Personenfreizügigkeit mit Kollateralschaden

Im reichen Nordeuropa fürchtet man die Armutsmigranten. Doch es kommen vor allem Fachkräfte. Die Verlierer sind deren Herkunftsländer.

Auch die mangelhafte Ausstattung führt zur Abwanderung von Fachkräften: Ein Operationssaal in Bukarest betrachtet durch ein Guckloch.

Auch die mangelhafte Ausstattung führt zur Abwanderung von Fachkräften: Ein Operationssaal in Bukarest betrachtet durch ein Guckloch. Bild: Reuters

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Im alten Europa geht eine Angst um: die Angst vor den Armutsmigranten aus der Peripherie des Kontinents. Dabei sprechen die Zahlen eine andere Sprache. Die neue Mobilität ist für die prosperierenden Staaten Nordeuropas vor allem ein Geschäft: Sie kommen billig zu gut ausgebildeten Fachkräften. Experten zeichnen ein klares Bild: Die Zuwanderer, die etwa in Deutschland selbst aus den ärmsten EU-Staaten Rumänien und Bulgarien ankommen, sind im Mittel besser qualifiziert als die einheimische Bevölkerung. 29 Prozent haben einen Hochschulabschluss im Vergleich zu 19 Prozent im Gastland. Ähnlich ist das Bild in Grossbritannien. Die Zuwanderer sind häufiger erwerbstätig als die Einheimischen und zahlen deutlich mehr Steuern und Sozialbeiträge ein, als sie an Leistungen beziehen.

Verlierer dieser Migration sind die Herkunftsländer. In Bulgarien oder Rumänien herrscht Ärztemangel. «Wir spüren den Medizinermangel deutlich», sagt Daniel Enescu, Leiter des rumänischen Meinungsforschungsinstituts Daedalus in Bukarest: «Es ist richtig schwierig geworden, gute Fachärzte zu finden.» Auch im Bildungssystem sei der Braindrain in den Westen zu spüren. Dort würden schlecht und zu schnell ausgebildete Hilfskräfte die emigrierten Pädagogen ersetzen. «Damit sinkt das Niveau des Unterrichts dramatisch.»

250 Franken Lohn für Ärzte

Das Interesse der Ärzte an der Auswanderung sei ungebrochen gross, sagt Genda Csongor, Leiter von Eumedjob. Die rumänische Agentur ist spezialisiert auf die Vermittlung von medizinischem Personal aus Rumänien und Ungarn an deutsche, österreichische und schweizerische Kliniken. Zwischen 25 und 30 Anfragen erhalte er pro Monat, vor allem von jungen Ärzten und Absolventen des Medizinstudiums, die mehr vom Leben erwarteten als eine Assistenzarztstelle mit Monatslohn 250 Franken (in Rumänien) oder 500 Franken (in Ungarn).

Allerdings sind es nicht nur magere Gehälter, die junge Fachkräfte in die Ferne treiben; sondern auch Korruption, die mangelnde Ausstattung der Spitäler und die fehlenden Anzeichen auf Besserung. «Die schrecklichen Zustände im Gesundheitswesen motivieren nicht, zu bleiben», sagt Csongor. Freilich: Die Vermittlung sei schwieriger geworden, denn in den Städten Deutschlands und der Schweiz sei der Bedarf an Ärzten nun gedeckt: «Wir erweitern unsere Vermittlungstätigkeit deshalb auf Pflegekräfte. Die Nachfrage ist enorm.» Rund drei Millionen Rumänen arbeiten im Ausland, 15 Prozent der Bevölkerung. Seit Beginn der Krise emigrieren kaum noch schlecht ausgebildete Arbeitskräfte. Dafür steigt die Zahl der ausgewanderten Ärzte und Lehrer stetig an. Seit dem Beitritt Rumäniens zur EU 2007 verliessen zwischen 7000 und 10'000 Mediziner das Land. Rumäniens Gesundheitssystem leidet unter dem Exodus: In der Schweiz kommen auf tausend Einwohner 3,6 Ärzte, in Rumänien nur 1,9. Der EU-Schnitt liegt bei 3,3 Ärzten.

Im Dezember publizierte Daedalus eine Umfrage über die Bereitschaft zur Emigration. Von den befragten Rumänen würden 35 Prozent gerne im Ausland leben, vor allem in Deutschland und Grossbritannien. Im osteuropäischen Durchschnitt haben knapp 30 Prozent der Befragten Auswanderungswünsche. Das bedeute aber nicht, dass sie alle auch wirklich ins Ausland gingen, sagt Enescu. Eine Massenauswanderung billiger Arbeitskräfte werde nicht stattfinden. Solange der Lohnunterschied zwischen Ost und West so gross bleibe, «werden die gut Ausgebildeten jedoch weiterhin das Land verlassen». Enescu stellte unlängst fest, dass drei Viertel der Studienkollegen im Ausland arbeiten. Viele schicken einen Teil ihres Lohns nach Hause, um die Familie zu unterstützen.

Dabei ist die Mobilität der neuen EU-Bürger durchaus erwünscht und sogar im EU-Grundrecht verankert. Und tatsächlich wandern die Europäer wie noch nie: Nach der ersten Beitrittswelle von 2004 zog es Hunderttausende Polen von Ost nach West, vor allem nach Grossbritannien, das als eines der wenigen Mitgliedsstaaten von Anfang an auf alle Hürden verzichtete. Danach folgte die Wanderungsbewegung der Rumänen Richtung Italien und Spanien. Mit der Eurokrise geht der Treck neu auch von Süd nach Nord: In Deutschland, den Niederlanden oder Österreich wird zum Teil aktiv Fachpersonal aus Griechenland oder Spanien rekrutiert.

EU will noch mehr Mobilität

EU-Beschäftigungskommissar Laszlo Andor hätte es gerne, die Europäer wären noch mobiler. Im Vergleich zu den Amerikanern sind sie noch immer deutlich sesshafter. Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede und bürokratische Hürden bremsen im grenzenlosen Europa die Mobilität. In Umfragen bezeichnen EU-Bürger die Freizügigkeit zwar als eine der wichtigsten Errungenschaften. Doch nur etwa 3 Prozent haben von dem Recht Gebrauch gemacht, sich in einem anderen Mitgliedsstaat niederzulassen.

Dabei würden in der Doktrin der EU-Kommission die Wanderungsbewegungen helfen, die in den Herkunftsländern grassierende Arbeitslosigkeit zu senken. Auf der anderen Seite könnten die Gastländer ihren Bedarf an Ärzten, Ingenieuren, aber auch Erntehelfern abdecken. Beschäftigungskommissar Andor verweist gerne auf die zwei Millionen freien Stellen in der EU. Er kämpft gegen bürokratische Hürden und will das europaweite Arbeitsvermittlungsnetzwerk Eures verbessern. Der Braindrain ist da nur der Kollateralschaden der Freizügigkeit. Doch wenn die Theorie funktioniert, kehren die rumänischen, bulgarischen oder spanischen Fachkräfte eines Tages wieder zurück – sollten sich die Perspektiven in der Heimat wieder bessern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 25.01.2014, 09:08 Uhr)

Meglena Plugtschieva ist seit 2012 bulgarische Botschafterin in Bern. Sie war Ministerin und Parlamentarierin. (Bild: Adrian Moser)

«Es gibt keinen Ansturm von Bulgaren»

In einzelnen EU-Staaten und in der Schweiz wird ein Ansturm von Zuwanderern aus Bulgarien und Rumänien befürchtet. Zu Recht?
Die Fakten zeichnen ein anderes Bild, gerade für die Schweiz. Aktuell ist die Zuwanderung aus Bulgarien kontingentiert. Doch diese Kontingente – 9090 Kurzaufenthaltsbewilligungen und 1046 B-Bewilligungen – werden wohl auch dieses Jahr nicht ausgeschöpft. Von einem Ansturm kann keine Rede sein. Bulgarien hat immerhin 7,8 Millionen Einwohner.

Zu reden gibt die Armutsmigration.
Von den rund 5000 Bulgaren, die dauerhaft in der Schweiz leben, sind über 80 Prozent gut ausgebildet. Sie arbeiten im Bankwesen, im Gesundheitssystem oder bei internationalen Organisationen. Die Armutsmigration gibt es so nicht. Im Gegenteil: Die Bulgaren zahlen mehr in die Sozialwerke ein, als sie beziehen. Für Bulgarien ist es ein Verlust, dass viele qualifizierte Personen das Land verlassen. Die Leute fehlen uns. Die Schweiz profitiert davon.

So gesehen müssten Sie eigentlich gegen die Personenfreizügigkeit sein.
Vor der Wende gab es in Bulgarien als Land des Ostblocks keine Reisefreiheit. Entsprechend sensibel sind meine Landsleute bei diesem Thema. Der freie Personenverkehr ist mehr als nur ein Recht. Er ist ein Symbol für die Freiheit und eine grosse Errungenschaft der EU.

Im Frühjahr wird der Bundesrat entscheiden, ob er für Bulgarien und Rumänien die volle Personenfreizügigkeit will. Für Sie ist der Fall klar?
Ich möchte mich nicht in innenpolitische Angelegenheiten der Schweiz einmischen. Das Freizügigkeitsabkommen sieht allerdings vor, dass Kontingente nur dann bis 2016 verlängert werden dürfen, wenn «schwerwiegende wirtschaftliche oder soziale Probleme» auftauchen. Solche Probleme kennt die Schweiz bei ihrer tiefen Arbeitslosigkeit nicht. Meine Erwartung wäre, dass die Schweiz die heutigen Beschränkungen aufhebt. Gleichzeitig mache ich mir keine Illusionen darüber, wie die politische Debatte verlaufen wird.

Sie sorgen sich um den Ruf Bulgariens?
Wir arbeiten daran, die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu verbessern. Bulgarien weist eine geringere Staatsverschuldung als die Schweiz auf, die Unternehmenssteuern liegen bei zehn Prozent, wir haben 13 000 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Davon liest man kaum je etwas. Bezieht ein Roma aus Bulgarien Sozialhilfe, sorgt das sofort für Schlagzeilen.
Interview: Stefan Schürer, Bern

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