Parlament will «Schwangerschaften auf Probe» verhindern

Künftig sollen in vitro gezeugte Embryos noch im Reagenzglas auf Chromosomenstörungen – beispielsweise Trisomie 21 – getestet werden können. Der Ständerat hat seinen Widerstand aufgegeben.

Die neue Regelung soll Schwangerschaft auf Proben verhindern:  Eine Spezialistin zieht eine befruchtete Eizelle in eine Pailette ein. (Archivbild: Keystone)

Die neue Regelung soll Schwangerschaft auf Proben verhindern: Eine Spezialistin zieht eine befruchtete Eizelle in eine Pailette ein. (Archivbild: Keystone)

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Einig waren sich National- und Ständerat bisher erst, dass Embryonen künftig bei einer künstlichen Befruchtung auf schwere Erbkrankheiten untersucht werden dürfen. Offen war aber, wie vielen von jährlich rund 6000 Paaren diese Präimplantationsdiagnostik (PID) erlaubt werden soll. Der Ständerat war bisher der Meinung, dass die PID nur angewendet werden darf, wenn bei einem Paar eine familiäre Vorbelastung für eine unheilbare, schwere Erbkrankheit besteht. Nachdem der Nationalrat im Juni deutlich weiter ging, hat sich gestern auch der Ständerat der liberalen Haltung angeschlossen. Künftig sollen im Reagenzglas erzeugte Embryonen nicht nur auf schwere Erbkrankheiten untersucht werden dürfen, sondern auch auf chromosomale Anomalien. Mit diesem Aneuploidie-Screening können etwa Embryonen mit Trisomie 21 eruiert werden, die zum Downsyndom führt.

Mit der bisher restriktiven Linie des Ständerats, die auch der Haltung des Bundesrats entsprach, wäre die PID in 50 bis 100  Fällen pro Jahr zur Anwendung gekommen. Mit der Erweiterung dürfte es bei einem erheblichen Teil der 6000 Paare zu Untersuchungen an deren Embryonen kommen. Felix Gutzwiller (FDP, ZH), der die Zulassung der PID initiiert hatte, sprach von rund 1000 Untersuchungen pro Jahr. Die Gegner der Liberalisierung befürchten, dass bald in den meisten Fällen Chromosomen- und Gentests durchgeführt werden.

«Schwangerschaft auf Probe»

In der Debatte warnten die Gegner aus CVP und SVP erneut davor, dass die Zulassung der Gentests die Eltern unter Druck setzten. Behinderte Kinder würden immer mehr als «vermeidbare Last» angesehen, sagte Brigitte Häberli (CVP/TG). «Es ist Zeit, die Notbremse zu ziehen», sagte Peter Föhn (SVP/SZ). «Es darf nie zu einer Selektion von menschlichem Leben kommen.» Gesundheitsminister Alain Berset warnte, dass die genetischen Untersuchungen eine Selektion nach positiven Kriterien ermöglichten, was zur Eugenik führen könne.

Schliesslich setzte sich nun aber auch im Ständerat das Argument durch, dass die Gentests an Embryonen ausserhalb des Mutterleibs weniger belastend für die Frau seien als in der 11. oder 12. Woche der Schwangerschaft. Werden dann Chromosomenanomalien und Erbkrankheiten entdeckt, entscheiden sich Frauen häufig für die Abtreibung. Die Baslerin Anita Fetz (SP) warf den Anhängern der restriktiven Linie vor, die Frauen zur «Schwangerschaft auf Probe» zu zwingen. Als «zynisch» befand Fetz das Argument Häberlis, bei einer Schwangerschaft entscheide die Frau über das Schicksal des Fötus, während dies bei der PID ausserhalb des Mutterleibs eine unbeteiligte Fachperson tue.

Christine Egerszegi (FDP, AG) wandte sich gegen die Schreckensszenarien der Gegner der PID. Diese werde nicht zur Benachteiligung Behinderter führen. Solche Befürchtungen seien schon bei Einführung der Pränataltests in der Schwangerschaft geäussert worden. Trotz dieser Tests würden wieder mehr Kinder mit Trisomie 21 geboren.

Konflikt um die Höchstzahl

Noch nicht einig sind sich National- und Ständerat über die Zahl der Embryonen, die in einem Behandlungszyklus hergestellt werden dürfen. Der Nationalrat erfüllte die Forderung der Fortpflanzungsmediziner, die keine Höchstzahl mehr wollen. Der Ständerat beschloss nun als Kompromiss, die Obergrenze von drei auf fünf anzuheben, wenn der Embryo nicht untersucht wird. Findet eine Untersuchung statt, dürften künftig zwölf Embryonen hergestellt werden. Die heutige Begrenzung auf drei  Embryonen gilt als ein Grund dafür, dass viele Schweizer Paare in ausländische Kliniken ausweichen. Je mehr Embryonen zur Verfügung stehen, desto höher die Chance einer Schwangerschaft. Die Einführung der PID erfordert eine Verfassungsänderung und damit eine Volksabstimmung.

Samen vom toten Spender

Vom Tisch sind die so genannten Retterbabys. Mittels HLA-Typisierung könnten im Reagenzglas gezeugte Embryos vor der Einpflanzung in den Mutterleib darauf untersucht werden, ob sie immunkompatibel mit einem erkrankten Geschwister sind und diesem beispielsweise mit einer Blutstammzellenspende helfen könnten. Ohne Test stehen die Chancen dafür bei rund 25 Prozent. Für die Mehrheit beider Räte geht das jedoch schon zu stark in Richtung Selektion.

Festgehalten hat der Ständerat an seinem früheren Entscheid, dass Samenzellen auch noch nach dem Tod des Samenspenders verwendet werden dürfen. Der Nationalrat will die Verwendung männlicher wie weiblicher Keimzellen nach dem Tod verbieten.

Die Vorlage geht nun wieder an den Nationalrat. Das letzte Wort hat aber ohnehin das Volk, da es für die Erhöhung der Zahl in vitro erzeugter Embryos eine Verfassungsänderung braucht. Zudem denken insbesondere kirchliche Kreise laut über ein Referendum nach. thu/sda (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.09.2014, 19:13 Uhr)

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