lehrlinge in Busslingen AG – stösst auf Interesse in Osteuropa. Foto: Martin Ruetschi

Die Schweizer Berufslehre – hier Maschinenbau-Lehrlinge in Busslingen AG – stösst auf Interesse in Osteuropa. Foto: Martin Ruetschi

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Die Jugendlichen der «Schule Nummer 25», dem Technischen Gymnasium Transsilvaniens, blicken in eine unsichere Zukunft. In Rumänien beträgt die Jugendarbeitslosenquote rund 25 Prozent – das entspricht etwa dem europäischen Durchschnitt. Das Problem: Weil fast alle Jugendlichen ein Universitätsstudium anstreben, fehlen dem Arbeitsmarkt gut ausgebildete Berufsleute. Seit zwei Jahren gibt es deshalb an der «Schule Nummer 25» ein neues Fach: Berufswahlorientierung. Die Schüler recherchieren, welche Berufsangebote es in der Umgebung gibt und besuchen Firmen. Mithilfe von speziell ausgebildeten Lehrern finden die Jugendlichen heraus, für welche Berufe sie sich eignen.

Das Projekt, das «Jobs» heisst, stammt aus der Schweiz. Der Bund steuert im Rahmen des Erweiterungsbeitrags an die osteuropäischen Staaten gut 2 Millionen Franken bei. Verantwortlich für die Umsetzung ist die Pädagogische Hochschule Zürich. Nun soll das typisch schweizerische Fach Berufswahlorientierung in ganz Rumänien eingeführt werden: Die rumänische Bildungsministerin persönlich steht dahinter.

Traumhafte Quote

Auch in der Slowakei setzen die Behörden auf Berufsbildungsexperten aus der Schweiz – dem Land mit der aus ihrer Sicht traumhaften Jugendarbeitslosenquote von rund 3,5 Prozent. Die Slowakei soll bald ein duales Berufsbildungssystem erhalten. Auch in dieses Projekt fliessen rund 4 Millionen Franken aus dem Erweiterungsbeitrag der Schweiz. Das Eidgenössische Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB) erarbeitet für fünf Branchen wie etwa Chemie oder Gastronomie Lehrausbildungsgänge. Über 700 slowakische Berufsschullehrer erhalten eine Ausbildung. Die Schweizer Experten helfen auch dabei, dass sich die eigentlich vorhandenen Berufsbildungsschulen mit der Privatwirtschaft, den Branchenverbänden, absprechen. Das Ziel: Diese Schulen sollen wieder Berufsleute ausbilden, die auf dem Arbeitsmarkt eine Chance haben.

Läuft alles wie geplant, verabschiedet das slowakische Parlament im Frühling ein neues Berufsbildungsgesetz. Damit es so weit kommen konnte, brauchte es Überzeugungsarbeit im Hintergrund: Die Parlamentarier mussten vom Wert der Berufslehre überzeugt werden. Das Lobbying ist nicht nur im Parlament nötig. «Es braucht auch eine Imagekampagne für die Berufslehre», sagt Ralph Friedländer, Programmverantwortlicher der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) für die Slowakei. Die Berufslehre leide in Osteuropa unter einem schlechten Ruf.

Mit der Krise kam das Interesse

Dieses negative Image war auch der Grund, weshalb die osteuropäischen Länder lange kein Interesse zeigten an der Berufslehre. «Als es 2007 darum ging, die Gelder des Erweiterungsbeitrags zu verteilen, wollte ausser der Slowakei kein Land die Berufsbildung voranbringen», sagt Ulrich Stürzinger, Leiter der Abteilung Neue EU-Mitgliedsstaaten bei der Deza. Mit der Wirtschaftskrise habe sich dies verändert. Bulgarien und Kroatien möchten nun ebenfalls ein duales Berufsbildungssystem einführen und zählen auf die Schweiz. Für Bulgarien kann die Deza bis 2016 rund 3 Millionen Franken aus dem Erweiterungsbeitrag einsetzen. Eine treibende Kraft ist die bulgarische Botschafterin in der Schweiz, Meglena Plugtschieva. «Die Schweiz gibt ihre Erfahrung an Bulgarien weiter und beeinflusst das bulgarische Bildungssystem nachhaltig», schreibt sie in einer Deza-Publikation. Das Projekt in Kroatien ist noch nicht so weit fortgeschritten. Auch Polen und Rumänien haben Interesse angemeldet.

Ob das Schweizer Parlament 2017 einen zweiten Erweiterungsbeitrag für die neuen EU-Staaten spricht, ist noch nicht entschieden. Gibt es wieder Geld, rechnet der Bund damit, dass die Berufsbildung ein Schwerpunkt sein wird. Das schreiben die involvierten Bundesämter und Departemente im kürzlich veröffentlichten Strategiebericht zur Internationalen Berufsbildungszusammenarbeit. Sie erwarten eine steigende Nachfrage. Die europäischen Länder mit einem stark akademisch geprägten Bildungssystem seien «immer mehr dem Druck ausgesetzt, ihre Bildungssysteme zu reformieren».

Schweiz soll sich profilieren

Die Bundesämter sehen dabei grosse Chancen für die Schweiz. Die Schweizer Berufsbildung werde im Idealfall international gestärkt, schreiben sie. Davon könnten auch Schweizer Berufsleute im Ausland profitieren. Die Schweiz könne sich zudem aussenpolitisch erfolgreich positionieren und sich als «international solidarisch handelndes Land» profilieren. Dass dies attraktiv ist, haben auch Deutschland und Österreich gemerkt. So vermarktet Deutschland sein duales Berufsbildungssystem in der ganzen Welt unter dem Label «Govet». Der Bund diskutiert ebenfalls die Einführung eines Labels mit dem Namen «Swiss Skilled». Es ist jedoch innerhalb der Verwaltung stark umstritten. Kritiker sagen, die Umsetzung sei zu aufwendig – eine Qualitätskontrolle kaum möglich. Nächstes Jahr werde man die Idee vertieft prüfen, heisst es beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation.

Wird die Berufsbildung zum Schwerpunkt der Osthilfe ausgebaut, dürften auch deutlich mehr Mittel zur Verfügung stehen. Ob es Sinn macht, künftig Dutzende Millionen in die Berufsbildungssysteme einzelner Länder zu investieren, ist allerdings fraglich. «Es braucht vor allem viel Zeit, bis ein solches System funktioniert», sagt Stürzinger. Ideal wäre es, Berufsbildungsprojekte über mindestens 15 Jahre zu begleiten. Es nütze zum Beispiel nichts, den Berufsbildungsschulen für viel Geld neue Maschinen zu kaufen, sagt er. Viel wichtiger sei es, dass sich die Schulen mit der Wirtschaft vernetzten und dass die Berufslehre gesellschaftlich akzeptiert sei. Zudem bringe nicht jedes Land die gleichen Voraussetzungen – etwa existierende Berufsverbände oder ein nationales Berufsbildungsinstitut – mit. Es sei viel leichter, in der Slowakei oder in Kroatien ein duales Berufsbildungssystem zu etablieren als zum Beispiel in Kosovo. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.01.2015, 23:35 Uhr)

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