«Pauschaltarife werden für uns zum Problem»

Swisscom-Konzernchef Carsten Schloter kämpft gegen Gratis-SMS und sieht in Musik-Downloads bei Apple eine mögliche neue Umsatzquelle.

«Bündelangebote werden immer wichtiger»: Swisscom-Chef Carsten Schloter.

«Bündelangebote werden immer wichtiger»: Swisscom-Chef Carsten Schloter. Bild: Dominique Meienberg

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Seit knapp einem Monat können iPhone-Nutzer dank einer Apple-Erfindung namens iMessage untereinander gratis SMS verschicken. Spüren Sie schon einen Effekt?
Nein. Für eine vernünftige Beurteilung ist es noch zu früh. Bei den iPhone-Kunden könnte das SMS-Volumen aber um 10 bis 20 Prozent zurückgehen.

Das Spezielle an iMessage ist, dass das Telefon entscheidet, ob die Nachricht gratis oder als normales SMS verschickt wird – ohne das Zutun des Kunden.
Das ist supergut gemacht. Ist die Nachricht blau, ist es gratis. Ist sie grün, muss man bezahlen.

Macht Sie das nicht nervös?
Whatsapp und iMessage sind neue Ausprägungen eines alten Phänomens, an dessen Anfang der Internettelefonie-Dienst Skype stand. Skype hat gezeigt, dass es möglich ist, Dienste wie Sprachtelefonie oder SMS via Internet zu übermitteln. Vor 11 Jahren machte Swisscom (SCMN 527 0.86%) noch 9 Milliarden Franken Umsatz mit Diensten, die pro Einheit abgerechnet werden – pro Minute, pro Nachricht. Heute sind es noch 3 Milliarden – ein Drittel, bei konstantem Gesamtumsatz. In den nächsten 5 Jahren werden die pro Einheit abgerechneten Umsätze wohl ganz wegfallen. Bündelangebote werden hingegen immer wichtiger.

Skype ist kein Massenphänomen. Haben Sie je einen Effekt gespürt?
Indirekt, ja. Durch die Internettelefonie sind die Preise in Bewegung geraten. Die Festnetzanbieter haben angefangen, die Telefonie in die Abos zu integrieren. Genau diese Entwicklung wiederholt sich jetzt. Anbieter wie Skype oder Whatsapp spielen eine grosse Rolle im Markt, weil sie die Verlagerung auf Bündelangebote vorantreiben, in denen alles drin ist. Am Ende bezahlt der Kunde nur noch eine Zugangsgebühr.

Im Festnetz ist diese Zugangsgebühr abhängig von der Bandbreite des Internetabos. Und im Mobilfunk?
Heute ist der Preis abhängig vom Datenvolumen. Allerdings werden wir in den nächsten Jahren Veränderungen sehen. Im Mobilfunk sind die Ressourcen begrenzt. Dem werden künftige Aboformeln Rechnung tragen müssen. Die Abstufung wird nicht wie im Festnetz nur nach Bandbreite erfolgen, sondern auch nach Latenz – also der Reaktionszeit, ein rares Gut im Mobilfunk. Wenn Sie eine E-Mail verschicken, ist Ihnen egal, ob es eine oder zwei Sekunden dauert, bis Ihre Nachricht ankommt. Aber wenn Sie online spielen, ruiniert die kleinste Verzögerung im Netz das Kundenerlebnis. Je leistungsfähiger das Netz, desto mehr wird der Kunde bezahlen müssen.

Also zahlen wir fürs Telefonieren künftig mehr?
Das Grundangebot wird wie bisher immer günstiger werden.

Das günstigste Swisscom-Abo kostet heute weniger als vor fünf Jahren?
Nein, aber wenn Sie die Summe nehmen aus Grundgebühr, Gesprächs-, Daten- und SMS-Kosten, sind die Preise deutlich gesunken. Das erkennt man am durchschnittlichen Umsatz pro Kunde. Er sinkt stark, obwohl Gesprächs- und Datenvolumen permanent steigen.

Aber der Abo-Preis ist in den letzten Jahren eher gestiegen als gesunken.
Klar. Wenn wir neue Bündelangebote entwerfen, müssen wir uns überlegen, wie viel der Kunde heute pro Monat zahlt – Grundgebühr, Gesprächskosten, SMS – und dann, wie wir die einzelnen Pakete positionieren. Der Kunde soll sparen können, indem er auf ein günstigeres Bündelangebot wechselt. Gleichzeitig wollen wir ihm für einen relativ geringen Aufpreis viel mehr bieten. Die meisten Kunden entscheiden sich, ein bisschen mehr zu zahlen.

Dank der Bündelangebote halten Sie die Umsätze. Aber die Profitabilität leidet. Das zeigt das Beispiel der Kurznachrichten. Ein SMS kostet heute praktisch nichts, weil es über einen Steuerungskanal verschickt wird. Die Gratisnachrichten hingegen werden via Internet übermittelt – darum sind die Kosten für die Swisscom viel höher.
Das ist so. Zwar lassen sich die Kosten nicht direkt vergleichen, aber Tatsache ist: Nutzt ein Kunde sein Datenpaket mit 1 bis 2 Gigabyte Volumen voll aus, verlieren wir Geld. Die Mobilfunkindustrie beschäftigt sich seit längerem mit dem Problem, dass die Rechnung mit Flatrates nicht aufgehen kann. Je mehr es Tablet-Computer wie das iPad gibt, desto mehr werden Pauschaltarife zum Problem. Auch darum wird man Abos in Zukunft nach Leistung strukturieren müssen.

Man nimmt dem Kunden die Flatrate nicht weg, sondern drängt ihn zu einem teureren Abo?
Wir lassen ihn entscheiden, ob er mit der aktuellen Netzleistung zufrieden ist oder auf eine höhere Geschwindigkeit wechseln will, die dank neuen Technologien künftig möglich sein wird.

Beeinflusst die Verschiebung von Diensten ins Internet die Wahrnehmung der Kunden von Qualität?
Ja. Die Qualität des Netzes wird dadurch immer besser wahrnehmbar. Je mehr Dienste der Kunde übers Internet nutzt, desto eher spürt er den Unterschied. In der Schweiz haben wir das Glück, dass alle Anbieter relativ gute Netze haben. Aber wenn Sie nach Italien fahren und dort versuchen, auf Ihrem Outlook zu arbeiten, geht plötzlich gar nichts mehr. Sie können keine Nachrichten anklicken, nichts mehr löschen, nichts in einen anderen Ordner verschieben. Nur, weil die Bandbreite nicht reicht.

Sie sprechen aus Erfahrung?
Ja. Ich spreche aus Erfahrung.

In den Niederlanden hat das Parlament entschieden, dass Mobilfunkanbieter keine Zusatzgebühren für die Nutzung von Diensten wie Whatsapp oder Skype verlangen dürfen. Was bedeutet das für die Schweiz?
Für uns wäre es sowieso nie infrage gekommen, für solche Dienste zusätzliche Gebühren zu erheben oder sie gar zu sperren. Das ist nicht bei allen Anbietern so. Sunrise zum Beispiel behält sich in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen vor, Internettelefonie zu blockieren. Wir glauben, dass sich die Entwicklung nicht aufhalten lässt. Mich interessiert eine andere Diskussion viel mehr: Dürfen die Telecomanbieter gegenüber Internetkonzernen wie Skype, Google oder Apple ebenfalls abgestufte Angebote machen? Wenn also Apple will, dass die Kunden einen iTunes-Song in möglichst kurzer Zeit herunterladen können, dürfen wir dem Konzern einen Premium-Dienst verkaufen?

Und, dürfen Sie?
Faktisch wird das heute gemacht, ja. Die Anbieter von digitalen Inhalten zahlen dafür, dass ihre Kunden ein besseres Erlebnis haben. Wäre jeder iTunes-Song am Apple-Hauptsitz in Cupertino gespeichert, würde der Download ewig dauern. Apple bezahlt dafür, dass die Daten näher am Kunden gespeichert werden.

Die Swisscom bekommt Geld von Apple?
Noch nicht, aber hoffentlich bald. Heute sind die Daten ausserhalb des Swisscom-Netzes bei Grosskonzernen wie Akamai zwischengespeichert. Die Datenvolumen wachsen aber so schnell, dass das nicht mehr reicht. Der Speicher muss noch tiefer ins Netz, noch näher an den Kunden. Das ist die Chance für die Swisscom: Wir bauen Datenspeicher und bieten sie Apple und anderen Firmen nicht-diskriminierend an.

Wie konkret sind diese Pläne?
Sehr konkret.

Heisst das, die Swisscom verdient bald an jedem iTunes-Song mit?
Nicht an jedem Download, aber an jedem im Swisscom-Speicher abgelegten Musikstück. Wir werden Speicherkapazität in verschiedenen Güteklassen anbieten. Wer mehr bezahlt, dem garantieren wir das bessere Kundenerlebnis.

Wie viel lässt sich mit einer solchen Dienstleistung verdienen?
Das ist schwierig zu sagen. Ein Player wie Akamai macht über eine Milliarde Dollar Umsatz. Das Potenzial für die Swisscom liegt also vielleicht im zweistelligen Millionenbereich. Zumindest am Anfang. Später dann vielleicht sogar im dreistelligen Millionenbereich.

Und wo werden diese Rechenzentren stehen?
Wir speichern ja heute schon extrem viele Daten im Netz und bauen laufend aus. Vor ein paar Jahren haben wir ein grosses Rechenzentrum gebaut in der Region Bern, ein zweites ist projektiert. Ausserdem bauen wir im Moment in Zürich Binz und Herdern die Kapazität der Rechenleistung aus. Das sind grosse Investitionen. Allein das neue Rechenzentrum in Bern kostet uns 45 Millionen Franken. Der Umbau in der Binz hat eine ähnliche Grössenordnung.

Und wann kommt das erste derartige Angebot auf den Markt?
In den nächsten 18 Monaten.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 12.11.2011, 12:36 Uhr)

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Carsten Schloter

Der 47-Jährige lebt seit über zehn Jahren in der Schweiz. Seit 2006 leitet er die Swisscom. Davor war er sechs Jahre lang Chef der Mobilfunksparte. Schloter wurde in Deutschland geboren, ist aber in Frankreich aufgewachsen und studierte in Paris Betriebswirtschaft. Danach arbeitete er zehn Jahre lang für die Automarke Mercedes und den Mobilfunkkonzern Debitel in Frankreich und wechselte später in die Debitel-Konzernzentrale nach Stuttgart. Als die Swisscom Debitel übernahm, kam er in die Schweiz. Schloter ist perfekt zweisprachig. Der Ausdauersportler lebt von seiner Frau getrennt und hat drei Kinder. (aba)

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