Polizeichef Reinhardt: Alles noch viel schlimmer
Von Daniel Foppa. Aktualisiert am 19.02.2010
Markus Reinhardt.
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Sichtlich erschüttert trat die Bündner Justizdirektorin Barbara Janom Steiner (BDP) nach dem Suizid des WEF-Sicherheitschefs Markus Reinhardt vor die Medien. Die politische Vorgesetzte des Polizeikommandanten erklärte: «Die Alkoholprobleme haben seine Arbeit nie beeinträchtigt.» Wie sich nun zeigt, stimmt das keineswegs.
Laut mehreren gut unterrichteten Quellen ist Reinhardt bereits in früheren Jahren mindestens zwei Mal alkoholisiert auf dem WEF-Kommandoposten erschienen – letztmals 2009. Man habe ihm jeweils die Ausrüstung abgenommen und ihn zur Ausnüchterung ins Hotel begleitet. Gegen aussen hin wurde die Abwesenheit des Sicherheitschefs mit einer Unpässlichkeit begründet. Der suchtkranke Reinhardt sei ein «permanentes Sicherheitsrisiko» gewesen, heisst es aus Kreisen, die für die Sicherheit am WEF mitverantwortlich waren. «Die Bündner Regierung setzte auf das Prinzip Hoffnung. Das war grob fahrlässig», sagt ein anderer Insider.
Betrunken in der Öffentlichkeit
Reinhardts Sucht führte dazu, dass er seine Aufgaben als Polizeikommandant nur noch bedingt wahrnehmen konnte. So sei das Korps faktisch vom Stabschef, dem Regionenchef und dem Chef der Kriminalpolizei geführt worden.
Der Kommandant selbst sei immer wieder alkoholisiert in Erscheinung getreten: an Anlässen wie dem 200-Jahr-Jubiläum der Kantonspolizei 2004 und einem Polizeimusik-Konzert 2008 – aber auch an gewöhnlichen Arbeitstagen. Auch sei er mehrfach betrunken Auto gefahren. Blechschäden am Dienstfahrzeug habe Reinhardt entgegen der eigenen Weisung ohne Rapport reparieren lassen. Als er letzten Sommer unverschuldet in Landquart in einen Unfall verwickelt war, drängte der Polizeichef darauf, die Sache gütlich und ohne Beizug der Polizei zu regeln. Gewöhnliche Polizisten, die mit Alkoholproblemen zu kämpfen hatten, mussten hingegen das Korps verlassen. Der Kommandant selbst wurde nie wegen Trunkenheit am Steuer registriert. Zu gross sei die Furcht gewesen, gegen den eigenen Chef vorzugehen.
Phasen der Normalität
Hingenommen wurden diese Zustände während Jahren von der Bündner Regierung. Der mit 33 Jahren zum Justizdirektor gewählte Martin Schmid (FDP) und seine Nachfolgerin Barbara Janom Steiner (BDP) waren als Vorgesetzte im Bild über Reinhardts Sucht.
Auf Anfrage des TA erklärte die Bündner Regierung gestern in einer schriftlichen Stellungnahme: «Die Alkoholprobleme des Polizeikommandanten waren seit einigen Jahren Gegenstand von Orientierungen der Gesamtregierung.» Phasen der Normalität hätten sich mit solchen erhöhten Beobachtungs- und Behandlungsbedarfes abgewechselt. In letzter Zeit habe sogar Hoffnung bestanden, dass Reinhardt das Problem in den Griff bekomme. Die Regierung betont zudem: «Wichtig erschien der Regierung, zwischen Amtsführung und Privatleben zu unterscheiden.» Gleichzeitig räumt sie ein, dass die beiden Vorfälle von 2004 und 2008 Departementsvorsteher Martin Schmid bekannt gewesen seien und ihm Anlass gegeben hätten, «den Polizeikommandanten darauf anzusprechen». Was konkret gegen Reinhardts Alkoholkrankheit unternommen wurde, will die Regierung nicht sagen.
Heftige Reaktion erwartet
Offensichtlich genügten die getroffenen Massnahmen nicht. Als Reinhardt am Sonntag, 24. Januar, erneut betrunken in der WEF-Zentrale erschien, informierte ein diensthabender Beamter Janom Steiner. Die Justizdirektorin, die ohnehin fürchtete, dass SVP-Sympathisanten im Korps Reinhardt in eine Falle tappen lassen könnten, um ihr als BDP-Politikerin zu schaden, musste handeln.
Laut unbestätigten Angaben flog die Justizdirektorin bereits am Montagabend mit dem Heli nach Davos, um Reinhardt zu treffen. Bestätigt ist, dass Janom Steiner den Polizeichef auf Dienstagmorgen in die Lobby seines Hotels bestellte. Begleitet wurde sie vom Stabs- und vom Regionenchef sowie von zwei bewaffneten Polizisten. Offenbar rechnete sie mit einer heftigen Reaktion. Personen, die Reinhardt gut kannten, kritisieren dieses Vorgehen. Man habe um seine Gefährdung und die panische Angst vor einem Gesichtsverlust gewusst. Deshalb wäre es laut ihnen zwingend gewesen, Reinhardt vorgängig zu entwaffnen.
Guten Ruf nicht in Zweifel ziehen
Die Umstände der Tragödie werden nun von der Geschäftsprüfungskommission des Grossen Rats untersucht. Deren Präsident Gian Duri Ratti (BDP) nimmt das Ergebnis bereits vorweg. Der «Südostschweiz» sagte er, man gehe davon aus, dass die Regierung korrekt gehandelt habe. Er erwarte keine neuen Erkenntnisse. Auch die Parteien wollen den Fall nicht thematisieren – aus Pietätsgründen, wie es heisst.
Janom Steiner ermahnt derweil die Polizei zur Verschwiegenheit: «Sie verstehen sicher, dass ich nicht zulassen kann, dass der gute Ruf unserer Kantonspolizei und Ihrer Arbeit immer wieder von zum Teil anonymer Seite in Zweifel gezogen wird», schrieb sie am 8. Februar allen Polizisten. Alles deutet darauf hin, dass der Fall Reinhardt auch über den Tod des Kommandanten hinaus das bleibt, was er in Graubünden seit Jahren war: ein offenes Geheimnis, über das man nicht spricht.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.02.2010, 11:25 Uhr




