Schweiz

Politiker sein, ohne Politiker zu werden

Von Hansjörg Müller. Aktualisiert am 25.11.2011 6 Kommentare

Der parteilose Ständerat Thomas Minder passt nicht ins politische Links-rechts-Schema, vertritt aber klare Positionen.

Will unabhängig bleiben: Der neu gewählte Ständerat Thomas Minder war bis zur Lancierung seiner Abzockerinitiative ein «normaler Leserbriefschreiber».

Will unabhängig bleiben: Der neu gewählte Ständerat Thomas Minder war bis zur Lancierung seiner Abzockerinitiative ein «normaler Leserbriefschreiber».
Bild: Reuters

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Die Porträts von Thomas Minder, die in den Zeitungen erschienen sind, beginnen oft stereotyp mit demselben Einstieg: einer Beschreibung des durchdringenden Geruchs, der in Minders Fabrikräumen herrscht. Man kann das auch übertreiben. Dass die Trybol AG, Minders Zahnpastafabrik im schaffhausischen Neuhausen, «die ganze Nachbarschaft aromatisiert», wie die NZZ behauptet, ist ausgemachter Unsinn.

Aber hat man das Firmengebäude erst einmal betreten, dann schlägt es einem mit voller Wucht entgegen, das stimmt schon. Ein Aroma wie in einer Zahnarztpraxis, nur zehnmal so intensiv. Der frisch gewählte Schaffhauser Ständerat Minder (50) empfängt uns in seinen Büroräumen, helles Parkett, an den Wänden alte Reklameschilder aus Blech. So altmodisch, wie es hier aussieht, würde man sich gar nicht wundern, wenn Robert Walser Gehülfe des Firmenchefs wäre.

Politisiert durch die eigene Initiative

Minder, stahlblaue Augen, früh ergrautes Haar, ist in der Politik ein Seiteneinsteiger. «Bisher war ich ein ganz normaler Leserbriefschreiber», erzählt er. «Zum ersten Mal politisch engagiert habe ich mich in der Abzocker-Initiative.» Seine Abzocker-Initiative ist es, die Minder bekannt gemacht hat. Selbst der «Economist» berichtete seinerzeit über «Minders Mission». Dessen Forderungen: Aktionäre eines Unternehmens sollen künftig die Löhne des Managements nach oben begrenzen. Abgangsentschädigungen, sogenannte goldene Fallschirme, sollen verboten werden.

Über die seiner Meinung nach skandalösen Zustände in den Teppichetagen der Banken und Grosskonzerne kann sich Minder auch jetzt noch in Rage reden, etwa über Novartis-Chef Daniel Vasella: «2010 musste Novartis in den USA 422 Millionen Dollar Busse bezahlen wegen unlauteren Wettbewerbs. Trotzdem hat sich Vasellas Lohn enorm erhöht. Niemand übernahm die Verantwortung.» 2006 hat Minder seine Initiative lanciert, 120 000 Unterschriften hat er innerhalb von 18 Monaten gesammelt. 2008 wurde die Initiative in Bern eingereicht. Und dort liegt sie seither. Seit Jahren berät das Parlament über den Initiativtext. Diese Verzögerung ärgert Minder. Überhaupt, der Berner Betrieb. Da gäbe es so einiges, das Thomas Minder gerne ändern würde. Das grösste Übel sind seiner Meinung nach die Lobbyisten: «Ich habe nichts gegen Lobbyismus an sich, aber dass die Interessenvertreter sich während der Session in der Wandelhalle aufhalten, das halte ich für dekadent.»

Ferner sind die vielen Verwaltungsratsmandate der Parlamentarier dem Schaffhauser Unternehmer ein Dorn im Auge. Er habe gelesen, dass der Zürcher FDP-Nationalrat Felix Gutzwiller nur durch seine Mandate noch einmal 300 000 Franken zusätzlich verdiene. Im Wallis gebe es sogar einen Nationalrat, der über 50 Mandate habe. «Das die Leute den überhaupt noch wählen!», ruft Thomas Minder aus und greift sich an den Kopf. Hört man ihm zu, wird einem eines bald einmal klar: Da redet einer ganz und gar nicht wie ein Politiker. Eher wie ein empörter Bürger. Minder kann sich über Gott und die Welt ereifern: über Daniel Vasella, Oswald Grübel, Kaspar Villiger und die «Diffamierungskampagne», welche die Schaffhauser Jungfreisinnigen im Wahlkampf gegen ihn geführt hätten.

Blick voraus im Zorn

Ein wenig irritiert ist man, wenn man Thomas Minder von den «parlamentarischen Mechanismen» sprechen hört, in die er durch seinen Einsatz für die Abzocker-Initiative Einblick erhalten habe. Minder schimpft über die Trägheit des Parlaments, er beklagt sich über das «endlose Geplänkel in den Kommissionen. Und doch will er in ebendiesen Kommissionen Einsitz nehmen. Das tönt, als wolle da einer Politiker sein, ohne Politiker zu werden. Minders Politikerschelte wirkt, als werfe er einen Blick zurück im Zorn, und das, bevor er überhaupt angefangen hat.

Ein Vorwurf, über den sich Thomas Minder zu Recht ärgert, ist die Behauptung, er sei eine «politische Wundertüte» (Radio DRS). Tatsächlich weiss man relativ genau, wo Minder steht, es ist nur einfach so, dass seine Positionen nicht in das herkömmliche Links-rechts-Schema passen: In Einwanderungsfragen steht er der SVP nahe: «Die Linken begreifen gar nicht, welche Folgen die Zuwanderung hat.» Er nennt die Zersiedelung der Landschaft und den Druck auf die Schweizer Sozialwerke, aber auch die Auswirkung auf die Löhne: «Das ist mehr als Dumping. Der Thomas Minder spricht von einem Krieg der Löhne», sagt Minder, der von sich selbst gelegentlich in der dritten Person redet.

Geht es dagegen um Umwelt- und Energiepolitik, ist er ein Grüner: Selbstverständlich fordert er den Atomausstieg und staatliche Anschubfinanzierungen für erneuerbare Energien. Wirtschaftspolitisch sieht er sich als Interessenvertreter der kleinen und mittelgrossen Unternehmen. Zwar schätzt Minder sowohl Christoph Blocher als auch den linken Freiburger SP-Ständerat Alain Berset, doch dass der Schaffhauser Mundwasserfabrikant «verankert im Unverbindlichen» wäre, wie die «Weltwoche» schreibt, das stimmt nicht. «Bei Parteipolitikern wissen die Leute ja, was diese über bestimmte Fragen denken. Ich als Parteiloser muss dagegen klarer Position beziehen», sagt Minder.

Parteilos aus Überzeugung

Welcher Fraktion er sich lieber anschliessen will, der SVP oder den Grünliberalen, hat er noch immer nicht entschieden. Doch eines weiss er sicher: Parteimitglied werden will er nie. «Das wäre das Schlimmste für mich», erklärt er im Brustton der Überzeugung.

Ob Thomas Minder in Bern glücklich werden wird? Dass einer unabhängig bleiben will, muss im Stöckli kein Nachteil sein. 1848, als die moderne Schweiz entstand, nahm man sich bei der Schaffung des Zweikammerparlaments den US-Kongress zum Vorbild. Grosse Senatoren wie der Republikaner John McCain oder der Demokrat Joe Lieberman haben sich um Parteipolitik nie gross gekümmert. Die Amerikaner nennen solche Politiker «Maverick». Im Idealfall kann Minder also ein helvetischer Lieberman oder McCain werden. Wenn da nur die endlosen Kommissionssitzungen nicht wären. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.11.2011, 11:32 Uhr

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6 Kommentare

Gianin May

25.11.2011, 11:44 Uhr
Melden 9 Empfehlung

Der parteilose Ständerat Thomas Minder passt nicht ins politische Links-rechts-Schema, vertritt aber klare Positionen - vielleicht ist das der Grund, er muss nicht polemisieren und keinem Gefallen und kann daher eine klare Meinung haben. Antworten


eva greub

25.11.2011, 11:42 Uhr
Melden 7 Empfehlung

Ich kann Thoms Minder nur zustimmen Antworten



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