Personenfreizügigkeit macht teure Wohnungen noch teurer

Von Daniel Friedli, Bern. Aktualisiert am 14.07.2010

Der angespannte Wohnungsmarkt drängt Schweizer Haushalte an den Rand.

Das Angebot in den urbanen Zentren ist dünn geworden: Wohnungsbesichtigung auf dem Pflegi-Areal in Zürich.

Das Angebot in den urbanen Zentren ist dünn geworden: Wohnungsbesichtigung auf dem Pflegi-Areal in Zürich.
Bild: Keystone

Ernst Hauri räumt es selber ein. Er habe gedacht, dass sich mit der Wirtschaftskrise und der schwächeren Zuwanderung die Situation schneller entspannen würde, sagt der interimistische Direktor des Bundesamts für Wohnungswesen (BWO). Darum hatte er vor einem Jahr noch prophezeit: «Insgesamt ist mit einer deutlichen Entspannung der Lage auf dem Wohnungsmarkt zu rechnen.»

Der Einfluss hat sich verstärkt

Nun liegt dazu eine aktuelle Studie vor, und sie zeigt, dass Hauris Prognosen zumindest bisher nicht eingetroffen sind – ganz im Gegenteil: «Die Mietwohnungsmärkte haben sich 2009 weiter verknappt», schreiben die Autoren der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Dabei kommt der Zuwanderung eine Schlüsselrolle zu.

Der seit 2004 spürbare Einfluss der Personenfreizügigkeit auf den Wohnungsmarkt hat sich in ihrem Urteil letztes Jahr nochmals verstärkt. Im Vergleich zu früher zwar nur noch ein wenig, aber doch mit Folgen: «Ein Teil der Schweizer Haushalte wurde aus den Zentren verdrängt – entweder, indem diese in der weiteren Agglomeration günstigere Mietwohnungen belegten oder aber in der Peripherie Eigentum erwarben.»

Verdrängung im Gang

Laut Co-Autor Silvio Graf war und ist dieses Problem in den Agglomerationen um Zürich, Genf und Zug am virulentesten, auch wenn sich die Märkte dort 2009 auf hohem Preisniveau eher entspannt haben. Dafür hat sich das Angebot in vielen Agglomerationen verknappt, zum Beispiel in Schwyz, am Bodenseeufer und um den Neuenburgersee, aber auch in und um Bern. Auch darin sehen die Autoren eine Folge der Zuwanderung, die sie etwas plakativ so beschreiben: Die meist gut situierten Zuwanderer – die Kaufkraft ausländischer Haushalte hat stärker zugelegt als jene der schweizerischen – siedeln sich in den teuren urbanen Zentren an.

Viele Schweizer weichen in die Agglomeration aus, wo der Wohnungsbestand noch wachsen kann. Als Konsequenz daraus sind auch dort die Preise im jeweils teuersten Drittel der verschiedenen Wohnungskategorien überdurchschnittlich stark gestiegen.

Mit Sorge verfolgt der Mieterverband diese Entwicklung, wobei er aber vor falschen Schlüssen warnt. «Es ist zu billig, den Ausländern und der Personenfreizügigkeit die Schuld zu geben», sagt Präsidentin und SP-Nationalrätin Anita Thanei. Den neben jenen Ausländern, die auf dem Wohnungsmarkt fast alles zahlen könnten, gebe es auch jene, die alles nehmen müssten. Thanei ortet das Problem vielmehr bei den Vermietern. Sie würden derzeit ausreizen, was der Markt hergebe. «Viele der hohen Mieten sind missbräuchlich», sagt sie.

Für Quoten-Wohnungen

Für Thanei muss die Politik darum dort ansetzen, mit einem neuen Mietrecht, das den Kündigungsschutz verbessert und es den Mietern einfacher macht, missbräuchliche Mieten anzufechten. Daneben fordert sie aber auch mehr Kreativität beim sozialen Wohnungsbau. Sie wünscht sich, dass Städte und Gemeinden noch stärker Wohngenossenschaften fördern – zum Beispiel indem sie Einzonungen an Quoten für Genossenschaftswohnungen knüpfen oder Bauherren, die sozial bauen, im Sonderbaurecht bevorteilen.

Auch BWO-Chef Hauri erachtet es als sinnvoll, wenn Gemeinden mit solchen Modellen experimentieren. Die Rolle des Bundes sieht er umgekehrt darin, ein investitionsfreundliches Klima zu schaffen und mit Finanzhilfen weiterhin einen Grundstock an günstigem Wohnraum zu fördern. Der Bundesrat plant genau dort Abstriche. Er will – zum Ärger der Linken — via Sparprogramm die Gelder kürzen respektive die Kredite zeitlich erstrecken.

Nichtsdestotrotz geht Hauri davon aus, dass sich seine Prognose, wenn auch verspätet, bewahrheiten wird. Die Bevölkerung wachse langsamer, sagt er, und die Auftragsbücher der Bauwirtschaft seien voll. «Ich tippe auf Entspannung.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2010, 07:34 Uhr

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